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Cannes 2005 - Wettbewerb - 13/05/05

Lemming

Ein Film von Dominik Moll


Wie kommt ein skandinavischer Lemming ins Küchenabflussrohr des idyllischen, südwestfranzösischen Eigenheims von Alain, dem jungen Ingenieur und seiner schönen Frau Benedicte, fragt Dominique Moll in seinem neuen Thriller.

Synopsis: Alain Getty (Laurent Lucas) ist ein sehr talentierter, junger Ingenieur, der für seinen neuen Chef (Alain Dussolier) gerade an einer fliegenden Web-Kamera arbeitet. Die Probleme von Alain, seit 3 Jahren glücklich mit Benedicte (Charlotte Gainsbourg) verheiratet, beginnen ausgerechnet an dem Abend, als der Boss mit seiner Ehefrau (Charlotte Rampling) zum Abendessen kommt. Denn dem jungen Vorzeigepaar sitzen zwei Eheleute gegenüber, deren Verhältnis von Hass und gegenseitiger Verachtung geprägt ist. Bald scheint deren Ehe auch das Leben der Gettys negativ zu beeinflussen.

Im Gespräch mit Dominik Moll
Fotogalerie

Kritik: Lemminge, sagt der in Deutschland aufgewachsene französische Regisseur Dominique Moll, und die ihnen fälschlicherweise zugeschriebene Eigenschaft, im Falle einer Überpopulation freiwillig massenhaft Selbstmord zu begehen, hätten ihn schon immer fasziniert. Was lag also näher, als einen gleichnamigen Film zu machen, dessen Ausgangspunkt ein einziges Bild war – ein in einem Abflussrohr feststeckender, (schein-)toter Lemming? Für einen Thrillerexperten wie Moll die ideale Ausgangssituation, um unsere scheinbar durchorganisierte, sichere und überraschungsfreie bürgerliche Lebenswelt zu demontieren und dem Publikum dabei einen gehörigen Schrecken einzujagen. Schon in „Harry – un ami qui te veut du bien“ oder „Qui a tué bambi?“ hatte sich Moll als Spezialist für den „polar“, das französische Gegenstück des anglo-amerikanischen Thrillers, einen Namen gemacht.

Wie auch seine beiden vorangegangenen Filme funktioniert „Lemming“ nach dem beinahe identischen Strickmuster: Brave Bürger werden von scheinbar ebenso braven Bürgern – in der sozialen Hierarchie möglicherweise sogar etwas höher eingeordnet- unter dem Deckmäntelchen des Einverständnisses und Einhaltens sozialer Spielregelen ganz allmählich in eine erst emotionale und dann gar existentielle Notlage gebracht, die auch die eigenen so zuvor gut gesicherten Abgründe, Begierden und Triebhaftigkeiten schonungslos offenbart. In diesem Fall outet sich ein großbürgerliches Ehepaar – die Rampling in der Rolle der verbitterten Ehefrau, André Dussolier als altersnotgeiler, wenn auch nach außen diskreter Bock – als von eigenem Lebensüberdruss getriebener Unglücksbringer: die miteingeladene Ehefrau nimmt keinerlei Rücksichten auf Höflichkeitsrituale, sondern bricht einen hässlichen Streit vom Zaun, der bald auch das leben der Gastgeber infizieren wird. Parallel dazu lässt Dominique Moll seinen wiederbelebten Lemming für die notwendigen Gruseleffekte sorgen, die bald auch den Zuschauer vor die Frage stellen – was ist in dieser Geschichte noch real und was bereits Einbildung?

Je größer der Grusel, je absurder die Wendungen, desto mehr stellt sich die Frage nach der Verhältnismäßigkeit –im Vergleich zu den begangenen Sünden und zur dabei erlittenen Pein wirkt der mörderische Ehethriller – trotz manchem humoristischem Einsprengsel – allzu aufgeblasen und überkonstruiert. Molls sorgsam gebaute und ausgeleuchtete Bilder sind bei allen Referenzen an große Vorbilder wie Hitchcock oder David Lynch ein wenig statisch, zu wohlgeordnet und letztlich auch zu vorhersehbar, als dass sich der Kälteeffekt bei diesem „polar“ wirklich einstellen könnte.

Martin Rosefeldt

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Lemming
Ein Film von Dominik Moll
(Frankreich, 2004, 129 Min.)
Mit: Laurent Lucas, Charlotte Gainsbourg, Charlotte Rampling, André Dussollier, Jacques Bonnaffé, Véronique Affholder

Erstellt: 12-05-05
Letzte Änderung: 13-05-05