Noras mörderische Töchter
Dokumentation von Wilfried Hauke
Deutschland 2004, Erstausstrahlung, 60 Min.
Anne Holt, 46, seit Jahren die erfolgreichste Bestsellerautorin Norwegens, fühlt sich in ihrem Land nicht anerkannt. Der Kriminalroman gilt bei den Intellektuellen nur als banale Unterhaltungsliteratur. Und die norwegische Lesbenbewegung sieht mit Neid und Missgunst auf den literarischen Erfolg der ehemaligen Justizministerin, weil sie sich nicht vor einen ideologischen Karren spannen lässt. "Man lügt uns an, will uns weismachen, Frauen hätten dieselben Chancen und Bedingungen wie Männer. Aber das stimmt nicht!", sagt Liza Marklund, 42.
Als 16-Jährige floh sie aus dem nordschwedischen Pitea, einem einsamen Provinznest am Polarkreis, reiste rastlos durch die Welt und kam schließlich nach Stockholm. Sie hat als Reporterin bei verschiedenen Zeitungs- und TV-Redaktionen gearbeitet und hautnah all das erfahren, was man mit der Figur der ziemlich taffen Annika Bengtzon nacherleben kann. Ungewöhnliche Verbrechen und skurrile Helden und Heldinnen, die faszinierende Landschaft und eigenartige Mentalität des Nordens sorgen für einen Boom skandinavischer Krimis, der seit einem Jahrzehnt anhält. Ein weiterer Grund für den Erfolg: Der skandinavische Kriminalroman - wie der europäische generell - füllt ein literarisches Vakuum, in dem er die Rolle des realistischen Romans des 19. Jahrhunderts übernommen hat. Es geht um das kritische Porträt einer Zeit, um eine moralische und ethische Stellungnahme und nicht mehr allein um die Auflösung eines Verbrechens. Anne Holt und Liza Marklund ist diese Verbindung gelungen. Sie werden dafür aber auch scharf kritisiert, zum Beispiel von Vertreterinnen der radikalen Frauenbewegung. Der Hauptvorwurf gegen die neuen Frauenkrimis: Sie würden zwar den Bruch gesellschaftlicher Regeln zu ihrem Thema machen, allerdings nur im Sinne der Abweichung des Verbrechens von der Norm. Zu wirklicher Erneuerung trage der weibliche Kriminalroman aber nicht bei, da er Konventionen und feste Rollenbilder der Geschlechter verbreite.
Anne Holt, mit einer Million verkaufter Krimis in Norwegen die erfolgreichste Autorin aller Zeiten, fühlte sich zum Gegenschlag herausgefordert. Gerade weil der Kriminalroman das uralte epische Element deutlicher erhalten habe als andere Genres, erlaube er die Behandlung aktueller politischer und sozialer Probleme. Nur indem er sich ein System fester Spielregeln auferlege, könne er die immer komplizierter werdende Wirklichkeit überschaubar machen und kritisch abbilden. Die ebenso streitbare Liza Marklund, zurzeit meistverkaufte Autorin Schwedens, hadert vor allem mit der Machokultur in ihrer Heimat. Den Einfluss, den sie sich als Zeitungskolumnistin und politisch engagierte Autorin erworben hat, nutzt sie, um immer wieder auf Missstände bei der angeblichen Gleichberechtigung der Geschlechter hinzuweisen.Der Titel der Dokumentation "Noras mörderische Töchter" spielt mit einem historischen Vorbild - mit Henrik Ibsens Frauengestalt der Nora, die Existenz und Leben aufs Spiel setzte, um aus den gesellschaftlichen Konventionen der bürgerlichen Ehe auszubrechen. Sie steht als Metapher für alle modernen Frauen des Nordens, ob sie nun Täterin oder Opfer sind, ob Autorin, Politikerin oder erfundene Krimifiguren wie Hanne Wilhelmsen und Annika Bengtzon. Die Zeiten, in denen Detektivinnen wie Miss Marple mit Handtasche und Regenschirm bewaffnet Verbrecher hinter Schloss und Riegel bringen konnten, sind endgültig vorbei. Im skandinavischen Frauenkrimi gilt dies mit grausiger Konsequenz, denn hier fließt das Blut in Strömen. Das hat vor allem mit der aktuellen Fallhöhe des skandinavischen Wertekanons zu tun. Einst waren die Gesellschaften im Norden Vorbild für die ganze Welt. Doch von Weltoffenheit und Menschenrechtsbewusstsein der Skandinavier ist wenig übrig geblieben. Massenarbeitslosigkeit, zunehmende Gewalt in den Familien, sexueller Missbrauch, Orientierungslosigkeit und tiefer Fremdenhass sind heute auch hier der Alltag und verlangen in der Literatur drastische Darstellungsmittel. Und es scheint, als wenn im Norden gerade die weiblichen Vertreter des höchst populären Krimigenres viel sensibler und kritischer als männliche Kollegen wie Henning Mankell oder Arne Dahl auf die krassen Veränderungen in der Gesellschaft reagieren.
