Eric Rohmer - 02/09/08
Les Amours d'Astrée et de Céladon
Im Wettbewerb bei den Filmfestspielen von Venedig 2007
Zur Druidenzeit erleben der Schäfer Céladon und die Schäferin Astrée in einem herrlichen Wald ein ungetrübtes Liebesglück. Doch Astrée fällt auf die Verleumdungen eines Freiers herein und trennt sich von Céladon. Der stürzt sich verzweifelt in einen Fluss, wird jedoch von Nymphen gerettet...
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Zur Druidenzeit erleben der Schäfer Céladon und die Schäferin Astrée in einem herrlichen Wald ein ungetrübtes Liebesglück. Doch Astrée fällt auf die Verleumdungen eines Freiers herein und trennt sich von Céladon. Der stürzt sich verzweifelt in einen Fluss, wird jedoch von Nymphen gerettet. Astrée hält ihn für tot. Céladon hatte seiner Angebeteten geschworen, ihr nicht wieder unter die Augen zu kommen, und muss nun viele Proben bestehen, um den Fluch zu brechen. Liebe und Verzweiflung treiben ihn an den Rand des Wahnsinns, er ist dem Liebeswerben der Nymphen ausgesetzt, sieht andere um Astrées Hand anhalten und muss sich als Frau verkleiden, um wieder mit der Geliebten zusammenzukommen. Kann er sich zu erkennen geben, ohne seinen Schwur zu brechen?
Kritik: Wie Jacques Rivette, der sich in seinem jüngsten Film „Die Herzogin von Langeais“ getreu an den Wortlaut von Balzac-Texten hielt, lässt Eric Rohmer (87), der Altmeister der Nouvelle Vague, die Sprache eines Hirtenromans aus dem 17. Jahrhundert auferstehen: „L’Astrée“ von Honoré d’Urfé. Aus der weitverzweigten Handlung der Vorlage allerdings hat er die Liebesgeschichte Astrée-Céladon herauskristallisiert. Mit dieser Literaturverfilmung, zu der ihn der verstorbene Filmregisseur Pierre Zucca (dem der Film gewidmet ist) anregte, knüpft Rohmer an seine beiden früheren Adaptationen an: „Die Marquise von O…“ (1976) nach Heinrich von Kleists gleichnamiger Novelle und „Perceval le Gallois“ (1979). Bereits in Urfés Romanvorlage wurde ein imaginäres Gallien heraufbeschworen, und auch Rohmer will nicht historisch getreu sein. Er hält es nach eigener Aussage ohnehin für sinnlos, eine Epoche mittels dessen kennen zu lernen, was über sie gesagt wird. Daher sollte man das Zeitprisma seines jüngsten Films eher nach dem Matroschka-Prinzip verstehen: das 21. Jahrhundert blickt auf ein 17. Jahrhundert, das seinerseits ein eher fiktives 5. Jahrhundert betrachtet. So zelebriert der Film einen fröhlichen Anachronismus und eine Poetik des falschen Scheins.
Wie bereits in früheren Filmen sind Rohmers eigentliche Anliegen ganz anderer Natur: Vor allem geht es ihm um Honoré d’Urfés Sprache, die so sorgfältig bewahrt wurde, dass die Schauspieler sämtliche Liaisons beachten mussten. Wichtig war ihm auch das Bühnenbild: Natur und Landschaften durften keine Spuren der Gegenwart tragen (nach langer Suche wurden noch unberührte, malerische Fleckchen in der Auvergne gefunden). Und vor allem stand ein Thema im Mittelpunkt: die Irrungen und Wirrungen der Liebe, hier in Form eines Lobliedes auf die Jugend und auf einen üppig wuchernden Pantheismus.
Wie zuvor arbeitete Rohmer auch wieder mit einem sehr kleinen technischen Stab und umgab sich mit größtenteils unbekannten Schauspielern (außer Serge Renko und Rosette), denen er voll vertraute. Auch diesmal ließ er für jede Szene nur eine einzige Aufnahme zu, weil die ursprünglichen, instinktiven Gefühle der Schauspieler seiner Auffassung nach so am besten erhalten bleiben. Von der Schönheit der Verse begeistert, trägt diese rezitierende Gruppe mit Talent, Kraft und Spontaneität zum großen Erfolg des Films bei. Eine der Entdeckungen ist Andy Gillet in der heiklen Rolle des Céladon. Er überzeugt als leidenschaftlich Liebender ebenso wie als abgewiesener Liebhaber, als zornig Entschlossener, der an den Rand des Wahnsinns gerät, und auch in seiner Verkleidung als Frau, in der er die Geliebte zurückerobern will. Seit „Sommermärchen“ mit Melvil Poupaud (1996) hat sich Rohmer nicht mehr mit solcher Leidenschaft dem Weg eines jungen Mannes mit all seinen widerstreitenden Gefühlen gewidmet.
Während der Regisseur Céladons Zögern und Gewissheit gegenüber einer allmächtigen Liebe ergründet, beobachtet er auch genau das Umfeld seines Helden: die Anhänger der sexuellen Freizügigkeit wie diejenigen, die sich ernsthafter Freundschaften rühmen. Ebenso wie die Romanvorlage, die eine Art Freundschaftsparadies beschreibt, zeigt Rohmer die mannigfachen und verwirrenden Gefühle der Menschen: die Ausschließlichkeit der Liebe, Astrées für die ungute Art zu lieben typische Eifersucht und die falschen Freunde, die insgeheim erotische Interessen verfolgen oder Macht über andere gewinnen wollen. Ab und zu fließt in diese überaus frische Ode an das Leben eine deutliche Hommage an den Stummfilm ein, zum Beispiel erinnern die über Astrées (Stéphanie de Crayencours) Gesicht fliehenden Wolkenschatten an Lillian Gish. Auf poetische Weise wird bei Rohmer die ursprüngliche Komplexität des Lebens und die einer universellen Heuchelei ausgesetzte Vielfalt der Gefühle versinnbildlicht. In einem echt cineastischen, großzügigen und zeitlosen Ansatz schenkt uns der Regisseur ein sinnlich-leichtes Gedicht, ein Elixier der Jugend.
Les Amours d'Astrée et de Céladon
Italien, Spanien, Frankreich, 2006, 101 Min.
Mit: Andy Gillet, Stéphanie de Crayencour, Cécile Cassel, Véronique Raymond, Rosette, Jocelyn Quivrin, Mathilde Mosnier, Rodolphe Pauly, Serge Renko, Arthur Dupont, Priscilla Galland, Olivier Blonf, Alexandre Everest, fanny Vambacas, Caroline Blotière, Alian Libolt, Les Brayauds u.a.
Unter Beteiligung von ARTE
Französischer Kinostart: 5. September 2007
Olivier Bombarda
Erstellt: 30-08-07
Letzte Änderung: 02-09-08