Dieser grenzenlose und grenzüberschreitende Hass ist mit rein historischen Gründen allein nicht zu erklären. Dies wird auch bei Anne Applebaum deutlich, die über die Folgen der Oktoberrevolution schreibt: „Unter dem Deckmantel der Verstaatlichung wurde der Diebstahl glorifiziert“. Man könnte meinen, man höre George W. Bush im Originalton! Wenn überhaupt, liefern doch die Ereignisse der jüngeren Vergangenheit in Russland eher den Beweis des Gegenteils: Liberalisierung, sprich Privatisierung ist Diebstahl!
An vielen historischen Figuren, wie etwa Napoleon, hat sich Hass entzündet, der über die Jahre aber wieder abgeklungen ist. Andere dagegen, wie Robespierre und die Jakobiner, werden auch heute noch blindwütig und hartnäckig verdammt. In Frankreich machen sich die Befürworter der Europäischen Union und der Zergliederung der Nationalstaaten in ein Mosaik von Regionen daran, das politische Erbe ihres Landes in den Schmutz zu ziehen und zu zerstören, weil es dieser von ihnen gewünschten Zerstückelung im Weg steht. Sie stellen die Jakobiner karikaturhaft überzogen als blutrünstige Guillotine-Fanatiker und Paranoiker dar, die in ihren Wahnvorstellungen Komplotte schmiedeten.
Trotzki und den Trotzkisten ergeht es ähnlich, nur noch um ein Vielfaches schlimmer. So schrieb 2002 ein Journalist über Trotzki und seine „Theorie der permanenten Revolution“, wenn „sich von ihr diejenigen leiten lassen, die die Zügel des Staates in der Hand halten, dann sind dem Wahnsinn keine Grenzen mehr gesetzt.“ Die Trotzki-Anhänger, so erfahren wir weiter, bedienen sich „der List ebenso wie des Terrorismus, der Manipulation und der Infiltration, der Verschwörung ebenso wie der Guerillataktik“.Warum wohl fühlen sich noch heute so viele Menschen vom Schreckgespenst Trotzki verfolgt? Zu seiner Zeit wurde er als Repräsentant der russischen Revolution vehement angegriffen. Von Stalin wurde er bekämpft, weil er dieses Erbe verkörperte, den Stalinismus und die in dessen Gefolge entstandene Schmarotzer-Bürokratie kritisch analysierte und eine neue Internationale in der Tradition der drei vorhergegangenen begründen wollte, nachdem die letzte gerade gescheitert war. Aus dem anhaltenden Eifer, mit dem Trotzki karikaturhaft verteufelt wird, kann man nur schließen, dass die mit der Oktoberrevolution von 1917 eingeleitete historische Epoche auch heute noch nicht abgeschlossen ist.
Ein Wort der ermordeten deutschen Revolutionärin Rosa Luxemburg aufgreifend, bekräftigt das von Trotzki formulierte Gründungsmanifest der Kommunistischen Internationale: Die Menschheit steht vor der Wahl: „Sozialismus oder Barbarei“. Der ehemals als Motor der Entwicklung der Produktivkräfte geltende Kapitalismus, der, wie die leeren Begriffe „Globalisierung“ oder „Mondialisierung“ heute zeigen, inzwischen sein imperialistisches Stadium erreicht hat, entblößt sich in seiner überlebten Form als Ursache von Rückschritt und Zerstörung. Die beherrschende Rolle des Kapitals kündigt eine tödliche Krise des Kapitalismus an. Dieser kämpft um sein Überleben, indem er den Abbau der Industrie betreibt und diese durch Schmarotzerindustrien ersetzt: Der Drogenhandel schöpft alljährlich 600 Milliarden Dollar ab und vernichtet Millionen von Menschenleben, das Geschäft mit der Prostitution ist nicht weniger einträglich, im ständig wachsenden sogenannten „Dienstleistungssektor“ werden diverse „Ersatzreligionen“ wie Narkotika verkauft, die nichts anderes sind als heiße Luft. Unter dem Druck des IWF und der Europäischen Union nimmt der Staat seinen Einfluss immer mehr zurück und liefert ganze Wirtschaftsbereiche von vitaler Bedeutung der unstillbaren, zerstörerischen Gier der Privatwirtschaft aus. Der Schutz des Privateigentums führt unsere Zivilisation in den Ruin, wenn die produzierende Klasse, die Klasse der Werktätigen, dieser Entwicklung nicht Einhalt gebietet. Das sagte Karl Marx vorgestern, Jean Jaurès gestern, und das sagen noch heute Trotzki und seine legitimen Erben.Der Kapitalismus unserer Zeit weist die Spuren des Verfalls auf, die schon Trotzki erkannte: Die Arbeitskosten werden systematisch gesenkt, um dem Kapital größtmögliche Gewinne zu verschaffen, Menschen werden massenhaft in Armut gehalten oder in dieselbe gestürzt, so dass sie praktisch keine Kaufkraft mehr haben. Der Rückgang des Konsums führt dazu, dass große Warenmengen keine Abnehmer mehr finden. Das Kapital versucht, dieser Krise zu begegnen, indem es ganze Wirtschaftsbereiche auflöst und die Entwicklung der Rüstungsindustrie fördert; doch auch die produzierten Waffen müssen Abnehmer finden und verkauft werden, um dem Markt neuen Auftrieb zu geben. Das ist der Kern der kriegstreiberischen Politik der USA, deren Präsident nichts anderes ist als die Verkörperung dieser überlebensnotwendigen Strategie des Kapitals. Die durch die permanente Überproduktion ausgelöste Krise geht mit einem Überschuss liquider Finanzmittel einher, die nicht investiert werden, weil es an rentablen Absatzmöglichkeiten mangelt, die nur durch eine Steigerung des Konsums und, damit verbunden, eine Erhöhung der Arbeitskosten geschaffen werden könnten. Dieses volatile Kapital fließt nicht in die Güterproduktion, sondern in Spekulationsgeschäfte und erzeugt eine Wirtschaftsblase, die, obwohl niemand weiß, wie lange es noch so weitergeht, unweigerlich platzen muss. Je nach dem Kräfteverhältnis der organisierten gesellschaftlichen Strukturen kann dieses Platzen der Blase zum Krieg oder zur Revolution oder zu beidem zugleich führen, den Untergang oder die Rettung der menschlichen Zivilisation bedeuten. Der Trotzki entgegenschlagende Hass ist nichts anderes als eine Reaktion auf die Aktualität seines Denkens und seines Erbes.
Jean-Jacques Marie, Dezember 2005.







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