Schriftgröße: + -
Home > Kultur entdecken > Jahrhundertaufnahmen Jazz > 50 Jahrhundertaufnahmen des Jazz > Young, Lester - The Complete Aladdin Sessions

Jahrhundertaufnahmen Jazz

Ab sofort präsentiert ARTE-Online zusammen mit der SWR 2-Jazzredaktion in einer neuen Reihe die "Jahrhundertaufnahmen des Jazz" – von den Anfängen bis zur (...)

Jahrhundertaufnahmen Jazz

Jahrhundertaufnahmen des Jazz - 12/03/07

Lester Young: The Complete Aladdin Sessions (Vol. 1)

aufgen. 1942 – 1947 (Def Records)


Die Befreiung des Saxofons
Von Günther Huesmann

Die Auswahl im Überblick









Adolphe Sax hatte das Saxophon erfunden, um eine Verbesserung im Bereich der Militärmusik zu erreichen. Lester Young machte ein Medium swingender, rhythmisch leidenschaftlicher Poesie daraus. Es ist als hätte das Sax mehr als ein halbes Jahrhundert darauf gewartet, ein mitfühlendes, warmherziges Instrument in den Händen eines Schwarzen zu werden.
Aufgenommen vor allem zwischen 1945 und 1947 (inklusive einer historischen Session mit Nat King Cole von 1942) zeigen die „Complete Aladdin Sessions“ den Lester-Young-Sound in voller Blüte. Zwar spielte der Tenorsaxophonist seine größten Soli als Sideman für andere Musiker ein. Hier aber deutet Lester Young an, wie es hätte sein können, wenn der sensible introvertierte Mensch Lester Young fürs Bandleading geschaffen gewesen wäre.
Nach seiner traumatischen Zeit in der U.S. Army kehrt er hungrig in die Welt der Musik zurück. Die „Aladdin“-Aufnahmen gelten nicht zuletzt deshalb als seine besten Aufnahmen unter eigenem Namen, weil hier die ganze Erleichterung, Freude und Spiellaune zu spüren ist mit der ein wie befreit aufspielender „Pres“ - wie man ihn auch nannte - in die Welt der Improvisation eintaucht.

Die Auswahl der Stücke fand meist in letzter Minute statt, das Repertoire bestand aus Standards und aus Variationen etablierter Akkordprogressionen. Eine lockere Jam-Session- Atmosphäre scheinbar, eine jedoch nicht ohne Risiko. Der Kritiker Leonard Feather (der eine der New Yorker Sessions produzierte) konstatiert: „Ich erinnere mich an die Session als einen sonderbaren und alles andere als komfortablen Nachmittag. Vor allem, weil Pres sich nicht darum scherte, zu besprechen, welche Stücke gespielt werden sollten, wie oder wann sie anfangen oder enden sollten. Glücklicherweise hatten die Sidemen sensitive Antennen.“
Doch allein die Balladen, die Lester Young für das Label Aladdin einspielte, hätten ausgereicht, um Lester Young für immer einen Platz im Olymp des Jazz zu sichern. „These Foolish Things“ - eingespielt 1945 - gehört zu den herausragenden Liebeserklärungen des Jazz. Und wie so oft bei Young beginnt die Improvisation sofort, gleich bei der Vorstellung des Themas - letzteres ist nicht mehr die alles bestimmende Vorlage, sondern wirkt eher umgekehrt: wie schmückendes Beiwerk für Lester Youngs Improvisation. Hier spielt jemand, der sich trotz Diskriminierung und Rassentrennung einen Raum für Schönheit bewahrt hat - ein „triumph of soul“ über die äußeren Umstande, gerade mal drei Minuten und elf Sekunden lang.

