Dr. Barbara Gobrecht ist Erzähl- und Märchenforscherin in der Schweiz. Sie beschäftigt sich mit Märchen aus verschiedenen Kulturen und lehrt u.a. an der Universität St. Gallen in der Schweiz.
Frau Dr. Gobrecht, „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute“. Enden so alle europäischen Märchen?Nein. Es gibt einen kleinen Prozentsatz von Zaubermärchen ohne Happyend. Zum Beispiel Perraults Fassung von „Rotkäppchen“. Da verschlingt der Wolf am Ende das Mädchen und es wird noch eine Moralité nachgeschoben, in dem Sinne „Wölfe sind gefährlich für junge Mädchen“. Aber im Prinzip haben Sie natürlich recht. Es gibt sehr oft eine Glücksformel dieser Art am Schluss, besonders wenn eine königliche Hochzeit oder ein Fest die Geschichte beendet. Sehr häufig gibt es eine Schlussformel des Erzählers, die in den Alltag zurückführt. In Griechenland z.B. heißt es „Sie lebten gut und wir noch besser“ oder „Weder Ihr noch wir waren dabei, so braucht Ihr es nicht zu glauben.“ Am besten ist vielleicht die gereimte Schlussformel, die ich aus Russland kenne: „Ich war dort, trank Met und Wein, den Bart lang floss er immerfort, doch nicht zum Mund herein.“ So werden die Leute in die Gegenwart zurückgeführt und häufig deutet der Erzähler damit an, dass er sich noch ein Gläschen Wodka verdient hat.
Was sind weitere Grundmuster bei den europäischen Märchen?
Es beginnt regelmäßig mit einer Mangelsituation. Bei den klassischen Kindermärchen - z.B. bei „Hänsel und Gretel“ gibt es nichts zu essen. Bei Erwachsenenmärchen sind folgende Konstellationen typisch: die gute Mutter ist gestorben und der Vater hat eine zweite Frau geheiratet. Oder ein Ehepaar bekommt lange kein Kind, oder ein Vater weiß nichts von der Schwangerschaft seiner Frau. Darauf erfolgt natürlich eine Reaktion. Die Kinder werden im Wald ausgesetzt oder die Stiefmutter drangsaliert das Aschenputtel. Oft sprechen Eltern eine Verwünschung des Ungeborenen aus. Oder aber ein Vater verspricht das Kind einem Dämon, d.h. es wird alles noch viel schlimmer für den Märchenhelden.
Als nächste Handlungseinheit kommt die Hilfe: Der Held muss sich selbst helfen oder erlangt magische Hilfe. Hänsel und Gretel kommen allein ganz gut zurecht, dem Grimm’schen Aschenputtel helfen einerseits die schönen Kleider vom Baum auf dem Grab der Mutter, andererseits entwickelt es auch eigene Initiative. Das französische Aschenputtel dagegen ist eher hilflos und die Patenfee muss alles regeln.
Erst dann folgt das glückliche Ende. Der frühere Idealzustand wird wieder hergestellt. Das sieht man vor allem bei Kindermärchen, wie bei Grimms „Die sieben Raben“. Die Geschichte endet einfach: „und zogen fröhlich heim“.
Warum gibt es denn so viele Gemeinsamkeiten?
Wünsche und Sehnsüchte sind etwas allgemein Menschliches. Jedes Kind will eine gute Beziehung zu den Eltern haben, will sich geborgen fühlen. Jeder Heranwachsende möchte Anerkennung bekommen und sehnt sich nach einer beglückenden Partnerbeziehung. Zaubermärchen sind ja im Prinzip Glücksgeschichten, Weg- und Lebensgeschichten. Bei Märchen gibt es deshalb Erzähltypen, die man überall auf der Welt findet.Hat das auch mit der Überlieferungsgeschichte zu tun, also damit, dass diese mündlichen Märchen ungefähr zur gleichen Zeit in Europa aufgeschrieben worden sind?
