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KrimiWelt auf www.arte.tv - Rezensionen aus der Jury - 30/10/09

Linus Reichlin: Der Assistent der Sterne

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Tja, was soll man zu den Büchern von Linus Reichlin sagen? Krimi mit Quanten? Spaß mit physikalisch-philosophischer Erbauung? Essenz durch elegantes Kreisen ums Nichts? Reichlin, geboren 1957, wohnhaft in Zürich und Berlin, lange als Reportagejournalist tätig, vermischt auch in seinem zweiten Kriminalroman Der Assistent der Sterne sein Faible für Genreliteratur mit seiner Leidenschaft für Wissenschaft - und mixt daraus eine wirklich ganz besondere Art von Kriminalliteratur.

Exkommissar Jensen, ein Deutscher mit Wahlheimat Brügge/Belgien, wohnt im Hotel und wird bald Vater. Jensen hat keine finanziellen Sorgen und weil er den Dienst quittiert hat, könnte er sich ganz auf seine Leidenschaft, die Physik konzentrieren. Es könnte alles so einfach sein, wartete da nicht Lulambo vor dem Hotel, ein kongolesischer Feticheur und Schamane. Dieser warnt Jensen, eine bestimmte Person zu treffen, denn die wird Jensen dann töten. Blöd bloß, dass Jensen nicht weiß, dass die schöne Ilunga Lukasi, mit der er ein Physik-Seminar auf einem isländischen Gletscher belegt, mehr mit der Problem-Prophezeiung zu tun hat, als ihm lieb sein kann. Zumal der Exbulle nicht umhin kann, sich und Ilunga vor dem Gletschertod und einem irrsinnigen Physikprofessor zu retten - was wiederum ein Kette von Ereignissen in Gang setzt, die ... aber nein, das wäre zu viel gesagt. Nur so viel: Es endet, wie auch immer, letztlich nicht in Island, auch nicht in Brügge, sondern in Surinam. Fast zumindest.

Hört sich merkwürdig an und ist es auch. Krimi für Leser, die es gerne metaphysisch oder geheimnisvoll - oder zumindest ziemlich selbstironisch mögen. Wobei nie ganz klar wird, wie ernst all die Theorien und Reflexionen genau zu nehmen sind, die da nicht nur in die Handlung eingebaut sind, sondern auch noch von den Handlungsträgern erörtert werden. Aber das ist ja, unter anderem, auch der Trick solcher Art von Literatur: Dass man erstaunt und beifällig nicken kann beim Lesen, zugleich aber nie sicher sein darf, ob es sich hier und da nun wirklich um kluge Anspielungen handelt - oder ob man gerade gewaltig auf den Arm genommen wird. Es gehört dazu, dass man sich etwas blöd vorkommt beim Genuss dieser Geschichte - aber auch ganz schön gut unterhalten.

Jedenfalls ist Der Assistent der Sterne auch deshalb so lesenswert, weil sein Verfasser mehr kann, als nur mit Wissen und Wissensdarstellung zu glänzen: Reichlin zeichnet tolle Figuren, er konstruiert einen schönen Spannungsverlauf, er verfügt über eine treffend präsent-beiläufige Sprache und er schenkt seinen Charakteren viele starke Geschichten.

 

Ulrich Noller/Funkhaus Europa, 7.10.2009

KrimiWelt-Bestenliste November 2009

 

Diese Frau hat Rasse, Klasse - und zudem an den richtigen Stellen die nötige Masse. Als passionierter Hobby-Physiker hat Hannes Jensen für erhabene Festkörper wie den ihren ein untrügliches Gespür. "Sie zog ihren Pullover aus, er knisterte, winzige Funken glühten auf. Wie virtuelle Teilchen dachte Jensen, Teilchen, die im Vakuum des Weltraums permanent entstanden und im selben Moment wieder vernichtet wurden."

Biss, so zeigt sich anderentags an Hannes' Hals, hat seine Interimsgespielin, die er bei einem Seminar in Island kennen- und begehren gelernt hat, außerdem noch. Das wäre an sich nicht weiter problematisch. Aber Herrn Jensen, der trotz friesisch anmutendem Namen aus Baden stammt und trotz sittenwidrigem Verhalten im belgischen Brügge eine kurze Karriere als Polizist gemacht hat, kann an leicht entzündlichen Liebesmalen nicht gelegen sein. Zum einen, weil er just um die Liebe seiner eigentlichen Gefährtin Annick kämpfen muss. Zum anderen, weil einer engen Freundin seiner Herzdame jüngst prophezeit worden ist, ein waghalsig gezeichneter Mann werde sich an ihrer Tochter versündigen.

