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"Wir sind das Volk"

Als der Ostblock Geschichte wurde 5/5 - 07/05/09

Litauen: Das Mädchen und die Panzer

In der Nacht zum 13. Januar 1991 rollen in Vilnius, der Hauptstadt der litauischen Sowjetrepublik, russische Panzer. Ihr Ziel ist der Fernsehturm, das Symbol der Unabhängigkeit der kleinen baltischen Republik. Dort haben sich Tausende Litauer versammelt, um ihre Freiheit zu verteidigen, darunter auch die 23-jährige Loreta Asanaviciuté. Als die sowjetischen Truppen anrücken, fassen die Menschen sich an den Händen, bilden eine Kette um den Turm. Insgesamt 14 Litauer sterben in dieser Nacht, in der sowjetische Spezialeinheiten den Fernsehturm einnehmen. Auch Loreta erliegt ihren Verletzungen. Die Dokumentation rekonstruiert die dramatischen Ereignisse, die die Unabhängigkeit Litauens begleiten.

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Mit einer Menschenkette beginnt 1988 der Freiheitskampf der baltischen Staaten. Über 600 Kilometer stehen die Menschen vom litauischen Vilnius im Süden über das lettische Riga bis hin ins estnische Tallinn im Norden Hand in Hand. Auch Loreta Asanaviciuté und ihre Mutter Stase. Die friedliche Aktion soll an die Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Paktes 50 Jahre zuvor erinnern. Jener Pakt zwischen den Nationalsozialisten und den Sowjets hatte das Schicksal der freien baltischen Republiken besiegelt. Der angeblich freiwillige Beitritt Litauens, Lettlands und Estland zur Sowjetunion war ein abgekartetes Spiel. Stase kann sich noch an die kurze Zeit der litauischen Unabhängigkeit zwischen den Weltkriegen erinnern.

Buchtipp

György Dalos: Der Vorhang geht auf.
Das Ende der Diktaturen in Osteuropa.

1989 war der Kommunismus endgültig bankrott. Die Sowjetunion überließ ihre Satellitenstaaten dem eigenen Schicksal, von der "sanften" Revolution in der CSSR bis zum Massaker in Bulgarien. György Dalos hat eine fazinierende Zusammenschau verfaßt.
Als Gorbatschow 1985 an die Macht kommt, steckt die Sowjetunion in der Krise. Er setzt einen weitreichenden Reformprozess in Gang, die Perestroika. Damit geht eine neue Offenheit einher, Glasnost. Auf einmal können die Menschen über Dinge reden, die bis dato tabu waren, auch die geheimen Zusatzprotokolle des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes. Gorbatschow setzt gar eine Kommission zur Untersuchung des Abkommens ein. Eine Unabhängigkeitsbewegung formiert sich in den baltischen Republiken. Stase und ihre Tochter Loreta nehmen an geheimen Treffen der Volksfront und später an den großen Protestveranstaltungen teil. Der sowjetische Volksdeputiertenkongress kommt zu dem Schluss, dass die Zusatzprotokolle null und nichtig seien. In schneller Abfolge erklären die baltischen Staaten ihre Unabhängigkeit. Loreta glaubt an eine bessere Zukunft.

Doch Gorbatschow setzt alles daran, die Unabhängigkeitsbewegungen zu stoppen. Die Zukunft der Sowjetunion steht auf dem Spiel. Im Mai 1990 droht er den Litauern zum ersten Mal und schickt Panzer nach Vilnius. Sie kehren unverrichteter Dinge in die Kasernen zurück. Doch im Januar 1991 - während die ganze Welt die Augen auf den Krieg im Irak richtet - verlassen wieder Panzer die Kasernen. Die litauische Regierung verbarrikadiert sich im Parlament. Präsident Vytautas Landsbergis fordert die Bürger auf, das Parlament und die freien Medien des Landes zu schützen. Seit Tagen hält Loreta am Fernsehturm Wache. Doch irgendetwas ist am Abend des 12. Januars 1991 anders. Gegen 23.20 Uhr kommen die ersten Meldungen: Eine Panzerkolonne befinde sich auf dem Weg zum Fernsehturm. Sie nähert sich über eine große Ausfahrtstraße, lenkt mit Warnschüssen und Rauchfahnen die Aufmerksamkeit auf sich. Doch das ist ein Ablenkungsmanöver. Von der Flussseite kommt eine zweite Kolonne. Gegen 1:30 Uhr kündigt eine Sirene den Sturm auf den Fernsehturm an. Loreta fasst ihre Freundin an der Hand. Plötzlich prescht ein Panzer in die friedliche Menge. Loreta gerät unter seine Ketten. Mit schweren inneren Blutungen wird sie ins Krankenhaus gebracht.

14 Litauer sterben in dieser Nacht. Auch Loreta erliegt ihren Verletzungen. Offiziell heißt es, es handele sich um Verkehrstote - bis Bilder internationaler Fernsehteams das Gegenteil beweisen. "Die Bilder der am Fernsehturm ermordeten Menschen waren die stärkste Waffe, die wir zur Verteidigung unserer Freiheit hatten", konstatiert Landsbergis. Moskau distanziert sich von den Vorfällen. Nach dem Augustputsch wenige Monate später erkennt schließlich die ganze Welt die Unabhängigkeit der baltischen Staaten an. Loreta ist zu einer Nationalheldin geworden.

Im Gespräch mit Loretas Mutter, ihren Freundinnen und Nachbarn wird der Lebensweg des Mädchens erzählt. Auch Vytautas Landsbergis, Führer der litauischen Freiheitsbewegung, erster Präsident des unabhängigen Litauens und jetziger Abgeordneter des Europäischen Parlaments, berichtet sehr persönlich, wie er jene Tage im Januar 1991 erlebte und was Loretas Tod für Litauen bedeutete.

Als der Ostblock Geschichte wurde
Dienstag 26. Mai 2009 um 10.50 Uhr
Keine Wiederholungen
(Deutschland, 2008, 53mn)
RBB

Erstellt: 13-03-09
Letzte Änderung: 07-05-09