Warm und cool zugleich
Lester Young konnte Melodien öffnen wie eine Rose. In „She’s Funny That Way“, einer melancholischen dunklen Ballade, holt Lester Young alles an lakonischer Sanftmut aus dem Saxophon, die das Instrument herzugeben vermag. Und sogar noch einiges mehr: Denn durch alternative Grifftechniken - sogenanntes “false fingering” - bringt er, ähnlich wie Trompeter mit ihren Dämpfern, “wah-wah”-Effekte hervor, taucht er ein und denselben Ton in die unterschiedlichsten Gefühlsfarben.
Zu einem Wegbereiter des modernen Jazz wurde Lester Young, weil er das Saxofon von allen Ballaststoffen und der sperrigen Klang-Schlacke befreite, die das Instrument seit dem New Orleans-Jazz mit sich herumgeschleppt hatte. Lester Youngs Triumph war die Befreiung der Linie von der Fuß-Fessel des Klanges. Erst durch ihn gewann das Saxophon jene fließende Leichtigkeit und Beweglichkeit, die all die modernen Stilarten des Jazz möglich machten.
Den Stil, den er wie kein anderer mit vorbereiten half - den Bebop - hat er selber nie gespielt, aber wie der moderne Jazz geklungen hätte, wenn Lester Young diesen damals revolutionären Stil gespielt hätte, davon zeugen die Aufnahmen, die der Tenorsaxophonist für das kleine kalifornische Plattenlabel „Aladdin“ machte.
Die Begleitmusiker sind gut ausgewählt. Pianisten wie Dodo Mamarosa (1945) und Argonne Thornton (1946) bringen die harmonische Komplexität und die damals ultramoderne Bud-Powell-Ästhetik ins Spiel, Roy Haynes trommelt als 24jähriger Schlagzeuger zum Teil rhythmisch fordernd - wodurch diese meist liebenswürdig gestimmten Swing-Aufnahmen einen zusätzlichen Drall ins Moderne bekommen.
Und so sind „Movin ‚ with Lester“ und „New Lester Leaps In“ Annäherungen Lester Youngs ans Genre des Bebop - ein Stil zu dessen Schutzpatron er genauso werden sollte. Die jungen Mitmusiker kennen sich im Vokabular der Bebop-Revolution bestens aus. Und so heben sie den Schutzheiligen dieser Bewegung auf den Schild des modernen Jazz ohne dass sich Lester Young dem Formel-Repertoire dieses Stils hätte anpassen müssen.
Songs wie „Confessin“ und „Something to Remember You By“ sind Dokumente bedingungsloser Hingabe, Zeugnisse eine emotionalen Selbstpreisgabe, die gibt und nur gibt, und nicht fragt, was sie bekommt. Seine weichen, milden Linien strotzten zugleich von einer rhythmischen Kraft, die diese Mischung aus Coolness und Vitalität zu einem Höhepunkt der Saxophonentwicklung im Jazz machten.

Die Ballade als unschuldige Utopie
Musikerkollegen berichten, dass er niemals einen Song spielte, dessen Text er nicht kannte. In „Tea for Two“ findet sich Lester Young auf dem sicheren Boden eines Swing-Standards wieder, er „kaut“ die Töne mehr als dass er sich bläst, jede Note geht durch eine andere, feine Geschmacksprobe. Das Solo, eine einzige wohl temperierte Degustation. A votre plaisir.
Die Erniedrigungen, die er als Nicht-Weisser erfuhr, die Traumata von Diskriminierung und Ausgrenzung, die Irritationen, die das alltägliche Leben brachte, hat er konsequent weggehalten von seinem Horn - und so entstand - wie z. B. in „East of the Sun“ - eine musikalische Welt, wie nur er sie erträumte: liebenswürdig, mild, warm und zart, die Ballade als unschuldige Utopie, ein Garten Eden buchstabiert auf dem Tenorsaxophon. Wenn Engel Saxophon spielen würden, sie täten es wie Lester Young.
„Jumpin’ with Symphony Sid“ wiederum sollte zu einer Hymne des Bop werden, der Song zeigt, dass Lester Young, bei all seiner Liebe für die old tunes der Swing-Ära, ein Modernist war, ein Rebell gegen Normen und Klischees, ein Mann, der der Intuition mehr vertraute als einem Scheck.

Sein Solo im „D.B. Blues“ ist viel zu kurz, aber selbst in der Form dieser Miniatur reicht es, um eine Botschaft zu hinterlassen wie sie dahin niemand auf dem Saxophon formuliert hat: Der Sound ist nicht dazu da, um „feste“ Tonhöhen zu treffen. Der Sound ist die Entrittskarte zur Seele. Bei Lester Young ist der Ton deshalb auch keine feststehende Größe. Er ist immer in einer seltsam fließenden Bewegung: nach oben und nach unten, in subtilen Vibrati, in kleinsten Auf- und Abschwüngen von portamenti und glissandi; in einer ständigen Veränderung der Klangfarbe.
Kurz nach den Aufnahmen für „Aladdin“ ging es für Lester Young im freien Fall abwärts. Hier aber erleben wir den Meister der Coolness noch einmal auf einem Höhepunkt seiner mitfühlenden Kunst.
Text: Günther Huesmann

Lester Young: The Complete Aladdin Sessions
(Vol. 1)
1942 – 1947 (Def Records)

Erstellt: 08-09-06
Letzte Änderung: 12-03-07


+ aus Kultur entdecken