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20/01/05

Les super héros

Superhelden. Wer sind sie? Was leisten sie?

Die Vereinigten Staaten des 20. Jahrhunderts waren immer auch die Wiege ihrer eigenen Helden. Von Figuren, die mit den einsamen Pionieren aus früheren Zeiten nicht mehr viel zu tun hatten. Die eine ganz andere Rolle spielten als jene einsamen Individualisten, die nach Westen aufgebrochen waren, um dort endlose Räume für Amerika zu erschließen.

Sie waren die Kinder aus der Zeit zwischen Depression und Zweitem Weltkrieg. Die ersten Spuren ihrer Kolonisierung fanden sich in Comic-Heften, später in zahlreichen Rundfunksendungen und schließlich im Kino und im Fernsehen. Ja, dieser moderne Heldenbetrieb hat sich zu einer eigenen Industrie in den USA ausgewachsen.

Wenn diese Superhelden ihre übernatürlichen Kräfte in den Dienst des kollektiven Glücks und Unglücks einer ganzen Nation stellen, dann sind sie nicht mehr nur Protagonisten eines fiktiven Universums, das dem Einzelnen den Ausbruch aus dem Alltag ermöglicht, sondern sie werden gleichzeitig auch zu Symbolen und zur Speerspitze für die Werte Amerikas.

Diese Mutanten der Spezies Mensch sind hier Engel und dort Dämonen - jedenfalls immer anders als alle anderen, immer extreme Figuren. In ihnen kristallisieren sich die Ängste, die Exzesse, aber auch die Ideale eines Amerika, das durch sein Bedürfnis nach Mythen getrieben wird.

Ob Superman, Batman oder Spider-Man, ob X-Men oder Fantastische Vier: sie alle sind „City-Helden“, sie entstammen dem Dschungel der Großstadt, den Neurosen der modernen Welt - in einem New York, das an die Stelle des alten Olympia getreten ist.

Seit zwei 17-Jährige namens Siegel und Schuster im Jahre 1938 die Figur des Superman aus der Taufe gehoben haben, befindet sich das Genre in ständiger Bewegung und Weiterentwicklung.

Während des zweiten Weltkriegs verstanden sich die ersten Superhelden noch als die Polizisten einer freien Welt, und während Batman seinen Kampf gegen die Unterwelt zu bestehen hat, setzen sich Captain America, Captain Marvel, die Liga für Gerechtigkeit oder auch die Justice Society of America mit dem Nazitum auseinander und kämpfen auch immer wieder gegen den Führer selbst. Und als dieser Krieg ausgefochten ist, engagieren sie sich im Kampf gegen den Kommunismus und verbreiten in Amerika die Warnung vor der „roten Gefahr“.

Der überwältigende Erfolg dieser Superhelden ruft zahllose Neuerscheinungen auf den Plan, und bald sind die Namen dieser ersten Riege von Autoren in aller Munde: Joe Simon und Jack Kirby, Carmine Infantino und Bob Kane sind nur einige von ihnen…

Als dem Genre gegen Ende der 50er Jahre die Luft ausgeht, weil es keine richtigen Kämpfer und damit auch keinen richtigen Kampf mehr gibt, kommt eine Handvoll Drehbuchautoren auf die geniale Idee, die Szene durch die Erfindung der „Super-Schurken“ neu zu beleben. Es entsteht ein eigenes, völlig neues Fach, das offenbar auf einen unerschöpflichen Fundus zurückgreifen kann. Mit dem Auftritt dieser neuen Figuren wird auch der Diskurs modernisiert, und es setzt sich die Einsicht durch, dass das Böse letztlich das unerlässliche Alter Ego des Guten ist.

Aber es entsteht nicht nur eine neue Galerie von Helden, sondern auch die alten Helden werden an die neuen Verhältnisse angepasst. Im Vordergrund stehen nun oftmals das Doppelleben, das sie führen, und die Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben. Die Jugend fühlt sich angesprochen und selbst betroffen, wenn sie von den Identitäts- und Integrationsproblemen dieser „anderen“ Superhelden hört, ob sie nun Spider-Man, Silver Surfer oder Die Fantastischen Vier heißen mögen.

Die neue Welle gerät zum Riesenerfolg. Die großen Verlagshäuser wie Marvel oder DC Comics konsolidieren ihre überlegene Stellung und errichten regelrechte Imperien.

