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Zitaten - Ballade

„Europa – was ist das eigentlich?“, so fragen sich viele Europäer seit den Anfängen des Aufbaus eines gemeinsamen Europas. Die Definitionen von Historikern, (...)

Zitaten - Ballade

17/06/09

Louise Weiss (Frankreich)

Europa ohne die Europäer zu gestalten, ist sinnlos


Louise Weiß (Arras 1893 – Paris 1983) war in mehrfacher Hinsicht eine Pionierin. Die stets politisch engagierte Journalistin und Schriftstellerin gehörte zu den Europäern der ersten Stunde. Im Ersten Weltkrieg (1914 - 1918) arbeitete sie als Kriegskrankenschwester. Von den Erlebnissen dieser Zeit schwer gezeichnet, gründete sie nach dem Ende des Krieges die politische Zeitschrift „L’Europe nouvelle“ (Neues Europa). Darin machte sie sich zur Sprecherin der politischen Vorstellungen von Aristide Briand, den sie in der Gesellschaft der Nationen (Société des nations, SDN) kennengelernt hatte. Sie teilte seine Meinung über die Notwendigkeit einer deutsch-französischen Wiedervereinigung und einer europäischen Union zur Erhaltung des Friedens auf dem europäischen Kontinent.

Um 1934 stieß sie mit ihren Thesen angesichts der veränderten internationalen Lage auf wenig Gegenliebe und gab die Arbeit für die Zeitschrift auf. Stattdessen engagierte sie sich im Kampf für die Rechte der Frau und insbesondere für das Wahlrecht der Frauen auf kommunaler Eben. Bei diesem Kampf musste sie auch Enttäuschungen hinnehmen. 1940 schloss sie sich unter dem Namen Valentine der Resistance an. 1945 gründete sie zusammen mit Gaston Bouthoul das Institut für Polemologie (Kriegs- und Konfliktforschung) in London.

1979 war Louise Weiss Kandidatin der damaligen gaullistischen Partei und wurde bei der ersten Direktwahl des Europäischen Parlaments zur Abgeordneten gewählt. Anlässlich der Eröffnungssitzung hält sie eine – für das heutige Empfinden sehr poetische – Rede, in der sie ihren europäischen Vorgängern emphatisch gedenkt. Im Hinblick auf die Zukunft hielt Louise Weiss drei Probleme für wesentlich: Identität, Geburtenrate, Legalität.

Das erste ist ein Problem der Identität, wobei ich Identität nicht gleichsetze mit Gleichartigkeit, sondern damit jene Identität meine, die der tiefen Erkenntnis seinner selbst gleichkommt. Die ungenügende Beteiligung der Europäer an der Wahl, die zu unserem Parlement geführt hat, beweist, wie dringend hier eine Lösung ist. Es ist unmöglich, sich ein Europa ohne Europäer auszumalen. […] Die Europäischen` Institutionen haben europäische Zuckerrrüben, Butter, Käse, Weine, Kälber, ja sogar Schweine zustande gebracht. Aber keine europäischen Menschen.

Solche europäischen Menschen gab es im Mittelalter, in der Renaissance, im Zeitalter der Aufklärung und sogar im XIX.Jarhundert. Sie gilt es wiederzuschaffen.

Die Jugend hat es sich bereits zu Herzen genommen ; mit dem Rucksak unterwegs, kennt sie keine Grenzen. Schon haben Partnerstädte ein regelrechtes Menschennetz geschaffen, von Frauen und Männern, die dem vergangenen Zwist gegenüber allergish sind und sich eher an das Schicksal ihres Kontinents gebunden wissen. Die Schulen allerdings folgen insgesamt gesehen nicht, obwohl manch Außerordentliches geschaffen wurde, wie etwa in Brügge, in Belgien, von Herrn Brugmans.“
Aus einer als Alterspräsidentin gehaltenen Ansprache bei der Eröffnungssitzung des Europäischen Parlaments am 17. Juli 1979 anlässlich der ersten Direktwahlen zum Europäischen Parlament. Der vollständige Wortlaut der Rede kann beim Archivdienst des Europäischen Parlaments in Luxemburg angefordert werden.

Erstellt: 22-04-04
Letzte Änderung: 17-06-09