Schriftgröße: + -
Home > Kultur entdecken > Buch- und Krimiwelt

Buch- und KrimiWelt

Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

> KrimiZeit-Bestenliste in diesem Monat > 03. Linus Reichlin: Die Sehnsucht der Atome

Buch- und KrimiWelt

Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

Buch- und KrimiWelt

KrimiWelt auf www.arte.tv - Zurufe der Jury - 06/06/08

Linus Reichlin: Die Sehnsucht der Atome

Weitere Artikel zum Thema

Linus Reichlin: Die Sehnsucht der AtomeDer gelernte Journalist Linus Reichlin setzt sich mit seinem ersten Krimi beherzt zwischen alle Genre-Stühle: Ein bisschen Reise- und ein sehr schräger Liebes-Roman ist "Die Sehnsucht der Atome", eine kleine Physik- Stunde, eine philosophische Betrachtung über die Macht der Gedanken. Eine große Prise Esoterik steckt drin, aber auch ein bodenständiger Polizist, der immer fein den Kopf behält.

Ungläubig liest man den Klappentext, ungläubig ist man noch, als dann der Amerikaner Brian Ritter, Vater von Zwillingen, in Brügge tot umfällt - denn müssen wir nicht glauben, dass ihn die von ihm und seiner Sauferei geplagten Zehnjährigen sozusagen tot-gebetet haben? Ist Reichlin ein Autor, der Kamikaze nicht scheut? Vielleicht. Aber rechtzeitig nimmt er den Schleudersitz - und macht vor der Landung in der Luft noch ein paar hübsche Salti.

Hannes Jensen, bodenständiger Hobbyphysiker im belgischen politiekorps, hat nur noch wenige Tage zum Vorruhestand, den er fürs Doppelspaltexperiment nutzen will. Da muss er sich mit einem angetrunkenen Ami auseinandersetzen, der behauptet, er werde bedroht. Klar, dass Jensen einen äußerst knappen Bericht schreibt, den Zettel beim Chef ins Eingangskörbchen schmeißt und denkt, damit ist’s erledigt. Da täuscht er sich. Zwischen Brügge und dem mexikanischen Hochland kommen bald eine schöne blinde Frau ins Spiel, eine Gesundbeterin (oder vielleicht doch: Tot- Beterin?), ein liebestoller Kleinwüchsiger, ein Wolf, eine Schlange ....

Zu allem Überfluss ist Jensen zwar einerseits zupackend, andererseits aber Tief-Denker: "Geduld ist die große Tugend der Tiere, dachte Jensen. „Wenn er nervös war wie jetzt, kamen ihm oft solche Dinge in den Sinn, Weisheiten, die in der gegebenen Situation einen Wert von exakt null besaßen." Mitten in einer mexikanischen Bredouille mag das ja stimmen - für den Leser stimmt es nicht. Denn Reichlins philosophische Salti haben Witz und Charme, und fürs Übersinnliche öffnet er immer ein rationales Hintertürchen. Es könnte sein, dass er ein aufmerksamer Leser Fred Vargas’ ist, die mit ihren erstaunlichen Charakteren und einem ganz eigenen Ton bisher ein Solitär war in der Krimilandschaft. Jedenfalls möchte man bald lesen dürfen, wie es weitergeht mit Jensen, seinem unruhigen Ruhestand, dem Doppelspaltexperiment. Reichlin, übernehmen Sie!

