Wolfgang Dauner „Free Action“The Dave Pike Set „Live At The Philharmonie”
Sugar Cane’s „Got The Blues”
Charlie Mariano „Helen 12 Trees”
George Duke „Faces In Reflection”
Association P.C. & Jeremy Steig „Mama Kuku”
Promising Music / SPV / Nocturne
Das unabhängige deutsche Jazz-Label MPS schrieb Jazzgeschichte. Dennoch stand es lange Zeit im Schatten übermächtiger amerikanischer Labels wie Blue Note und Verve. Um so erfreulicher ist es, dass der Gesamtkatalog von MPS nun in einer aufwendig produzierten CD-Edition neu aufgelegt wird.
Ursprünglich stand die Abkürzung MPS für „Musikproduktion Schwarzwald“. Doch der Ruf der erstklassigen Studio- und Produktionsbedingungen wandelte die drei Buchstaben alsbald in das Prädikatsurteil „Most Perfect Sound“ um. Angefangen hat alles im Wohnzimmer der Familie Brunner-Schwer, wo die ersten Aufnahme-Sessions stattfanden. Die Musiker platzierten sich mit ihren Instrumenten zwischen Couchgarnitur und Fernseher, während Brunner-Schwer von seinem Studio aus agierte, das unter dem Dach installiert war. Nachbarn, befreundete Musiker und Musikkritiker wurden zu diesen intimen familiären Konzertaufnahmen eingeladen und erlebten unter anderem den grandiosen Pianisten Oscar Peterson hautnah. Fortan tauchten in der Kleinstadt Villingen Jazz-Ikonen wie Ella Fitzgerald, Duke Ellington, Dizzy Gillespie, Bill Evans, Baden Powell und viele andere auf und lernten nicht nur den schwäbischen Perfektionismus zu schätzen, sondern darüber hinaus regionale kulinarische Spezialitäten, wie die Spätzle.
Aus Platzgründen wurde schließlich doch noch ein professionelles Aufnahmestudio installiert, um aufwendigere Produktionen realisieren zu können. Im Zuge der neuen technischen Möglichkeiten wurden von da an neben Piano- und Latin-Jazz auch experimenteller und progressiver Free- und Fusion-Jazz produziert. Im MPS-Programm fanden sich fortan Traditionalisten und Modernisten des Jazz. Die ersten sechs Veröffentlichungen der MPS-CD-Edition spiegeln diese Vielfalt trefflich wieder. Der Live-Mitschnitt des Dave Pike Set während der Berliner Jazztage 1969 lebt von einer virtuosen Kombination aus Soul- und Swing-Jazz. Wolfgang Dauner bricht dagegen mit dem konventionellen Jazz auf „Free Action“, und wird dabei von den Free-Jazz-Musikern Mani Neumeier, Jean-Luc Ponty und Eberhard Weber tatkräftig unterstützt. Und auch „Mama Kuku“ der Association P.C. and Jeremy Steig ist ganz im Zeichen des experimentellen Free-Jazz entstanden.
Der langjährige Frank Zappa Keyboarder George Duke bewegt sich bei „Faces In Reflection“ wiederum in genresprengende Sphären des Disko-Jazz-Funk-Rock. Und Charlie Marianos hat sich mit „Helen 12 Trees“ dem Fusion-Jazz verschrieben, mit Abstecher in die Weltmusik. Aber vor allem sticht das Album „Got The Blues“ von Sänger und Ausnahmegeiger Don „Sugar Cane“ Harris hervor. Bei dem Live-Mitschnitt mit dem einzigartigen Robert Wyatt am Schlagzeug, vollführt Sugar Cane eine grandiose Symbiose aus Blues und Fusion-Jazz.
Mit der großartig aufbereiteten CD-Edition erfährt MPS endlich die längst überfällige Wertschätzung als ein wegweisendes Jazz-Label.
- Weitere Empfehlung:
DVDElke Baur
« Jazzin’ The Black Forest »
DJs wie Rainer Trüby oder der Hamburger Mojo Club weckten das schwäbische Jazz-Label MPS aus dem Dornröschenschlaf und entdecken es für die Clubs. Die Regisseurin Elke Baur nimmt dies als Ausgangspunkt für ihren Dokumentarfilm und macht sich im Schwarzwald auf die Suche nach den Ursprüngen des MPS-Labels.
Obwohl die Regisseurin einstweilen den dramaturgischen Faden bei den Interviews verliert und mit ihren regelmäßigen Kameraschwenks über die Schwarzwaldwipfel die Idylle der Landschaft zu sehr betont, ist ihr Dokumentarfilm „Jazzin’ The Black Forest“ ein absolutes Muss für Jazz-Liebhaber. Allein bei den zahlreichen Super-8-Filmen, die während der Sessions im Wohnzimmer von Hans Georg Brunner-Schwer gedreht wurden oder die Interviews mit den warmherzigen ehemaligen MPS-Mitarbeitern, die über die Musiker wie über ihre eigenen Kinder sprechen, geht das Herz auf.
Erneut wird deutlich, welch inniger und familiäre Bezug zwischen dem Unternehmen und seinen Künstlern bestand. Auch wenn die langhaarigen Free-Jazzer nicht den Schwiegersohnvorstellungen der schwäbischen Kleinstadtbewohner entsprachen, so wurden sie trotz ihrer Fremd- und Andersartigkeit ins Herz geschlossen. Ebenso spiegeln die aktuellen Interviews mit den Jazzmusikern George Duke, Albert Mangelsdorff, Wolfgang Dauner, Eberhard Weber und Joachim Kühn eine gewisse Wehmut wider. Sie sprechen von einer vergangenen Zeit, die man heutzutage im Musikbusiness nur noch selten vorfindet. Als noch Visionäre den Mut zu ausgefallenen Produktionen hatten und einzigartige musikalische Experimente ermöglichten.
Matthias Schneider







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