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16/05/04

Los Muertos

Regie/Drehbuch/Produzent: Lisandro Alonso
Darsteller: Argentino Vargas u.a.
Argentinien, 2004, 78’
 
„Quinzaine des Réalisateurs“
 
Synopsis: Nach über 30-jähriger Haft wird Vargas (Argentino Vargas) in der argentinischen Provinz Corrientes aus dem Gefängnis entlassen. Dort saß  er für den Mord an seinen beiden Brüdern ein, den er als Jugendlicher begangen hatte. Jetzt muss er in die abgelegenen Sümpfe seiner Heimat zurück, um seine Schwester wieder zu finden.

Kritik: Lisandro Alonso muss wohl ein großer Terrence-Mallick-Bewunderer sein, so ausgiebig und langsam schweift der Blick des Regisseurs von „Los Muertos“ anfangs über die wilde Natur Argentiniens. Weniger die Fauna, als die verschlungene Pflanzenwelt hat sein hervorragender Kameramann Cobi Migliora dabei im Blick, mal flirrend und verschwimmend, mal gestochen scharf. Dass der tropische Urwald wie in  seine Unschuld längst verloren hat und keinerlei Trost bietet, zeigt sich am Ende der ersten langen Plansequenz – zwei junge Kinder liegen tot im tropischen Gewächs, erschlagen von einer Machete., die ein junger Mann trägt, den die Kamera uns jedoch nur bis zu seinem Oberkörper zeigt.
 
In den nächsten langen, statischen Einstellungen stellt uns Regisseur Lisandro Alonso seinen 54-jährigen Protagonisten vor: VARGAS ist ein einsilbiger, gutmütiger, freundlicher Mann, der gerne Mate trinkt und Zigaretten raucht – sein vom Wetter gegerbtes Gesicht, in das sich irgendwann einmal indianisches Blut gemischt haben muss, ist ein Mysterium und das bleibt es auch bis zum Ende des Films. Lange bleibt es ein Rätsel, warum Vargas so lange ins Gefängnis musste und was das wiederum mit dem Tod der beiden Kinder zu tun hat. Dass diese seine Brüder waren und er, Vargas, sie erschlagen hatte, erfährt man nach einer Stunde beinahe beiläufig von einem Fischer.
 
Kein Wort verliert der Regisseur über das Motiv und die Hintergründe der Bluttat. Genauso wenig will Alonso die psychische Befindlichkeit seines Antihelden ausleuchten, stellt er die Frage nach Schuld und Gewissen. Nur einen Satz verliert Vargas selbst über seine Tat – diese läge lange zurück und er habe längst damit abgeschlossen. Die Reise in seine eigene Vergangenheit erzählt der argentinische Regisseur lieber anhand der räumlichen Distanz, die sein Protagonist zurücklegen muss, um an den Ort seiner Kindheit zu gelangen. Bevor Vargas in den Ruderkahn steigt, der ihn flussaufwärts zu seiner Schwester bringt, hat er noch eine Bluse für sie gekauft und seinen Sexualtrieb mechanisch bei einer Prostituierten befriedigt. Dann, auf der beschwerlichen, zeitlupenhaften Fahrt durch das sumpfige Flussland, zeigt sich, wie eng der Protagonist mit der Landschaft verwachsen ist – aus einem Bienennest holt er mit Hilfe eines Tricks unbeschädigt die honigschweren Waben, eine am Ufer weidende Ziege tötet er ohne Vorankündigung mit einem Kehlschnitt. In dieser schockierenden Szene bekommt man plötzlich ein wenig Angst vor Vargas, doch eine Erklärung für die an seinen Brüdern begangene Bluttat liefert sie nicht. Als er schließlich in der armseligen Hütte seiner Schwester ankommt und seinen Enkelkindern ins Innere folgt, bleibt die Kamera in der Schlusseinstellung minutenlang auf einem kleinen Spielzeug-Fussballer und dem Rad einer Spielzeugkutsche stehen.
 
Ein Bild, genauso mysterös und offen für unsere eigenen Gedanken, wie die gesamte rätselhafte Biographie eines Mannes, der als Jugendlicher seine Brüder erschlug.
 
Martin Rosefeldt

Erstellt: 16-05-04
Letzte Änderung: 16-05-04