Neues Deutsche Kino - 29/09/08
MARTINA GEDECK - BLICK IN DIE TIEFE
Auf ARTE ist sie in der TV-Premiere von „Das Leben der Anderen“ zu sehen. In diesem Monat kommt sie mit „Der Baader Meinhof Komplex“ ins Kino. Ein Interview mit der Schauspielerin.
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Es muss dieser Blick sein, in dem sich alles spiegeln kann: Unbedingtheit, Introvertiertheit, aber auch Verletzlichkeit und große Gefühle. Ein Blick, den man nicht so leicht vergisst. Vielleicht kann man sich ihre Filme deshalb immer wieder ansehen. Martina Gedecks Wandelbarkeit macht sie zu einer der ganz großen deutschen Schauspielerinnen. Als einsame Verführerin in „Elementarteilchen“ überzeugte sie ebenso wie als disziplinierte Köchin „Bella Martha“, als unbeschwerte Chefin eines Familienclans in der Komödie „Meine schöne Bescherung“ oder als erpressbare DDR-Schauspielerin in „Das Leben der Anderen“. Noch in diesem Jahr ist sie in zwei weiteren außergewöhnlichen Frauenrollen im Kino zu sehen: seit 25. September als RAF-Terroristin Ulrike Meinhof in der von Uli Edel (Regie) und Bernd Eichinger (Produzent) hergestellten Verfilmung des Stefan Aust-Bestsellers "Der Baader Meinhof Komplex", und im Dezember als Musikerin Clara Schumann. Zwei weitere Filme, die im In- und Ausland die Aufmerksamkeit auf das lebendige und spannende "Neue Deutsche Kino" lenken werden.
Martina Gedeck lebt in Berlin und ist mit dem Regisseur Markus Imboden liiert. Das ARTE Magazin traf sie in Hamburg während der Proben zu „Harper Regan“; das Stück des Briten Simon Stephens hatte Ende August bei den Salzburger Festspielen Premiere.
ARTE: Frau Gedeck, in diesem Monat ist der Filmstart von „Der Baader Meinhof Komplex“, in dem Sie Ulrike Meinhof spielen. Wie schwer ist es, eine von so vielen Menschen gehasste Frau darzustellen?
Martina Gedeck: Es war auf jeden Fall ein zwiespältiges Gefühl, Ulrike Meinhof zu spielen, weil ich zu großen Bereichen ihres Lebens eine starke innere Distanz empfinde. In meiner Recherche bin ich von ihren Schriften ausgegangen. Und das, was sie während ihrer Zeit in Stammheim geschrieben hat, ist sehr schwer nachzuvollziehen. Für mich sind das Schriften einer gebrochenen Frau.
ARTE: Hatten Sie dabei manchmal Angst zu versagen?
Martina Gedeck: Es geht bei einer solchen Rolle nicht ums Versagen, es geht darum, dass man eine gewisse Verantwortung verspürt, diesem Menschen gegenüber den richtigen Ton zu treffen. Das erfordert hohe Konzentration, man studiert keine Befindlichkeiten oder nimmt Ängste wahr. Ich bin da sehr konzentriert durchgelaufen, wie ein Pferd bei einem wichtigen Rennen. Ob es am Ende gelungen ist, wird sich zeigen. Da werden die Meinungen dann möglicherweise geteilt sein, wie immer wenn man reale Personen spielt.
ARTE: In dem Film „Clara“ unter der Regie von Helma Sanders-Brahms, der Ende dieses Jahres ins Kino kommt, spielen Sie mit Clara Schumann eine ganz andere, aber auch eine reale Frau. Ist es schwieriger, historische Figuren zu spielen als fiktive?
Martina Gedeck: Es ist leichter, weil es mehr Material gibt. Bei der Figur Clara Schumann gab es viele interessante Aspekte, die Helma Sanders-Brahms in ihrem Drehbuch auch zur Sprache bringt, zum Beispiel ihre Virtuosität als Musikerin, ihre Rolle als Mutter von acht Kindern, die Beziehung zu Robert Schumann, ihre Begegnung mit Brahms. Clara Schumann ist eine Frau mit einer großen und reichen Biografie.
ARTE: „Der Baader Meinhof Komplex“ behandelt ein wichtiges Kapitel westdeutscher Zeitgeschichte, „Das Leben der Anderen“, den ARTE nun zeigt, DDR-Geschichte. Welche Thematik war Ihnen näher?