Sylvia Staude/Frankfurter Rundschau

.................................................................................
Hannes Jensen heißt der Mann, der den staunenden Leser durch den mutmaßlich originellsten deutschsprachigen Krimi dieses Frühjahrs führt. Wer den Namen Jensen hört, dürfte ihn im Friesischen verorten. Weit gefehlt. Der Inspektor stammt aus Konstanz am Bodensee. Und tut allerdings, einer diffusen Treue zu seiner längst verstorbenen Frau wegen, Dienst im Kommissariat Brügge. Das sind nicht die einzigen örtlichen Merkwürdigkeiten in einem Roman, der vor der überschaubaren Kulisse des Bilderbuchstädtchens in Westflandern beginnt, sich über die Stationen Arizona und Mexiko zu einem veritablen literarischen Roadmovie weitet - und sich am Ende als Beschreibung einer Reise zu den Letzten Dingen erweist.
Dabei scheinen Jensen seine nächsten wie auch letzten Dinge zunächst vorgezeichnet: Fünf Tage trennen ihn nur noch von seinem vorzeitigen Ruhestand. Den will er mit den üblichen Fertiggerichten und jenen drei Dosen Bier verbringen, die er sich täglich gestattet. Vor allem aber will der Kauz endlich Zeit für seine einzige Leidenschaft haben: Quantenphysik. In seinem zum Labor umfunktionierten Keller ist alles vorbereitet für das legendäre Doppelspalt-Experiment. Ein Versuch, der - credo quia absurdum - zeigt, dass Elektronen zugleich Eigenschaften von Welle und Teilchen aufweisen. "Der Physiker Richard Feynman hatte einmal gesagt, das Experiment beinhalte das ganze Geheimnis der Quantenphysik und damit das der Beschaffenheit der Welt schlechthin. Es im eigenen Keller durchzuführen war also eine lohnende Aufgabe, fand Jensen, für jemanden, der im Alter von fünfzig Jahren den Dienst quittiert hatte."
Nicht nur in der Physik mit ihren nur vermeintlich unumstößlichen Gesetzmäßigkeiten kommt es nun allerdings meistens anders und zweitens als man denkt. Jensen, der in Tagträumen bereits in seiner Versuchsanordnung schwelgt, wird an seinem vorvorvorvorletzten Arbeitstag von einem Amerikaner namens Brian Ritter heimgesucht, der sich und seine beiden Söhne bedroht wähnt. Jensen glaubt ihm nicht, weil der Mann ein Säufer ist. Solche Leute mag Jensen, dieser zwanghaft maßvolle Bierkonsument, gar nicht. Auch seine Mutter hatte getrunken. Bis ihr Sohn, damals noch ein Kind, ein Stoßgebet aussandte, sie möge sterben. Wenige Stunden später war sie tot.
Tot ist am Tag nach seiner Visite auf dem Kommissariat auch Brian Miller. Und seine Söhne, die Zwillinge Rick und Oliver, denen der Vater augenscheinlich recht verhasst war, sind verschwunden. Rätsel gibt auch die Todesursache Millers auf, ein mysteriöser Aortariss, den sich selbst Experten nicht erklären können. "Ein Mensch kann auf drei Arten sterben", sagt der Gerichtsmediziner zu Jensen, "durch Krankheit, Unfall oder Mord. Aber wenn ich mir diesen Mann hier anschaue, frage ich mich, ob es nicht noch eine vierte Art gibt."
Was auf dieses Schulbeispiel forensischen Humors folgt, ist aberwitzig und doch nahe einer vorstellbaren Realität: Auf der Suche nach den verschwundenen Jungen macht sich Jensen auf den Weg in Millers Heimat Arizona. Begleitet wird er, wenn auch mehr nolens als volens, von einer blinden Schönen namens Annick O'Hara, einer jungen Witwe, die sich ihm in Brügge mit dubiosen Erklärungen angedient hat.
O'Hara konfrontiert den notorischen Einzelgänger Jensen mit Problemen, gegen die quantenphysikalische Fragestellungen wirken wie Grundrechenarten: Sie ist verstockt, herrisch, duldet keinen Widerspruch und ist bereit, mit jedem Mann zu schlafen, der ihr Informationen über den Verbleib der Jungen in Aussicht stellt - und über das im Wortsinne dunkle Geheimnis, das sie mit den beiden zu verbinden scheint. Denn hinter ihren blinden Augen, die von Zeit zu Zeit bläuliche Wundflüssigkeit absondern, trägt diese Frau eine Leidensgeschichte mit sich, die in der Hölle verfasst worden sein muss.
Auf Jensens und O'Haras Odyssee entlang der Grenzen des menschlichen Vorstellungsvermögens lernt zwar kein Lahmer gehen und kein Blinder das Sehen. Ansonsten aber scheinen zwischen Azteken-Blutritualen und aus den Fugen geratenen Elementarteilchen, schwarzer und weißer Magie, Heilkräften und Unheilsboten, zwischen Blindheit und seherischen Gaben zig Welten auf, die nie zuvor ein Mensch gesehen, geschweige denn begriffen hat. Linus Reichlin erzählt spannend und gewitzt davon; allein schon der Umstand, dass er seinen Plot reichlich mit physikalischen Theorien unterfüttert, ohne dass seine Erzählweise dadurch ihre Leichtigkeit verlöre, nötigt einem erheblichen Respekt ab.
Was seinen Debütroman zudem auszeichnet, ist dessen Verweigerung gegenüber Gepflogenheiten des Genres: Weder lässt der Schweizer den Weg seiner Protagonisten durch Leichen pflastern, noch beugt er sich einer ermüdenden Üblichkeit namens Whodunnit. Der wunderliche Weg seines Hund-und-Katze-Gespanns ist sein Ziel, nicht die Anzahl der Toten oder der Grad ihrer Verstümmelung. Plakative Effekthascherei ist Reichlin trotz seines Faibles für Grenzphänomene angenehm fremd. Stattdessen verwendet er seine Energie auf die psychologisch stimmige Zeichnung der Figuren: Singuläre Charaktere wie Jensen und O'Hara, die von ihren ganz persönlichen Dämonen getrieben werden, haben Seltenheitswert im deutschen Krimi.
Am Ende haben sich Hund Jensen und Katze O'Hara nach existenziellen Grenzerfahrungen einander behutsam angenähert. Und sind dennoch nicht über das Sie hinausgekommen. Sie werden nach ihrer Rückkehr miteinander Tee trinken, beschließen sie. Sobald es Jensens Experimente zulassen, werden sie testen, ob es, anders als beim notorisch einzelgängerischen Heliumatom, wenigstens in der Menschenwelt eine Bindungssehnsucht gibt.
Größere Gefühlsaufwallungen als diese Versuchsanordnung gestatten sich die beiden vorerst nicht. Dafür ist ihre Angst vor Verlust und Verwundung zu groß. Man wünscht ihnen, der Tee möge weniger bitter schmecken als jener, den Jensen bei ihrer ersten Begegnung serviert. Dessen Haltbarkeit war längst abgelaufen. Die Haltbarkeit der Erinnerungen an die Lektüre dieses grandiosen Krimis dagegen wird diesen Frühling, wenn nicht gar das ganze Jahr überdauern.

Hendrik Werner/Die Welt

Erstellt: 25-04-08
Letzte Änderung: 06-06-08


+ aus Kultur entdecken