Die geniale Masche des Vielschreibers Stan Lee, der das Genre zu Beginn der 60er Jahre regelrecht revolutioniert hat, besteht darin, seine Bücher in das Universum seiner Leser hineinzuschreiben, sie an den Leser anzupassen. Mit ihm finden all die Themen Eingang in den Comic, die für die Jugend von Interesse sind: es sind die Themen, die sich als Spiegel einer Gesellschaft im ständigen Aufbruch, in permanenter Unruhe eignen: Drogen, Gewalt, Probleme im Job und mit der Liebe, Rassismus, die Hippiegeneration, das Trauma des Vietnamkriegs usw. usw.

Aber auch in der Gestaltung, in der Optik des Comic erleben wir in jener Zeit einen Umbruch wie nie zuvor: während ein Jack Kirby in seiner Handschrift nunmehr restlos ausgereift scheint, tritt in Gestalt von Neal Adams, Gil Kane, John Romita, Jim Steranko oder auch Gene Colan eine neue Generation von Zeichnern auf den Plan, für die Merkmale wie freie Seitengestaltung, dynamische Strichführung und eine wahre Explosion der Farben kennzeichnend sind.

Der vorherrschende Einfluss der amerikanischen Comic Book-Autoren hat sich seither tausendfach bestätigt und nicht nur in den USA, sondern eigentlich in aller Welt auch zahllose andere Künstler aus den unterschiedlichsten Bereichen angesteckt. Große Filmregisseure wie Steven Spielberg, Tim Burton, George Lucas oder Terry Gilliam bekennen sich zu dieser Comic-Kultur, und mit den neuen Technologien, besonders im Bereich der Spezialeffekte, verfügen sie inzwischen auch über die Werkzeuge, um das Genre entsprechend aufzugreifen und seiner Geschichte ein weiteres Kapitel hinzuzufügen.

Mit immer neuen Comicserien, einer wahren Explosion von daraus abgeleiteten Produkten und Kreationen, mit Themen- und Freizeitparks, interaktiven Websites und Videospielen, aber auch mit einer Vielzahl von regelrechten Kultfilmen ist es dem Universum der Superhelden immer wieder gelungen, seit seinen Anfängen in den berühmten Comic Books weiter zu wachsen, sich anzupassen und seine Fans generationenübergreifend anzulocken und zu verführen - wo fänden sie einfacher und direkter Eingang in ihre Traumwelt, in eine Welt der Wunder und der Fantasie?

Wenn es den amerikanischen Künstlern gelingt, Leser aus allen Altersgruppen, aus allen sozialen Schichten, mit dem unterschiedlichsten Bildungshintergrund um sich zu scharen, dann gelingt es ihnen damit gleichzeitig, den Rahmen der reinen Unterhaltung nachhaltig zu sprengen und neben unserer realen Welt eine eigene, kohärente Parallelwelt mit ihren ganz eigenen Gesetzen zu schaffen - eine Welt, deren vordergründige Naivität uns nicht den Blick auf die ganz besondere Perspektive verstellen sollte, die dem Betrachter hier von den USA im 20. Jahrhundert geboten wird. Und auch die internationale Dimension des Phänomens sollte niemand aus den Augen verlieren: die Comic Books werden heute in mehr als 25 verschiedene Sprachen übersetzt!

Seit Beginn des neuen Jahrtausends präsentieren sich die Comics im Übrigen in dunkleren Tönen. Sie wirken nicht nur gedämpfter, sondern auch ernster, düsterer und wie der sehr realitätsnahe Ausdruck einer neuen Form von Gewalt. Während parallel dazu in immer neuen Experimenten das Betätigungsfeld für diese Form künstlerischen Schaffens immer weiter gespannt wird, arbeiten die Künstler zunehmend mit kühnen Schwaz-weiß-Kontrasten und mit Techniken, die Anleihen aus der Malerei erkennen lassen.

Die Steigbügelhalter für den Ausritt ins Reich der Phantasie heißen heute Alex Ross, Frank Miller, Alan Moore und Jim Lee, um nur einige zu nennen.

Wir schreiben das Jahr 2005, und das Abenteuer ist noch lange nicht beendet…

Erstellt: 20-01-05
Letzte Änderung: 20-01-05


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