Martina Gedeck: Die ehemalige DDR war für mich als Westberlinerin eine fremde Welt, wohingegen ich die Nachwehen der 68er hautnah mitbekommen habe. Natürlich auch all die positiven Veränderungen, die diese Zeit uns Jugendlichen gebracht hat. Meine Generation hat ja sehr von den 68ern profitiert. Um vieles mussten wir nicht mehr kämpfen. Was die DDR-Geschichte anbelangt, habe ich in den letzten Jahren immer wieder für diverse Filme recherchiert, zum Beispiel „Der Stich des Skorpion“, die Brigitte-Reimann-Biografie „Hunger auf Leben“ oder „Romeo“. Die Thematik des Films „Das Leben der Anderen“ und die Figur der Christa-Maria Sieland waren deswegen für mich nichts Neues.
ARTE: Die Schauspielerin Sieland in „Das Leben der Anderen“ bringt sehr große Opfer, um einem Berufsverbot zu entgehen …
Martina Gedeck: Christa-Maria Sieland ist jemand, der sich in dem unfreien Raum der DDR auf der Bühne ein winziges Feld der Freiheit geschaffen hat und alles dafür tut, um dieses kleine Stück Freiheit zu bewahren. Die Schauspielerei ist der einzige Bereich, in dem sie so sein kann, wie sie ist. Das kann sie sonst nirgendwo, nicht einmal in ihrer Liebesbeziehung. Aber nicht nur sie braucht das Theater, der Stasi-Hauptmann Wiesler macht ihr auch klar, dass sie vom Publikum gebraucht wird, dass die Menschen ihr Spiel zum Überleben brauchen. Das beflügelt sie und lässt sie den Verrat, den sie begeht, ertragen. Umso schwerwiegender ist dann der Zusammenbruch, als sie erkennt, dass sie sich verstrickt hat.
ARTE: Da gibt es einen sehr intensiven Moment, eine Großaufnahme, in dem dieses Scheitern in Christa-Maria Sielands Gesicht zu lesen ist.
Martina Gedeck: Ja genau, das ist der Moment, bevor sie runter auf die Straße läuft. Dieser Blick spiegelt ihre Ausweglosigkeit wider. Es ist der glasklare Blick einer Frau, die in einen Abgrund schaut. Diesen Moment gibt es fast in jedem Film. Bei manchen Figuren ist es ein Satz, ein Schrei, bei anderen ein Blick. Oft ist das nur ein kleiner Moment, aber interessanterweise werden diese Momente vom Publikum sehr genau wahrgenommen.
ARTE: Diese Intensität, die Unbedingtheit in Ihrem Spiel, woher nehmen Sie die?
Martina Gedeck: Für mich ist es am wichtigsten, dass man das, was man macht, mit Freude tut. Das wird mir immer bewusster. Alles, was die Leute freudlos machen, hat überhaupt keine Auswirkungen, das interessiert am Ende niemanden. Wenn man Schauspieler sieht, die ehrgeizig sind oder Angst haben, dann sieht man genau das: Schauspieler, die ehrgeizig sind oder Angst haben. Für mich heißt Leidenschaft, dass man eine richtige Freude im Tun entwickelt. Und wenn man das sieht bei einem Schauspieler oder bei einem Musiker, dann ist man sofort angezogen.
ARTE: Wie erklären Sie sich das?
Martina Gedeck: Ich glaube, es gibt so etwas wie einen inneren Klang, den jeder Mensch hat, der völlig unverwechselbar ist. Den versuche ich beim Spielen zu erwischen. Das ist eine Art Forscherdrang, und wenn ich eine neue Rolle erarbeite, bin ich ihm manchmal geradezu ausgeliefert. Manchmal würde ich auch gerne etwas anderes machen, Faulenzen oder Schwimmen gehen. Aber die Schauspielerei ist nun mal ein schöpferischer Beruf. Man hat ein paar Blätter Papier mit Text drauf und daraus muss ein lebendiger Mensch werden.
DAS GESPRÄCH FÜHRTE CAROLINE HAERTEL FÜR DAS ARTE MAGAZIN
ARTE PLUS
MARTINA GEDECK:
geb. in München; aufgewachsen in Landshut und Westberlin; Schauspielausbildung am Max-Reinhardt-Seminar der Hochschule der Künste in Berlin
FILMOGRAFIE (Auswahl):
„Clara“ (2008, im Kino 4.12.); „Der Baader Meinhof Komplex“ (2008, im Kino 25.9.); „Meine schöne Bescherung“ (2007); „Der gute Hirte“ (2006); „Das Leben der Anderen“ (2006); „Elementarteilchen“ (2006); „Sommer '04“ (2006); „Der Stich des Skorpion“ (2003); „Hunger auf Leben“ (2003); „Bella Martha“ (2002); „Romeo“ (2000); „Frau Rettich, die Czerny und ich“ (1997); „Die Hölleisengretl“ (1994)
Erstellt: 25-09-08
Letzte Änderung: 29-09-08