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KrimiWelt auf www.arte.tv - Rezensionen aus der Jury - 24/10/08

Leonardo Padura

Der Nebel von gestern


Ins Havanna der fünfziger Jahre taucht Mario Conde ein, der uns schon im Zyklus des „Havanna-Quartetts“ begleitet hat. Conde hat vor zehn Jahren den Polizeidienst desillusioniert quittiert. Er ernährt sich mühsam vom Aufstöbern und Verkauf alter Bücher. Der Kriminalfall entwickelt sich ganz langsam: In der sehr wertvollen Bibliothek betagter Geschwister stößt Conde auf wahre Schätze von Erstausgaben und längst vergriffenen Prachtbänden. Die beiden Alten müssen die Bücher verkaufen, um nicht zu verhungern. Mario findet in einem Buch einen vergilbten Zeitungsausschnitt, in dem von einer bekannten Bolerosängerin berichtet wird, die sich plötzlich entschlossen hat, für immer mit dem Singen aufzuhören. Das Schicksal dieser jungen Frau beschäftigt ihn, er versucht herauszubekommen, was vor 40 Jahren aus ihr geworden ist und er erfährt, dass sie sich angeblich umgebracht hat. Ihre einzige Schallplatte war im Besitz von Condes Vater, im Schrank unter dem Krimskrams der Jahrzehnte vergraben; Kindheitserinnerungen fallen über Conde her. Paduras Rückblick in die jüngere Geschichte Kubas ist voll Nostalgie. Es ist das Havanna vor der Revolution, das da beschrieben wird, als Meyer Lansky und andere große Gangsterbosse Geld nach Kuba brachten und in Hotels und Bordelle investierten. Es ist das Havanna der florierenden Nachtklubs, der Musik und der Filmstars, als das Leben - zumindest in der melancholischen Rückschau - sorgloser schien. Paduras Drama um eine verlorene Liebe ist ein verzaubertes Labyrinth für Bücherliebhaber voll Verweisen auf kubanische Historiker und exotische Werke. Die tiefe Enttäuschung über die politische Entwicklung in der Gegenwart ist der schroffe Kontrast vor dem die Geschichte unwiderstehlich zu leuchten beginnt.

Ingeborg Sperl/ Der Standard, August 2008


Ein Antiquar auf Höllenfahrt
Ein Antiquar als Ermittler, das verspricht nichts Gutes. Diese liebenswürdigen Bücherwürmer decken ein ganzes Segment des weltweiten Krimimarkts ab: Sie sind gewaltfrei, verschroben, oberflächlich belesen, weltfremd und damit prächtig geeignet als Hätschelkinder eines bildungsbürgerlichen …, nein, eines Lesepublikums, das sich irgendwelchen höheren Werten verpflichet fühlt, die in der realen Welt keinen Platz haben. Von jener realen, eher versifften als hehren Welt handeln aber die guten Krimis, und so ist es schon ein mittleres Wunder, dass in einem der besten Bücher dieses Krimijahres (ja, das kann man behaupten, obwohl noch nicht aller Monate Abend ist) ausgerechnet ein Antiquar ermittelt.

Unerfüllte Hoffnungen
Aber was für einer. Mario Conde, genannt „El Conde“ (der Graf) hat lange für die kubanische Kriminalpolizei gearbeitet, berühmt für seine Pfiffigkeit und seine Ahnungen, die ihn auch die schwierigsten Fälle lösen ließen. Zehn Jahre, bis zum Ende seines 35. Lebensjahrs, war Conde ein mustergültiger Kriminalist. Geleitet von einem Vorgesetzten mit „unbestechlicher Ethik“, hatte er die verborgenen Verbrecher aufgespürt, die im Schatten und geschützt durch das System des kubanischen Sozialismus am Werk waren. Als sein Chef einer politischen Intrige und Säuberungsaktion zum Opfer fiel, solidarisierte Conde sich und kehrte der Polizei den Rücken, in der Hoffnung, jetzt endlich den Roman seiner Generation schreiben zu können. Der Brotberuf des Buchhändlers sollte ihn nahe an sein Ziel bringen. Doch markiert die Existenz als Antiquar das, was ihn noch davon trennt: er handelt mit den geliebten Büchern, und schreibt sie nicht. Und so entspricht Condes Leben dem seiner Landsleute, seiner ganzen Generation. Ewig unerfüllte Hoffnungen.