Vor den Brüdern Grimm galten die Märchen als Ammen-, als Altweibergeschichten, die aufzuzeichnen sich nicht lohnte. Die Grimms suchten das sogenannte echte deutsche – wenn möglich hessische - Volksgut. Erst später merkten sie, wie international - vor allem wie französisch - ihre Märchen eigentlich waren. Und ab etwas 1825 gab es den großen Erfolg ihrer Kinder- und Hausmärchen im In- und Ausland. Damit wurden die Kinder- und Hausmärchen Vorreiter und Vorbild für viele große nationale Sammlungen des 19. Jahrhunderts. Das kann man sogar ablesen an den Titeln ihrer Nachahmer: Alexander Afanasjew wird „der russische Grimm“ genannt, Otto Sutermeister „der Schweizer Grimm“, Gunnar Olof Hyltén-Cavalllius der schwedische usw. Sogar noch im 20. Jahrhundert als Italo Calvino genau nach Grimmschen Vorbild 200 Märchen aufzeichnete, gab man ihm den Titel „der italienische Grimm“. Da die Brüder Grimm vielfach kopiert wurden, gibt es parallele Strukturen. Das stimmt aber nur zum Teil. Denn die meisten Märchen sind wesentlich älter, woher sie kommen versuchen wir Erzählforscher je nach Märchentyp zu klären.
Sie haben sich besonders mit französischen, italienischen und russischen Märchen beschäftigt. Natürlich auch mit Märchen aus der Schweiz, da leben Sie ja. Was ist denn jeweils typisch für die Märchentradition in diesen Ländern?
Eigentlich findet man überall die internationalen Erzähltypen, aber mit ganz interessanten regionalen Ausprägungen. Weil Sie jetzt gerade die Schweiz angesprochen haben: natürlich gibt es „Schneewittchen“ auch hier. Da stimmen die Zwerge darüber ab, ob sie Schneewittchen leben lassen oder in der Pfanne braten wollen. Der demokratische Grundgedanke der Schweiz hat also Eingang in das Märchen gefunden. Wenn im russischen Märchen ein Kind ausgesetzt wird, geht es nicht ums Verhungern, sondern ums Erfrieren.
Gibt es auch Unterschiede bei den Figurenkonstellationen?
Bleiben wir bei Russland: Da gibt es die Baba-Jaga, eine ambivalente Hexengestalt in ihrem Haus auf Hühnerbeinen, den vielköpfigen Drachen Gorynytsch oder den unsterblichen Knochenmann Kosch, der Mädchen entführt.
In Frankreich sind die Feen ausgesprochen kapriziös. Das führte dazu, dass wir in deutschen Märchen fast keine Feen haben, denn die Grimms fanden diese Feen zu romanisch. Sie haben sie quasi abgeschafft, so gibt es in Deutschland stattdessen weise Frauen wie in „Dornröschen“ zum Beispiel. Die eher bösen Feen wurden bei den Grimms zu Hexen und Zauberinnen.
Aus welchem Land kommen für Sie die schönsten Märchen?
Ich glaube aus Russland, die Märchen dort sind voll Fantasie, voll interessanter Figuren. Besonders gefallen mir die Frauengestalten. Oft sind sie zauberkundig, schön und mächtig. Sie kämpfen auch und sagen, was sie wollen. Ich lese gerne in der Sammlung von Afanasjew , aber aus dem Original, weil die Übersetzungen leider oft fade sind. In meinem Bücherstand stehen auch viele russische Sammlungen, die noch nicht übersetzt sind. Da gäbe es noch viel zu tun!
Das Interview führte Tina von Löhneysen, 3.12.2004
Abbildung 1:
Fragment einer Freske von Bruno Schulz, 1941, Ukraine. Wenn Sie mehr über Bruno Schulz erfahren möchten, klicken Sie hier! Weitere Werke von Bruno Schulz noch bis zum 23.01.05 in der Ausstellung "La République des rêves" im Musée d´art et d´histoire du judaïsme, 71 rue du Temple, 75003 Paris






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