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Leben im Mittelalter

ARTE widmet der mythischen Epoche einen Schwerpunkt mit Spielfilmen, Dokumentationen und zwei Themenabenden vom 2.2.2009 bis 15.2.2009

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Leben im Mittelalter

ARTE widmet der mythischen Epoche einen Schwerpunkt mit Spielfilmen, Dokumentationen und zwei Themenabenden vom 2.2.2009 bis 15.2.2009

Leben im  Mittelalter

Leben im Mittelalter - 12/02/09

"Lehre für ganz Israel"

Jüdisches Kultur- und Alltagsleben am Mittelrhein.


In Speyer, Worms und Mainz befanden sich im Mittelalter die bedeutendsten jüdischen Gemeinden des deutschen Sprachraums. Über ihr alltägliches Leben erfährt man unter anderem im Wormser Machsor, einem reich illustrierten Gebetbuch aus dem 13. Jahrhundert.

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Als SCHUM-Gemeinden sind Speyer, Worms und Mainz in die Geschichte eingegangen – zusammengesetzt ist diese Bezeichnung aus den hebräischen Ortsnamen der drei Städte am Mittelrhein: Schpira für Speyer, Warmaisa für Worms und Mem für Mainz. Juden gab es im heutigen Deutschland zwar schon in den Städten der Römerzeit, doch sind diese Gemeinden mit der römischen Herrschaft untergegangen. Erst im 9./10. Jahrhundert gab es wieder neue Ansiedlungen von Juden aus Frankreich, Italien und Spanien.

Raschi – der große Gelehrte

In den drei mittelrheinischen Bischofsstädten wurden die jüdischen Gemeinden zu intellektuellen und religiösen Zentren, die weithin ausstrahlten. In Mainz machten sich die „Weisen von Mainz“ mit ihren Bibelkommentaren und synagogalen Hymnen einen Namen. In Worms wirkte von 1055 bis 1065 der jüdische Gelehrte Schlomo ben Jizchak, genannt Raschi. Auf ihn geht der wichtigste Talmud-Kommentar des Mittelalters zurück. Die von ihm und seinen Schülern entwickelte Methode von Frage und Gegenfrage begründete eine wichtige Form von jüdischer Wissensaneignung und –weiterentwicklung.

Jüdische Spuren in Worms

Wer auf den Spuren der reichen jüdischen Geschichte wandeln will, wird in Worms gleich an mehreren Stellen fündig:

Die Stadt beherbergt den ältesten erhaltenen jüdischen Friedhof in Europa, auf dem noch Grabsteine aus dem 11. Jahrhundert erhalten sind, eine auf das 12. Jahr-hundert zurück-gehende Synagoge (die nach den Zerstörungen durch die Nationalso-zialisten 1961 wieder-aufgebaut worden ist) und ein rituelles Kultbad (Mikwe) aus dem 12. Jahrhundert. Die unterirdische Badeanlage ist in Sandstein gemauert, eine leicht gesch-wungene Treppe führt in den tonnen-gewölbten Vorraum. Das Tauchbad wird mit Grundwasser gespeist.

In dem hinter der Synagoge gelegenen Raschi-Haus, an dessen Stelle man die mittelalterliche Talmudschule vermutet, sind das Jüdische Museum und das Stadtarchiv untergebracht. Die Ausstellung vermittelt anhand von Modellen, Urkunden, Plänen, Kultobjekten und Fotografien Eindrücke der langen und reichen Geschichte des jüdischen Lebens in Worms.
Raschi stammte aus dem nordfranzösischen Troyes, wohin er 1065 auch zurückkehrte. Der Ruf der Autoritäten in den SCHUM-Gemeinden war so groß, dass selbst aus Jerusalem Anfragen an den Rhein kamen, denn „von unseren Lehrern in Mainz, Worms und Speyer ist die Lehre ausgegangen für ganz Israel“.
Wirtschaftlich kam den rheinischen Juden gleichfalls große Bedeutung zu. Kaiser Heinrich IV. erließ 1074 ein umfangreiches Zollprivileg, in das die Juden explizit mit aufgenommen wurden. Dies belegt ihre Bedeutung für den Handel in jener Zeit. Der Speyrer Jude Kalonymos ben Mair war ein Vertrauter Kaiser Friedrichs I. Barbarossa und besorgte dessen Finanzgeschäfte.

