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Berlinale 2009

Verfolgen Sie vom 05. bis 15. Februar mit ARTE und arte.tv das Tagesgeschehen eines der bedeutendsten Filmfestivals der Welt.

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Berlinale 2009 - Schwerpunkte - 11/02/09

Leidenschaft und Leidensbereitschaft

Junge Filmkritiker auf der Berlinale

Heute Abend wird der zweifellos verdiente Filmproduzent und Präsident der Deutschen Filmakademie Günter Rohrbach im Friedrichstadtpalast mit der Berlinale-Kamera geehrt. Derselbe Günter Rohrbach hat sich vor ziemlich genau zwei Jahren einen ganzen Berufsstand kurzfristig zum Feind gemacht, indem er – nachdem seine Produktion „Das Parfum“ nicht auf die erhoffte Begeisterung gestoßen war – im Spiegel unter dem Titel „Das Schmollen der Autisten“ einleitend fragte „Hat die deutsche Filmkritik ausgedient?“. Auf diese als Aufforderung zur Abschaffung der Filmkritik verstandene Polemik reagierte der Verband der deutschen Filmkritik sowie einzelne Kritiker oder auch Filmemacher in gebotener Schärfe, u.a. am Eröffnungsabend der Berlinale vor zwei Jahren in Gestalt von Hans Weingartner. Dieter Kosslick hingegen ging seinerzeit in Deckung: „Alle haben recht“ ließ sich der Leiter der Filmfestspiele zitieren. Misst man Kosslick aber an seinen Handlungen, ergibt sich ein klares Statement für die Filmkritik - als ernsthaften Beruf und kreative Berufung: Beim Berlinale Talent Campus, dem Weltjugendtag der Filmszene, können sich neben Regisseuren, Autoren, Produzenten, Kameraleuten, Editoren, Schauspielern, Art Directors, Production- oder Sound Designern und Komponisten seit 2004 auch junge Filmjournalisten bewerben. Rund 200 Nachwuchskritiker haben das in diesem Jahr getan. Von ihnen wurden acht Talente ausgewählt, die sich jetzt als Kritiker, Reporter und Interviewer auf der Berlinale austoben, wertvolle Netzwerke knüpfen und von namhaften Mentoren ein Feedback erhalten zu ihren täglich auf den websites von Talent Campus, Goethe Institut, Hollywood Reporter und Kooperationspartner Fipresci veröffentlichten Beiträgen. Nach einem einleitenden Seminartag am 6. Februar mit Workshops u.a. von Klaus Leder (Fipresci), Berlinale-Pressefrau Frauke Greiner und der britischen Kritiker-Ikone Peter Cowie bekommen die Talente inzwischen jeden Tag individuelle Aufträge – denn auch die Redaktionen verteilen ihre Artikel nicht unbedingt nach Vorlieben der Kritiker.

Insgesamt drei Filmkritiken, zwei Reportagen und ein Interview wird jeder schreiben, Computer und Arbeitsplätze im Price Waterhouse Cooper Gebäude am Potsdamer Platz stellt die Berlinale. Dort, in den ein echtes redaktionelles Umfeld simulierenden Büros der Talent Press, kümmern sich die externen Mentoren, die niederländische Filmkritikerin und Filmkrant-Chefredakteurin Dana Linssen, Fachbuchautor und Filmjournalist Derek Malcolm, Meenakshi Shedde von der „Times of India“ und schließlich Stephanie Zacharek, Journalistin des amerikanischen Zeitgeistmagazins "Salon.com" um ihre Schützlinge und dort stehen auch die beiden verantwortlichen Redakteure der Talent Press täglich mit Rat und Tat zur Seite. Seit der ersten Talent Press-Runde 2004 ist Oliver Baumgarten in dieser Funktion dabei und freut sich, dass bereits viele Erfolgsstories zu vermelden sind: „Auf jedem der wichtigen internationalen Festivals treffe ich auf Kritiker-Talente der letzten Jahre.“ Viele arbeiten erfolgreich als Filmkritiker oder sogar Herausgeber, gestalten z.T. im Fipresci-Beirat die internationalen Aktivitäten ihrer Zunft mit oder sind – angeregt nicht zuletzt durch die Berlinale – in den Bereich der Festivakuratierung gewechselt. Und, nicht anders als in allen Bereichen kreativen Schaffes und Schaffen-wollens: Von einigen hört man nie wieder etwas.

Die diesjährigen Teilnehmer der Talent Press aber haben sich fest vorgenommen, neben der zweifellos in hohem Maße vorhandenen cineastischen Leidenschaft auch die für diesen Beruf – nicht nur angesichts Polemiken á la Rohrbach – dringend nötige Leidensfähigkeit und Ausdauer mitzubringen. Denn dass das Kritikerdasein nicht immer ein Rosengarten ist, haben fast alle Jungrezensenten schon erfahren müssen: „In meinem Land haben viele eine falsche Vorstellung von der Filmkritik – aus Angst, dass Kritiker nur existieren um die misslungenen Teile ihrer Arbeit herauszupicken, wollen Filmemacher Kritiker oft gar nicht mit ihren Werken vertraut machen“ beschreibt Sitou Ayite die Lage in Togo; in Indien, beklagt das von dort stammende Nachwuchstalent, „ist die einzig anerkannte Reaktion auf einen Film das Bauchgefühl“, Matthew le Cordeur aus Südafrika diagnostiziert desillusioniert „Menschen, die nichts außer den Massenmedien konsumieren, sehen Kritiker als arrogant und immer auf das letzte Wort bedacht – etwas, das die Leute gar nicht mögen“. Jungkritiker Tommaso Tocci floh gar vor der italienischen „Stop-and-Go“- Dauerambivalenz dem eigenen Kino gegenüber nach London: „In Italien mögen wir es, den Tod unseres Kinos zu zelebrieren, nur um am nächsten Tag seine Wiedergeburt euphorisch zu feiern“. Talent Jonas Holmberg geht noch einen Schritt weiter: „Etwas, das das Schwedische Kino mit der Schwedischen Filmkritik verbindet ist der völlige Mangel an Selbstbewusstsein.“ Doch mit Hilfe seiner Erfahrungen beim Talent Campus, von dem er sich an- und aufregende Filme und Menschen verspricht, will er dem entgegenwirken. „Ich denke, Filmemacher und Filmkritiker sollten gleichermaßen ihre Ambitionen verstärken und wenigstens versuchen, daran zu glauben, dass das, was sie tun wichtig ist – auch wenn das Publikum sowohl für Schwedische Filme als auch die Debatten darüber vergleichsweise klein ist.“

Gemeinsam mit ihren Talent Press-Kollegen aus Brasilien, Kanada und Argentinien begeben sich die gerade Zitierten auf die Pfade ihrer Vorbilder wie Godard und Truffaut, die vor dem Filmemachen den schriftlichen Diskurs über dieses Medium wesentlich mitprägten, oder auch Pauline Kael, legendäre US-Kritikerin, die den Satz prägte, was sie über einen Film denke, wisse sie immer erst wenn sie sich hingesetzt und mit Schreiben begonnen habe. Mit dem Schreiben begonnen haben die Talente mittlerweile in großem Feuereifer. Am Ende der Berlinale druckt die „Best of Talent Press“-Broschüre die beiden besten Texte jedes Talents ab und lässt so an deren cineastischer Begeisterung und Fachkompetenz teilhaben – denn auch das Schreiben über bewegte Bilder kann ein viel in Bewegung setzender kreativer Motor sein, lieber Günter Rohrbach.

Kyra Scheurer

Erstellt: 22-01-09
Letzte Änderung: 11-02-09