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Kino-News

Schön anzuschauende, aber oberflächliche Verfilmung des Colette-Romans, mit großen Schauspielern, die in schönen Kostümen amüsante Dialoge sprechen.

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Filmfestspiele: 1. -11. August 2007 - 22/08/07

Locarno 2007

Ewigkeit und Zukunft


Das Filmfestival von Locarno feiert – ebenso wie Cannes und zuvor Venedig – dieses Jahr sein 60-jähriges Bestehen. Trotz dieses stolzen Alters ist die Entdeckungslust der Organisatoren ungebrochen, insbesondere, seit vor zwei Jahren Frédéric Maire zum neuen künstlerischen Leiter der Veranstaltung ernannt wurde. Vor dem Hintergrund der ewigen Landschaft des Tessins wirft das Festival diesmal jedoch nicht nur einen Blick auf die filmische Avantgarde, sondern bietet auch einen Rückblick auf vergangene Entdeckungen.

© Filmfestival Locarno
Frédéric Maire
Die Retrospektive „Back in Locarno“ zeigt an einem knappen Dutzend Filmen, wie oft die Jury der Festspiele bei der Preisvergabe den richtigen Riecher hatte: So wurde z.B. Mike Leigh bereits 1971 für seinen ersten Spielfilm „Freudlose Augenblicke“ (Bleak Moments) ausgezeichnet – fünfzehn Jahre, bevor er für „Lügen und Geheimnisse“ (Secrets and Lies) eine Goldene Palme erhielt. Der damals 27-jährige Leigh machte aus einem seiner eigenen Theaterstücke einen Film, der durch lange Momente des Schweigens beeindruckt und in einer eisigen Vorstadtwelt spielt. „Bleak Moments“ ist ein radikaler Film, der jedoch nie seinen Kontext vergisst: die gedämpfte Atmosphäre vornehmer englischer Wohngegenden, in denen das Leben monoton dahinfließt, untermalt vom gleichmäßigen Ticken der Wanduhren. Dieses Klima steht in krassem Gegensatz zum damaligen Englandbild in den Medien, das z.B. vom Hippie-Festival auf der Isle of Wight geprägt war. Leigh verfolgt in dem Film den Tagesablauf von Sylvia: ihre Arbeit als Sekretärin, ihren Weg ins Büro und wieder nach Hause, den sie zu Fuß zurücklegt und dabei versucht, mit Peter anzubändeln, einem Lehrer, der ebenso gehemmt ist wie sie selbst – und schließlich die Zeit, die sie zu Hause verbringt, in Gesellschaft ihrer geistig behinderten Schwester Hilda und des Hippies Norman, der sich in ihrer Garage eingemietet hat (bei Mike Leigh hat der Mann im Haus seinen Platz ... im Keller).

© Filmfestival Locarno
"El Cielo Sube" von Marc Recha
Das drückende Schweigen wird in „Bleak Moments“ auf die Spitze getrieben und wirkt so lähmend, dass sich die wachsende nervöse Anspannung des Zuschauers schließlich in Gekicher entlädt. Letzten Ende ist die bedrückende Atmosphäre des Films kein bloßer Stileffekt, sondern hat transzendentale Wirkung. Ein ähnlicher Fall wie Leighs Film ist „Maledetti vi amero“ von Marco Tullio Giordana, der ebenfalls im Rahmen der Retrospektive zu sehen sein wird. Der Film entstand 1980, also 23 Jahre vor dem Erfolg von „Die besten Jahre“ in Cannes. Weitere Beispiele sind „36 Fillette“ (1987) von Catherine Breillat, die für Cannes erstmals im Jahr ... 2007 nominiert war, oder „El Cielo Sube“ von Marc Recha, der bis 2001 warten musste, um über den roten Teppich zu schreiten und dem Präsidenten der Festspiele, Gilles Jacob, die Hand zu schütteln, bevor sein Film „Pau i el seu germà“ gezeigt wurde.