Niedergang und neues jüdisches Leben

In der zweiten Hälfte des 13. und der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts endete die große Zeit der SCHUM-Gemeinden. 1283 gab es bereits ein Pogrom in Mainz, 1349 mussten die Juden als Sündenböcke beim Ausbruch der großen Pest herhalten. Dahinter versteckten sich allerdings oft auch handfeste wirtschaftliche Gründe, denn viele Christen hatten hohe Schulden bei den Juden. Im 15. Jahrhundert kam es zur Wiedergründung jüdischer Gemeinden in Worms, Mainz und Speyer, wobei allein Worms bis in die Neuzeit ein Zentrum blühenden jüdischen Lebens geblieben ist – ausgelöscht erst durch die Nationalsozialisten 1942. Doch das jüdische Leben ist wieder zurückgekehrt: Heute gibt es wieder eine jüdische Gemeinde in Mainz, die auch für Worms und Rheinhessen zuständig ist.

Ein Gebetbuch für die großen Festtage

Aus der Blütezeit der Wormser jüdischen Gemeinde stammt ein Faksimile des Wormser Machsor von 1272 (das Original befindet sich in der Jüdischen National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem). Das hebräische Wort „Machsor“ bezeichnete ursprünglich den Sonnen- und Mondzyklus, später den Zyklus der Feiertage. Die schließlich ebenfalls als Machsor bezeichneten, reich illustrierten Bücher enthalten die Gebete, Schriftlesungen und andere liturgische Texte für die hohen Feiertage des Jahreslaufs. Der zweibändige Wormser Machsor gehört zu den bedeutendsten hebräischen Gebetbüchern des Mittelalters überhaupt. Themen der farbenfrohen Malereien sind Szenen aus dem jüdischen Leben, das himmlische Jerusalem, aber auch Löwen, Elefanten und Tierkreiszeichen finden sich. Einige Blätter zeigen Noten und verweisen auf synagogalen Gesang.

Der älteste Beleg für Jiddisch

Eine Besonderheit sind zwei in Jiddisch geschriebene Zeilen, der wohl älteste Beleg für diese in Mittel- und Osteuropa verbreitete Volkssprache, die zu den germanischen Sprachen zählt, aber auch viele hebräische und slawische Elemente enthält. Geschrieben wurde Jiddisch mit hebräischen Schriftzeichen; in das lateinische Alphabet übertragen lautet der Segensspruch aus dem Wormser Machsor wie folgt: „gut tak im betage se wer dis machasor in beß hakneßeß trage“ („Ein guter Tag sei dem beschieden, der diesen Machsor in die Synagoge trage“).

Der Themenabend
"Geduldet, verdächtigt, verfolgt -
Juden im Mittelalter" am 8.2.2009 wirft einen Blick auf jüdisches Leben am Rhein und präsentiert den Spielfilmklassiker "Ivanhoe" mit Robert Taylor in der Hauptrolle.
Detektivgeschichte.
Dass sich in einem Gebetbuch auch Jagdszenen finden, mag auf den ersten Blick überraschen. Doch das Reh, das von einem Jäger mit seinen Hunden gehetzt wird, ist eine Metapher für die Verfolgung der Juden durch die Christen, und daher häufig zu finden. Auch die SCHUM-Gemeinden haben dies leidvoll erleben müssen: Der Aufruf Papst Urbans II. zur Befreiung der heiligen Stätten in Palästina löste in Europa eine Massenbegeisterung aus, die von den Initiatoren kaum noch kanalisiert werden konnte. Aufgewiegelt durch fanatisierte Prediger entlud sich diese Stimmung in Pogromen an der jüdischen Bevölkerung. In den mittelrheinischen Städten gelang es nur dem Bischof von Speyer, „seine“ Juden zu schützen. In Worms flüchteten die Juden vor den fanatisierten Massen in den Bischofshof, doch da der Bischof selbst nicht anwesend war, gelang es nicht, die Angreifer zurückzuschlagen. Zahlreiche Juden wurden ermordet; nur wer sich taufen ließ, konnte auf Gnade hoffen. Doch nur wenige Jahre später gab es bereits wieder eine jüdische Gemeinde in Worms, und Kaiser Heinrich IV. erlaubte den zwangsgetauften Juden sogar ausdrücklich die Rückkehr zu ihrer Religion.

