JERICHOW
Mit seinem neuesten Film Jerichow ist Christian Petzold erstmals im offiziellen Wettbewerb von Venedig vertreten und verlässt hier das Feld halbfantastischer Erzählungen, die wir seit Gespenster (2005) und Yella (2007) von ihm gewohnt waren, und erzählt in düsteren Farben von der Enge einer Dreiecksbeziehung. Nach dem Muster des Romans The Postman always rings twice von James Cain geht es in dem Film um die junge Laura aus Deutschland (gespielt von der in ihrer Fieberhaftigkeit wundervollen Nina Hoss), die sich nach einer turbulenten Vergangenheit im Gefängnis ihrer ambivalenten Ehe mit dem türkischen Geschäftsmann Ali (Hilmi Sözer) wiederfindet. Als dieser den Ex-Soldaten Thomas als Fahrer einstellt, verliebt sich Laura in ihn. Sehr schnell keimt in dem geheimen, leidenschaftlichen Liebespaar der Gedanke, Ali verschwinden zu lassen… Schon lange bringt Christian Petzold sein Interesse für Menschen zum Ausdruck, die ohne Halt in der Gesellschaft sind. Zu Beginn seines Films konzentriert er sich ganz auf Thomas (gespielt von Benno Fürmann): eine Art athletischer, von den Unbilden des Lebens gebeutelter Vagabund mit stechenden Augen. Mit typisch deutscher Präzision, die auch den Kontext überdeutlich in Szene setzt (den friedlichen kleinen Flecken Jerichow), folgt Petzold den Irrwegen Thomas’, der sich anschickt, in einem leerstehenden Haus und mit einem Job ohne Zukunftsperspektiven ganz bei Null anzufangen. Thomas spiegelt den Prototypen aus Christian Petzolds Filmen wider: Menschen, die nur auf Bewährung draußen sind, ein Gespenst ihrer selbst, und das gilt auch für Ali und Laura. Ersterer ist Ausländer, ein halb alkoholabhängiger Türke, einsam in seiner Ehe und ständig in Sachen Geschäfte unterwegs, weg von seiner bürgerlichen Bleibe. Laura ist zerbrechlich, zurückhaltend und geprägt durch eine verkorkste Vergangenheit, von der sie sich nicht befreien kann, genauso wenig wie von Ali, von dem sie finanziell abhängig ist. Mit der geschickt inszenierten Begegnung der drei Persönlichkeiten weitet sich der beinahe klinisch präzise Blick von Christian Petzold. Die immer strahlenderen Bilder, brillanten Farben und Landschaftsaufnahmen und die raffinierten Einstellungen kontrastieren auf schreckliche Weise mit der Tragik der Szenen. Christian Petzold erschafft hier eine ganz neue Form der Abstraktion auf halbem Weg zwischen Film Noir, leidenschaftlicher Romanze und nüchterner Darstellung der Gesellschaft.

Von Christian Petzold
Deutschland, 2008, 93 Min.
Mit Benno Fürmann, Nina Hoss, Hilmi Sözer
Wettbewerb – ARTE-Koproduktion

Unterschwelliges Thema ist das Geld, dem die beiden mittellosen Deutschen zum Opfern gefallen sind. Paradoxerweise wird klar, dass auch der reiche Ali trotz allem Anschein nicht wirklich damit umgehen kann. Lauras emblematischer Ausspruch „Wenn du kein Geld hast, kannst du nicht lieben“ trägt etwas von der Prostitution in sich, in der sie tatsächlich lebt, und verweist zugleich auf das Drama der Ohnmacht und rasenden Eifersucht des Geschäftsmannes. Mit Jerichow bereichert Christian Petzold seine Filmographie subtil um ein weiteres Werk, mit dem er einmal mehr seinen Anliegen auf herausragende Weise gerecht wird.
PA-RA-DA
Leider hat Marco Pontecorvo aus Italien mit seinem Film PA-RA-DA (Sektion Orizzonti), der auf der wahren Geschichte des Clowns und Lieblings der Straßenkinder von Bukarest Miloud Oukili basiert, nicht so viel Erfolg wie sein deutscher Kollege. Natürlich sind die guten Vorsätze eines solchen Projektes nicht zu verleugnen, aber der Film zeigt, wie unzureichend sie manchmal sind und bei aller absoluten Zustimmung zur Intention nur in einer unfertigen und verworrenen Umsetzung münden. Der Regisseur, der u. a. Kameramann bei Antonionis Beitrag zum Episodenfilm „Eros“ war, hätte sich vielleicht mehr mit den Kriterien Raum und Zeit auseinandersetzen sollen, die dem italienischen Meister so sehr am Herzen lagen.

Von Marco Pontecorvo
Italien, 2008, 100 Min.
Mit Jalil Lespert, Evita Ciri, Gabriel Rauta, Patrice Juiff
Orizzonti

PA-RA-DA ist auf merkwürdige Weise einfach „irgendwie“ gefilmt, als ob die Schulterkamera um jeden Preis ein Unbehagen oder die stinkenden rumänischen Elendsviertel suggerieren sollte, in denen die Kinder leben. Auch ist hier nichts von Dauer, alles scheint vom „cut“ bestimmt, als ob sich ein paar Leute von MTV in den Gassen von Bukarest verirrt hätten. Und trotz der Aufrichtigkeit des Schauspielers Jalil Lespert ist der manichäistische Ausdruck von PA-RA-DA dem allzu expliziten Mitleid nicht zuträglich. Eine verpasste Gelegenheit also, die eine eher nachteilige Bitterkeit hinterlässt.







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