Willkommen wiederum in der wahrlich wundersamen Welt des Hannes Jensen: Seinem smarten Erfinder Linus Reichlin hat diese formidable Figur schon bei ihrem frappierenden Debüt Die Sehnsucht der Atome (2008) den Deutschen Krimipreis eingetragen.

Auch mit Der Assistent der Sterne, seinem zweiten Hannes-Jensen-Roman, hat er ein höchst originelles Buch vorgelegt, das alle Gesetze der Physik ebenso staunenswert außer Kraft setzt wie jene einer konventionellen Erzähllogik. Fast scheint es, als wolle dieser begnadete Fabulierer in seiner an Wendungen und Windungen reichen Prosa kategorisch jedes Naturgesetz düpieren. So sehr und so bestechend zwingt er neuerlich die Libido von Menschen und Elementarteilchen, die innige Verbindung von Esoterik und Physik und den Zusammenhalt von Mitteleuropa mit dem Rest der Welt in eine dralle Erzählung, dass es schier so scheinen muss, als gehöre alles mit allem zusammen: der Zahnabdruck einer Kurzzeitgeliebten mit dem drohenden Tod eines jungen Mädchens, die auf Kleinstdetails versessene Beobachtungsgabe eines abgehalfterten Schnüfflers mit dem Weltganzen, der individuelle Fetisch eines dubiosen Afro-Wahrsagers mit dem großen Kosmos.

Das alles, man ahnt es bereits, ist gewitzt bis aberwitzig arrangiert. Und doch rangiert der irritierend irre Plot ganz nahe einer vorstellbaren Realität, wenn sich der geneigte Leser wenigstens versuchsweise auf die immanente Folgerichtigkeit des exzessiven Mär-Erzählers namens Reichlin und seines gleichfalls auf verquere Fabeln abonnierten Protagonisten Jensen einlässt. "Es ist nur eine Spielerei", räsoniert Hals-Hannes in poetologischer Absicht am Ende dieser verspielten und bewundernswert doppelbödigen Kriminalroman-Versuchsanordnung. "Eine Schäkerei mit dem Irrationalen." Diese Schäkerei hat Rasse und Klasse; Biss sowieso. Eine Sternstunde des Genres hierzulande. Weitere mögen bitte folgen.

Hendrik Werner/Die Welt 26.9.09

KrimiWelt-Bestenliste November 2009

 

Für seinen Erstling Die Sehnsucht der Atome (2008) hat Reichlin, 52, den Deutschen Krimipreis erhalten. Daß dies mehr als ein Glückstreffer war, belegt jetzt sein neuer Krimi. Hauptfigur ist wieder Hannes Jensen, ein Ex-Bulle und Hobby-Physiker in Brügge. Der 51-Jährige wird durch einen Wahrsager vor einer ihm unbekannten Frau gewarnt. Die beißt ihn bald beim Sex in Island, später gerät er unter Mordverdacht. Dabei hat der Mann eigentlich ganz andere Sorgen, denn seine blinde Freundin ist schwanger.

Auch wenn es klingt: Reichlin geht es nicht bloß um eine schräge Story, sondern auch um Physik und Philosophie. Mitunter gibt es zwar einige Längen (immer dann, wenn Jensen einen Handlungsabschnitt alleine bestreiten muß), aber wie der Autor Wahrsagerei mit dem Phänomen der Quantenverschränkung verbindet, ist erstaunlich. Und ein paar weise Ratschläge hat er auch noch auf Lager: „Es gab ein kleines und ein großes Alter. Das kleine Alter begann mit vierzig, wenn die ersten Störungen auftraten. Diese Zeit muss man unbedingt genießen. Denn sobald man ins große Alter eintrat, setzte sich einem der Tod auf die Knie und bot einem das Du an.“

 

Sven Boedecker/Sonntagszeitung Oktober 2009

KrimiWelt-Bestenliste November 2009

Erstellt: 30-10-09
Letzte Änderung: 30-10-09


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