KrimiWelt auf www.arte.tv - Rezensionen aus der Jury - 26/06/09
Leif GW Persson
Sühne
Krimi-Bestenliste Juli 2009
Der Zeitungsausträger und Fahrradbote Septimus Akofeli findet frühmorgens die Leiche und macht sich sofort verdächtig – denn er klingt kein bisschen hysterisch, als er bei der Polizei anruft. „Der Mann in der Zentrale hatte nicht wissen können, dass Septimus Akofeli für diese Art von Entdeckungen außerordentlich geeignet war. Schon als kleiner Junge hatte er mehr Ermordete und Verstümmelte gesehen als fast alle anderen neun Millionen Einwohner seiner neuen Heimat.“ Es geht um Somalia und Schweden – und um Missverständnisse, Vorurteile, Rassismus. Denn was sagt der Streifenpolizist, der als erster Beamter am Tatort eintrifft, zum ganz friedlich auf der Treppe sitzenden schwarzen Zeugen? „,Erst strecken wir die Hände über den Kopf, dann stehen wir ganz ruhig auf (...)‘. Wer, wir?, hatte Septimus Akofeli gedacht und getan, wie ihm geheißen.“
Der Schwede Leif GW Persson ist einer der erstaunlichsten Kriminalroman-Autoren. Nicht nur ist er auch in der Verbrechensbekämpfungs-Praxis zugange, als Professor für Kriminologie und als Sicherheitsberater – man merkt, dass er genau weiß, wie die Rädchen der Polizeimaschinerie ineinander greifen. Er hat außerdem einen ganz eigenen, so nüchternen wie staubtrocken ironischen Ton gefunden. Und sich den vielleicht unsympathischsten Kommissar der Weltliteratur ausgedacht, den misogynen, rassistischen, korrupten, eingebildeten, versoffenen, verfressenen (und deswegen: fetten), aber leider auch schlauen Evert Bäckström.
Dessen Gedanken dürfen wir in „Sühne“ lesen – und sie sind so vorurteilsgesättigt, krude, ordinär, wie man es dieser Sorte Mann zutraut: Der Ermordete ist (ganz anders als B.!) ein Alki, und also ist es nicht schade um ihn. Frauen, die B.s „Supersalami“ verschmähen, müssen Lesben sein. Die Kollegen sind abgespeichert unter „der schmierige Lappe“, „der finnische Säufer“ oder „die jüngere Mohrin“. Und also gibt es unter all den Stockholmer Ermittlern nach Meinung von B. sowieso nur einen „richtigen Polizisten“: ihn.
Perssons Schweden ist einerseits ein einigermaßen rechtschaffenes kleines Land. Immerhin laufen lauter eingebürgerte Flüchtlinge rum. Aber in einigen Ecken – und in sie vor allem lässt der Autor uns gucken – doch auch schmuddelig. Das Polizeirevier ist keine Ausnahme. Ein Kommissarslohn ist nicht üppig, da nimmt man gern ein bisschen extra (denn muss man nicht nach dem Dienst mindestens die Kneipenrunden finanzieren?). Und wenn es um „mohammedanische Gauner“ geht, sitzt die Waffe beim ein oder anderen Beamten, nicht nur beim berüchtigten B., ein Stück lockerer. Ist ja nicht schade um die „Terroristen“.
Den erfolgreichen, in den Medien gefeierten „Terroristen“-Jäger Bäckström lässt Persson Glückwünsche und sogar Geldgeschenke von braven rassistischen Bürgern erhalten – man glaubt es gleich. Wie überhaupt die Romane des Schweden manchmal sehr lustig, aber nie nett oder gar tröstlich sind. Im ersten Moment können sie zynisch wirken, im zweiten muss man sie leider wohl realistisch nennen.
Sylvia Staude/ Frankfurter Rundschau, April 2009
Evert Bäckström ist ein Sexist und Rassist, homophob, bestechlich, fett und Alkoholiker. Außerdem ist er Kriminalkommissar in Stockholm - eine unsägliche Kombination, die einem der schwedische Autor Leif GW Persson da zumutet. Zunächst scheint die Aufklärung des Mordes an Kalle Danielsson Routine zu sein. Ein Säufer bringt seinen Kumpan wegen irgendeines banalen Streits im Rausch um. Nur dass dieser Danielsson, der in seiner Wohnung mit einem Topfdeckel erschlagen wurde, kein gewöhnlicher Schnapsbruder war, sondern mit dubiosen Bankgeschäften ein recht ordentliches Vermögen gehortet hat. Nachdem der farbige Zeitungsausträger, der die Leiche gefunden hatte, als Täter auszuschließen ist, müssen nun sämtliche Saufkumpane des Toten verhört werden.
Der Zeitungsausträger ist inzwischen, gut verpackt, auf dem Grund eines Sees gelandet. Ein Gerücht aus der Unterwelt bestätigt, dass das alles mit einem Überfall auf einen Geldtransporter zusammenhängt. Die Akteure sind bekannt: es sind Schwerstkriminelle mit Migrantenhintergrund. Schlecht für sie, dass sie auf den waffengeilen Bäckström treffen. Perssons Krimi hat Längen, die allenfalls durch die zynischen inneren Monologe Bäckströms gemildert werden. Der Autor erzählt von tiefgehenden sozialen Problemen, Sein und Schein und kreiert einen schillernden Antihelden. Diesbezüglich ist seine Taktik wirklich frappierend: Nach und nach zeigt sich, es gibt keine Guten, nur Böse und etwas weniger Böse.
Ingeborg Sperl/ Der Standard, 25.04.2009
Im Falle dieses Ermittlers gehen Selbstwahrnehmung und Fremdeinschätzung eklatant auseinander: Während ihn Kollegen als fetten, inkompetenten Dummschwätzer schmähen, sieht sich der Polizist Evert Bäckström in seiner Dauerhybris als ebenso smartes und attraktives Kombinationsgenie, dessen „Supersalami“ die Frauen vertrauen. So verblendet und politisch inkorrekt wie dieser gedrungene Sexist, Rassist und Vielfraß ist derzeit kein europäischer Krimi-Protagonist. Jedenfalls nicht auf der Seite der so genannten Guten. So ungemein witzig und subversiv wie er ist indes auch niemand.
Ersonnen hat diesen Ausbund an Antiheldentum der Schwede Leif GW Persson. Eigentlich sollte der Mann wissen, wovon er schreibt: Er ist im Zweitberuf Kriminologie-Professor. Bäckströms Zweitberufungen indes sind Saufen und Fressen, verstiegene Tagträume und Kollegenschelte. All das schildert Persson so unterhaltsam, dass es dem Leser letztlich egal sein könnte, worum es in „Sühne“ geht, seinem jüngsten Casus. Doch siehe: Spannend und politisch brisant ist das Buch zudem geraten. Chapeau!
Hendrik Werner/Die Welt April 2009
Erstellt: 26-05-09
Letzte Änderung: 26-06-09