Die Dokumentation handelt neben aller Faszination für die Persönlichkeiten und die engagierten Krimis von Holt und Marklund auch vom gesellschaftlichen Zustand des heutigen Skandinavien. Der Film zerstört manch lieb gewonnenes Klischee und Idealbild, das wir vom Norden haben. Die tiefe Geborgenheit und Geordnetheit sind in eine traumatische Verunsicherung des Kollektivs umgeschlagen. Längst geht es nicht mehr nur um eine Krise wie zur Zeit des Mordes an Schwedens Staatsminister Olof Palme. 1986 glaubte man noch, dass die Probleme der Gesellschaft im Sinne eines "social engineering" auch durch engagierte Literatur behoben werden könnten. Heute, zu Beginn des dritten Jahrtausends, durchlebt Skandinavien einen weitaus radikaleren und grundlegenden Wertewandel. Zunehmende Korruption in Wirtschaft und Politik, ausufernder Drogenkonsum und brutale Gewalt in Öffentlichkeit und Familie sowie die Ohnmacht des Staates gegenüber aktuellen ausländerfeindlichen und neofaschistischen Auswüchsen zeigen, dass die einst für ihre Toleranz und Demokratie bewunderten Länder des Nordens zu sozialen Kriegsschauplätzen geworden sind. Der Mord an der schwedischen Außenministerin Anna Lindh - sie war eine enge Freundin von Liza Marklund - ist dafür ein beredtes Beispiel. Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst rasant. Die Landflucht junger Menschen, besonders der jungen Frauen, und damit die Verödung der Provinz - einst das Kernstück skandinavischer Identität - nimmt unaufhaltsam zu. Einsamkeit und tödliche Frustration treten in den Städten an die Stelle des Wir-Gefühls der einstigen "Volksheime".
Der Film macht sich an Originalschauplätzen der Romane auf Spurensuche. Er zeigt triste Provinzorte, karge Polizeistationen, lärmende Zeitungsredaktionen, menschenverachtende Gefängnisbauten, illegale Drogentreffs, schmuddelige Amüsiermeilen und Stadtrand-Gettos. Es sind Orte von erschreckender Intensität, die typischen skandinavischen Landschaften mit ihrer atemberaubenden Schönheit gegenübergestellt werden. Der Film taucht tief in die Mentalität der modernen Skandinavier ein, die vom längst überholten Selbstbildnis des Wohlfahrtsstaates und von tiefer Verunsicherung zugleich gezeichnet ist.
Bildunterschrift 1: Liza Marklund
Bildunterschrift 2: Anne Holt
Alle Bildrechte: ZDF / © dm film und tv produktion
Freitag, 27. August 2004 um 23.15 Uhr
Deadline - Terror in Stockholm
Spielfilm, Schweden 2001, Synchronfassung, Sprängaren 16:9 / 121 Min.