© Filmfestival Locarno
"Guillaume et les sortilèges" von Pierre Léon
Diese berühmten Figuren trifft man also unweigerlich auf anderen Filmfestivals wieder. Doch oft wird man in Locarno auch auf bestimmte Regisseure aufmerksam, deren Werke in den avantgardistischen Sektionen CineastInnnen der Gegenwart, Die Leoparden von morgen, Play Forward und Ici & Ailleurs zu sehen sind. Hier begegnet man dem weniger bekannten Pierre Léon (ihm und seinem Bruder Vladimir widmete die Pariser Galerie du Jeu de Paume im letzten Frühjahr eine Retrospektive) mit „Guillaume et les sortilèges“ (in der Hauptrolle Guillaume Verdier, ein junger Schauspieler, der oft in Filmen von Jean-Paul Civeyrac zu sehen ist). Auch Vincent Dieutre („Despues de la Revolucion“), Eugène Green (mit einem Kollektivfilm) und Pierre Coulibeuf (der einen neuen Blick auf den Tanz im Film wirft) sind zu sehen. Eine weitere Entdeckung ist „Not Guilty For Abel“ von Gaëlle Vidalie. Der Kurzfilm ist eine Reaktion auf „Abel, Ferrara, Not Guilty“, ein 2003 in Locarno vorgestellt Dokumentarfilm über den New Yorker Regisseur von seinem Freund Raffi Pitts im Rahmen der Reihe „Kino – unsere Zeit“. „Posthume“ von Ghassan Salhab, dem Regisseur von „Phantom Beirut“, ist ein mittellanger Film, der eine dramatische Entsprechung zum letzten Werk des Filmemachers bildet: „The Last Man“, 2005 im Libanon gedreht und letztes Jahr in Locarno zu sehen. Ein Film einer anderen Art, „Le Retour des Cinéphiles“ von Louis Skorecki, ist ganz offensichtlich eine neue, verbesserte Version von „Cinéphiles 3“ (2006). Skorecki, vormals Redakteur bei der Tageszeitung Libération und schon immer ein großer Kinofreund, widmet sich in seiner Arbeit als Regisseur der Figur des Filmfans. Er schafft Porträts junger Menschen, die nur den Mund aufmachen, um große Namen (Ford, Hawks, Tourneur u.a.) zu nennen und nachdrücklich ihre Meinung zur Siebten Kunst zu äußern. Seine Helden sind nicht nur unsozial, sondern auch melancholisch, was durch das Mittel der Wiederholung verstärkt zum Ausdruck kommt: Sie führen stets dieselben Gespräche und nehmen identische Posen ein. Nie ist auch nur der kleinste Ausschnitt aus einem Kinofilm zu sehen; die Schritte bleiben stets an der Kasse oder in einem leeren, erleuchteten Kinosaal stehen. Der Hinterhof eines Mietshauses wird zum liebsten Tummelplatz dieser Figuren ...

© Filmfestival Locarno
"Le Retour des Cinéphiles" von Louis Skorecki
Im vergangenen Jahr war in Locarno eine eigene Sektion, „A propos Kino“, Porträts von Filmemachern bei der Arbeit gewidmet, woran dieses Jahr „Morceaux de conversations avec Jean-Luc Godard“ von Alain Fleischer anknüpft. Godard wird hier nicht nur als einer der Schweizer Filmemacher gesehen, denen in Locarno stets besonderes Augenmerk gilt. Fleischers Film entstand in Zusammenarbeit mit dem Kunststudio Le Fresnoy und dem Centre Pompidou, das 2006 eine (wie hätte es anders sein können?) besonders umstrittene Ausstellung des berühmtesten Schweizer Regisseurs mit dem Titel „Godard - Voyages(s) en utopie“ organisiert hatte.

© Filmfestival Locarno
"Planète Terreur" von Roberto Rodriguez
All diese Wechselbeziehungen tragen natürlich zur Lebendigkeit des Festivals bei, bei dem die Retrospektive und die vier genannten avantgardistischen Reihen besondere Akzente setzen. Ihre Originalität bildet ein Gegengewicht zu den konventionelleren Filmen im Wettbewerb und anderen, leichter zugänglichen Werken, die auf der Piazza Grande gezeigt werden. Sie haben die schwierige Aufgabe, das Filmfestival von Locarno von den drei anderen großen europäischen Filmfestspielen (Berlin, Cannes und Venedig) abzugrenzen, obwohl sich alle diese Veranstaltungen vom Konzept her sehr ähneln. Hierbei kann Locarno aus seiner „Mittelstellung“ einen Vorteil ziehen. Da es oft schwierig ist, die attraktivsten Filme zu zeigen, die im Sommer von den amerikanischen Studios herausgebracht werden (denn angesichts der Ausstrahlung unter freiem Himmel auf der Piazza Grande werden Raubkopien befürchtet), müssen Alternativen gefunden werden. Kommerzielle Misserfolge in den USA (Robert Rodriguez' „Planet Terror“, der zusammen mit Quentin Tarantinos „Death Proof“ das Double Feature „Grindhouse“ bildet), Independent-Produktionen („Waitress“ von Adrienne Shelly) und Genre-Filme („1408“ mit John Cusack und Samuel L. Jackson) kommen so diesseits des Atlantiks zu Ehren. In den nächsten Tagen werden wir noch genauer auf den Wettbewerb eingehen; Mitglieder der Jury sind unter anderem der Italiener Saviero Constanzo, Gewinner des Goldenen Leoparden 2004, sowie der Chinese Jia Zhang-ke, der seit seinem Triumph in Venedig mit „Still Life“ und seinem Juryvorsitz bei der Verleihung der Goldenen Kamera in Cannes den weltweiten Fortbestand des Autorenfilms zu verkörpern scheint.

Julien Welter

Erstellt: 07-08-07
Letzte Änderung: 22-08-07