
Japan 2008, 237 Min.
Buch und Regie: Sion Sono
Mit Nishijima Takahiro, Mitsushima Hikari, Ando Sakura, Watanabe Makiko, Watabe Atsuro

Kritik: Der Eröffnungsfilm des Forums der Berlinale 2009 ist mit dem Caligari-Filmpreis ausgezeichnet worden, weil er sich als "stilistisch und thematisch innovativer" Beitrag auszeichnet. Das ist erstaunlich bei einem Film, der sich ein trashiges Gewand übergezogen hat, der von schrägen und perversen Figuren und Ideen nur so wimmelt, und dem es dennoch gelingt, eine reine Botschaft zu transportieren.
"Love Exposure" ist ein kleines Wunderwerk, stilistisch, inhaltlich und visuell. Sion Sono („Strange Circus“), einer der Rebellen des japanischen Kinos hält sich an keine Konventionen, seien sie nun inhaltlicher oder ästhetischer Natur. Da zeigt er etwa in einer gut halbstündigen Sequenz wie sich der freundliche nette Junge Yu zum König der Foto-Voyeure in Tokyo entwickelt. In einer bunten, schnellen Montage werden die Tricks und akrobatischen Einlagen immer gewagter, mit denen er den Schulmädels unter die knappen Röcke fotografiert. Mit seinen Jungs sitzt er anschließend zusammen und sie werten ihre Beute aus - wie beim Autoquartett: das beste Bild sticht. Sion Sono scheut sich nicht, Yu's "Ausbildung" zum Voyeur mit gut 30 Minuten Ravels "Bolero" am Stück zu untermalen.
Eines Tages verliert Yu eine Wette und muss deshalb als Drag Queen verkleidet (er sieht dabei ganz hervorragend aus) mit seinen Kumpels durch die Straßen ziehen. Und da passiert es: Er verliebt sich in ein Mädchen, das er für unschuldig wie die Jungfrau Maria hält. Er bekommt zum ersten Mal in seinem Leben eine Erektion und weiß deshalb, dass sie die Richtige für ihn ist. Dass Yoko es faustdick hinter den Ohren hat, kann er nicht wissen. Sie verliebt sich auch in ihn, allerdings in das Mädchen, das er in diesem Moment darstellt. Hier etabliert sich eine nicht ganz unkomplizierte Situation, die Yu, Yoko und den Zuschauer einige weitere Stunden auf Trab halten wird.
Erstaunlich kurzweilig erzählt sich der knapp vierstündige Film, der sich durch eine rasante Kameraarbeit, schnelle Schnitte und viel Glamour und Pop auszeichnet. Die jugendlichen Darsteller leisten viel, bleiben durchweg überzeugend. Wunderbar ist auch, wie sich die beiden Hauptcharaktere diametral entwickeln: Zu Beginn ist Yu ein lieber, aufrichtiger Junge, der seine sehr religiöse Mutter glücklich machen will, die viel zu früh verstirbt. Maria ist ein durch und durch geschädigter Teenager. Sie wurde missbraucht, hat gemordet und ist geistig höchst verwirrt. Später allerdings entwickelt gerade sie eine bestechende Klarheit, während Yu zur unglücklichen Drag Queen abdriftet. Abgesehen von der destruktiven Beziehung zwischen Yu und Maria handelt "Love Exposure" von Katholizismus, Schuld, Vergebung und Sekten.
Ein wilder, abgedrehter, perverser Film - beseelt von der Idee der reinen, unschuldigen Liebe.
Nana A.T. Rebhan






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