Regie: Colin Nutley, Drehbuch: Anna Fredriksson, Kamera: Jens Fischer, Musik: Per Andréasson, Schnitt: Perry Schaffer
Mit: Helena Bergström (Annika Bengtzon), Örjan Ramberg (Anders Schyman), Brasse Brännström (Nils Langeby), Reine Brynolfsson (Spiken), Pernilla August (Beata Ekesjö), Niklas Hjulström (Thomas Samuelsson), Ewa Fröling (Berit Hamrin), Maria Lundqvist (Eva-Britt Qvist)
Gerade ist Annika Bengtzon zur Leiterin des Kriminalressorts bei Schwedens größter Abendzeitung ernannt worden, als eine gewaltige Bombenexplosion im neu errichteten Olympiastadion von Stockholm schwere Schäden anrichtet und die Chefin des nationalen Organisationskomitees in den Tod reißt. Die Olympischen Spiele in Stockholm sind in Frage gestellt. Über die Motive des Anschlags herrscht Ratlosigkeit. Polizei und Presse vermuten einen terroristischen Hintergrund, während Annika Bengtzon bei ihren Recherchen schon bald Hinweise darauf findet, dass es sich um einen privaten Racheakt handelt. Das Porträt der Toten ist verwirrend. Sie wurde bewundert, geliebt, gefürchtet und gehasst, lebte in undurchsichtigen Verhältnissen, agierte clever und selten ohne Kalkül, verfügte über Macht und nutzte sie gezielt gegen andere. Auch ihr Privatleben wirft Fragen auf. Warum ist die Tochter psychisch schwer gestört? Wie sah es mit ihrer Ehe aus, die offenbar nur noch auf dem Papier existierte?
Mit ihren Untersuchungen stößt Annika auf erbitterten Widerstand bei der Polizei, vor allem aber auch bei ihren Kollegen, die außerdem noch ihre liebe Not mit einer Frau als Vorgesetzte haben. Mit Sabotagen machen sie ihr das Leben schwer, etwa wenn sie ihr anvertraute polizeiliche Informationen an die Öffentlichkeit bringen und damit ihr Verhältnis zur Polizei gründlich unterminieren. Doch unter großen persönlichen Opfern verfolgt Annika weiter ihre Spur und bringt sich am Ende selbst in Gefahr.Der nach dem auch in Deutschland erfolgreichen Roman "Olympisches Feuer" von Liza Marklund gedrehte Thriller nimmt die Zuschauer mit auf die Jagd nach Sensationen und schockierenden Schlagzeilen, voller Schönfärberei und Lügen, professioneller Rivalität und Machismo. Gezeigt werden dabei die Schwierigkeiten einer Frau in der von Männern beherrschten Medienwelt.
In ihrem Roman "Olympisches Feuer" hat Liza Marklund, der Shooting Star in der schwedischen Krimi-Szene, ihre eigenen Erfahrungen als Reporterin einfließen lassen, was entscheidend zur Qualität dieses außergewöhnlich authentischen Erstlings beigetragen hat. Realistisch ist aber nicht nur die Heldin der Geschichte. Es stimmen sämtliche Details, gleichgültig, ob es sich um Sprengstoffanschläge oder Intrigen in der Redaktion handelt, um Karriere-Stufen in Großkonzernen oder die Öffnungszeiten in einem Kinderladen. Das Publikum hat es der Autorin gedankt. Ihr Roman wurde allein in Schweden an die 400.000 Mal verkauft. Bildunterschrift 1: Annika Bengtzon (Helena Bergström) recherchiert.
Bildunterschrift 2: Die Assistentin der ermordeten Christina Fürhage, Beata Ekesjö (Pernilla August)
Bildunterschrift 3: Die Polizei untersucht den Sprengstoffanschlag auf das neu erbaute Viktoria-Stadion
Alle Bildrechte: ZDF / © AB Svensk Filmindustri Stockholm






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