Hochzeit unterm Baldachin

Stadtarchiv Worms
Raschi-Haus
Hintere Judengasse 6
D-67547 Worms

Jüdisches Museum im Raschi-Haus

April-Oktober
10-12.30 Uhr
13.30-17 Uhr

November-März
10-12.30 Uhr
13.30-16.30 Uhr
Fröhlicher ist das Thema einer anderen Malerei: Zu sehen ist ein jüdisches Brautpaar, das unter einem Hochzeitsbaldachin steht. Dargestellt ist der Moment der Einsegnung des Paars durch den Rabbiner. Dabei steht die Chuppa symbolisch für das Haus bzw. die Familie, die das Brautpaar gründen wird. Rechts im Bild steht der Rabbiner, der wie der Bräutigam einen Judenhut trägt. Seit dem vierten Laterankonzil 1215 mussten jüdische Männer einen solchen Hut als Erkennungszeichen tragen, wobei dies in der Realität wohl nicht so konsequent durchgesetzt wurde, wie dies die Darstellung in der bildenden Kunst suggeriert. Traditionell ist die Braut bei der Hochzeitszeremonie verschleiert. Hat sie die Chuppa erreicht, umkreist sie ihren künftigen Mann siebenmal und erinnert damit unter anderem an die sieben Tage der Schöpfung. Rechtlich vollzogen wird die Trauung, indem der Bräutigam seiner künftigen Frau den Ehering überstreift und dabei spricht: „Durch diesen Ring bist Du mir anvertraut nach dem Gesetz Moses und Israels“. Es folgt die Übergabe des Ehevertrags durch den Bräutigam an die Braut. Darin verspricht er, seine Frau zu ehren und für sie zu sorgen. Nun spricht der Rabbiner die traditionellen sieben Segenssprüche über einem Becher Wein (genau dieser Moment ist im Wormser Machsor dargestellt!), aus dem die Brautleute danach trinken, ehe der Bräutigam ihn zertritt – und damit an die Zerstörung des Tempels in Jerusalem erinnert. Derweil wünschen die Hochzeitsgäste den frisch Vermählten „Masel tow“ („Viel Glück“). Traditionell blickt der Rabbiner während der Trauzeremonie nach Osten, die Brautleute nach Süden (so auch im Wormser Machsor).

Literatur:

Historisches Museum der Pfalz
Europas Juden im Mittelalter
Speyer 2005

Gerd Mentgen
Die Juden in den SCHUM-Gemeinden Speyer, Worms und Mainz
in: DAMALS 12/2004, S. 36-41.

Fritz Reuter Warmaisa. 1000 Jahre Juden in Worms
Worms 1984
Eine andere Malerei illustriert das Schächten, das rituelle Schlachten, wie es bei Juden vorgeschrieben ist. Dazu muss der Schächter das unbetäubte Tier mit einem Schnitt, der gleichzeitig die Halsschlagader, die Luft- und die Speiseröhre durchtrennt, töten und dann ausbluten lassen, denn der Genuss von Blut ist Juden strengstens verboten. Er benötigt dazu ein besonderes Schächtmesser mit scharfer Klinge. Nur Fleisch von auf diese Weise geschlachteten Tieren galt und gilt als koscher und darf von Juden gegessen werden. Schächten durften schon im Mittelalter nur für diesen Beruf ausgebildete, gläubige Juden, die eine entsprechende Bestätigung ihres Rabbiners vorweisen konnten. Oft war der Schächter zugleich Lehrer und Kantor der Gemeinde. Da Juden das Ausüben eines Handwerks verboten war, benötigten die Schächter in Mittelalter und früher Neuzeit zudem eine Ausnahmegenehmigung, die vom jeweiligen Rat der Stadt erteilt wurde.


Uwe A. Oster


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Erstellt: 27-01-09
Letzte Änderung: 12-02-09