Ein neunhundert-Seiten Roman, ein heikles Thema, ein junger Amerikaner jüdischer Abstammung, der auf Französisch schreibt: "Les Bienveillantes" hatten alles, um bei ihrem Erscheinen in Frankreich einen literarischen Hype auszulösen.
Wie Robert Merle 1953 in "Der Tod ist mein Beruf" beschreibt Littel die Naziverbrechen aus der Perspektive der Henker. Ein SS-Offizier erzählt mit klinischer Kälte die Gräuel, die er begangen hat.
"Für jede Generation ist so etwas wichtig, dass ihnen vielleicht außer den Geschichtsbüchern andere Zugänge einfach angeboten werden."
CHRISTA HELGARTH, Geschichtsprofessorin
"Warum tut man Gutes und warum Böses? Mich interessiert an dem Buch vor allem diese philosophische Fragestellung."
PHILIPPE MEYER, Literaturprofessor
"Unser System, unser Staat, kümmerte sich einen Dreck um das, was seine Diener dachten. Es war ihm gleich, ob einer Juden tötete, weil er sie hasste, weil er Karriere machen wollte oder weil es ihm in gewissem Maße Lust bereitete."
Auszug aus Les Bienvaillantes
Der Roman wird seit seinem Erscheinen intensiv analysiert, interpretiert und mit anderen verglichen. In Frankreich wird er meist als faszinierend und brilliant empfunden. Kritik wird nur selten geübt. Den Psychanalytiker und Psychiater Daniel Lemler überzeugt das Buch nicht, auch wenn er es nicht unnütz findet.
"Das Buch stellt die wesentliche Frage nach der Rolle der Fiktion in der Weitergabe der Shoah und in der Erinnerungsarbeit. Und diese Frage kann man nicht einfach wegwischen, indem man sagt, eine solche Fiktion ist gefährlich, schlecht und schädlich, weil sie fasziniert. Dieser Frage muss man sich einfach stellen."
DANIEL LEMLER, Psychoanalytiker und Psychiater
"In der politischen Philosophie wird oft darauf hingewiesen, dass die Menschen - oder zumindest die Männer - in Kriegszeiten ein ganz grundlegendes Recht verlieren: das Recht auf Leben.Nur selten festgehalten wird dagegen, dass der Bürger gleichzeitig ein anderes Recht verliert: das Recht nicht zu töten."
Auszug aus Les Bienvaillantes:
"Der eigentliche Held dieses Romans ist die Banalität des Bösen. Und da muss man sich natürlich sofort fragen: Trägt die fiktionale Umsetzung dieses äußerst wirksamen und bedeutenden Konzepts von der Banalität des Bösen nicht selbst zur Banalisierung des Bösen bei?"
DANIEL LEMLER, Psychoanalytiker und Psychiater
Angesichts der Verkaufszahlen geht diese Frage allerdings unter. Littel selbst überlässt die Interpretation seinen Lesern. Seine mediale Zurückhaltung - nur wenige Fotos, kein einziger Fernsehauftritt - macht ihn mysteriös. Schüchternheit, sagen die einen, gewieftes Marketing die anderen. Denn Les Bienveillantes faszinieren, sorgen aber auch für Diskussionen.
Links
Das Buch >> Les Bienveillantes, Collection Blanche, Gallimard Verlag, Paris, 2006
Buchrezension>> "Das Monsterbuch aus Paris" von Sylvain Bourmeau, Chefredakteur von "Les Inrockuptibles".






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