Die verborgene Generation
Leonardo Padura, der mit seinem Ermittler das Geburtsjahr 1955 teilt, hat sie die „verborgene Generation“ („la generación escondida“) genannt. Geboren kurz vor der Revolution 1959, aufgewachsen unter heroischen Anstrengungen, erwachsen in Mangel, bürokratischer Erstarrung und leeren Versprechungen. In den Romanen des „Havanna-Quartetts“, die Padura weltberühmt gemacht haben, bilden vier Freunde die vier Bezugspunkte der Hoffnung. Doch es sind Geschichten von früher, die sie sich erzählen, Erinnerungen an Jugendträume. Jetzt, in Nebel von gestern, dem Roman der 12 Jahre später spielt, erreicht ihr Tagesglück den Gipfelpunkt in einem großen Gelage, bei dem endlich mal alle richtig satt werden können. Alle vier haben die großen Hoffnungen hinter sich: „Candito“, einst ein hoffnungsvoller Historiker, ist zu den Adventisten konvertiert, Andrés, der Chirurg, ist weggegangen nach Miami, und Carlos, „der Dünne“, vegetiert aufgeschwemmt in seinem Rollstuhl, querschnittgelähmt von einer in Angola für die Weltrevolution eingefangenen Kugel. Und Mario hat immer noch nichts geschrieben.

Nichtigkeiten, Bolero, Lotosblumen
Das einzige, was zählt, sind die Geschichten. Mario wittert eine ganz große, als er in einer seit vierzig Jahren verschlossen gebliebenen Privatbibliothek in einem Kochbuch mit längst nicht mehr herstellbaren kubanischen Spezialitäten einen Zeitungsausschnitt von 1960 entdeckt. „Vanidades“ (Nichtigkeiten) heißt die Zeitschrift und berichtet, Violeta del Río, der aufstrebende Star am Bolero-Himmel, wolle das Singen aufgeben. Nur wenige Monate nach der Ankündigung ihres Rückzugs verstarb die Sängerin, zu den Akten gelegt als Selbstmord. Fasziniert von der Schönheit der Sängerin, angestachelt durch eine uralte Plattenaufnahme, die er im Nachlassgerümpel seines Vaters findet, beginnt Mario Conde mit Nachforschungen bei den wenigen noch lebenden Zeugen jener Zeit. Er ahnt, er ist einem Geheimnis auf der Spur. Während sich die Geier, konkurrrierende Antiquare auf der Suche nach Schätzen, die sie in Dollars und Essen umwandlen können, um die Bibliothek scharen, sucht Conde die Fast-schon-Toten auf. Den Musikjournalisten, einen ausgemergelten Greis mit zerschossener Hand. Die Sängerin und Puffmutter Flor de Loto, die nichts mehr von einer Lotosblume an sich hat, aber immer noch vor denjenigen zittert, die damals eine Mauer des Schweigens um den Tod Violetas errichteten.

Höllenfahrt
Zur Höllenfahrt – Conde erinnert sich an Célines Reise ans Ende der Nacht – wird die Recherche im Altstadtviertel Atarés. Der Gangster Meyer Lansky taucht am Horizont auf, das alte Havanna, das von Batista ausgeplündert wurde, und zugleich eine Metropole war, neben der New York und Paris verblassten. Padura hält die Ebenen traumhaft in der Waage, die Erinnerung ist sehnsüchtig, nie nostalgisch verklärt, die Gegenwart schwer erträglich und vom Vergangenen infiziert, aber immer das einzige, das real ist. Obwohl Padura immer reklamiert hat, der Krimi diene ihm nur als Mittel zur Erzählung, behadelt Der Nebel von gestern auch einen veritablen Kriminalfall; Morde sollen verhindern, dass die Wunden der Vergangenheit erneut aufbrechen. All das, was schon die Tetralogie des „Havanna-Quartetts“ auszeichnete, ist in diesem Meisterwerk des Kubaners zusammengeführt: große Melancholie, Aufbegehren, die Liebe zu einer wunderbaren Insel.

Tobias Gohlis/ARTE, August 2008
(Unredigiertes Manuskript, Veröffentlichung in Spiegel Online am 12.8.08)

Erstellt: 24-10-08
Letzte Änderung: 24-10-08


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