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360° - GEO Reportage

Die Reportagereihe zeigt die aufregende Arbeit und den spannenden Alltag außergewöhnlicher Menschen.

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360° - GEO Reportage

Die Reportagereihe zeigt die aufregende Arbeit und den spannenden Alltag außergewöhnlicher Menschen.

360° - GEO Reportage

14. Oktober 2006, um 21.35 Uhr: 360º - Die Geo-Reportage - 02/10/06

Making of

Auf den Dächern von Kairo


Drehbericht von Carmen Butta

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Ursprünglich sollten auf den Terrassen die Bediensteten der Hausbewohner untergebracht werden. Heute leben auf den Dächern Kairos zahlreiche Großfamilien. Bildrechte: ARTE / © Medienkontor FFPEigentlich gilt Ägypten bei uns als ein relativ liberales Land der arabischen Welt. Auch Journalisten beschweren sich meist nicht über die Arbeitsbedingungen vor Ort. Doch, sobald man hinter das gewünschte und von den Behörden geförderte Pyramiden-Pharaonen-Korallenriff-Image blickt und sich jenseits vom touristischen, kunsthistorischen Pfad begibt, stößt man auf die Willkür und Intoleranz des Regimes von Präsident Mubarak.

"Vergessen Sie diese wenigen Menschen, die auf den Dächern wohnen!", hörten wir im Saal des staatlichen Pressezentrums, "sie dürfen Kairos Gebäude ausschließlich unter dem architektonischen Aspekt darstellen." Diese "wenigen" Menschen – an die drei Millionen im ganzen Land – seien "ein unrelevantes Phänomen, das auf keinen Fall dem Bild des heutigen Ägyptens entspreche" – zumindest nicht dem Bild, das im Ausland verkauft werden soll.

Es war eine drastische Anweisung, die keine Widerrede und, vor allem, keinen Freiraum zuließ. Der Chef des Informationsministeriums wollte uns auch keine Drehgenehmigung aushändigen. Nur der Beamte, der uns auf unserem Dreh auf Schritt und Tritt begleiten sollte, würde das wichtige Stück Papier in seiner prallen Aktenmappe haben. Wie versteinert saßen wir auf dem Sofa des Ministeriums. Doch bald entfesselte die Herausforderung unsere kreative Energie. Bereits am zweiten Tag gelang es uns, eine der vielen Drehgenehmigungskopien aus der Mappe des Beamten herauszufischen, die einmal unbewacht auf seinem Stuhl liegen geblieben war. Jemand von uns hatte ihn einen entscheidenden Moment lang abgelenkt.

Wie nutzlos unser Coup eigentlich war, wurde uns noch am selben Tag klar: Wir drehten unter Aufsicht ganz harmlos den Verkehr im eleganten Stadtzentrum, als erst ein Straßenpolizist, dann ein Polizist im Streifenwagen und schließlich ein Geheimagent unversehens auftauchten. Sie stoppten unsere Arbeit und überschütteten unseren Aufpasser mit Fragen. Wieder und wieder klappte er eifrig seine Mappe auf und hielt den Ordnungshütern einen Stapel Beglaubigungen hin. Doch jedes Mal zeigten sie sich unbeeindruckt, riefen die Polizeizentrale an und überprüften wichtigtuerisch jedes Detail mit ihren Vorgesetzten.

Was Saleh Soleyman besonders mag, ist die Ruhe und frische Luft auf seinem Dach in Kairo. Bildrechte: ARTE / © Medienkontor FFPUnser Problem war, dass es in der Stadt von Hunderten solcher Geheimagenten, die an jeder Ecke, in jedem Kaffeehaus, in jeder Gasse lauern, nur so wimmelte und sie ausländischen Teams in der Regel keine Drehgenehmigung ausgehändigten. Eine Kostprobe von den Übergriffen des Mubarak-Regimes erlebten wir direkt mit – am Schicksal eines freiberuflichen Kameramanns, der Bruder unseres ägyptischen Tonmannes. Er filmte für die Station Al Dschasira eine Demonstration von Richtern, die gegen das offensichtlich manipulierte Wahlergebnis vom letzten September protestierten. Als die Polizei das Signal zum Sturm bekam, packten Agenten den Kameramann, entrissen ihm seine Kamera, stülpten ihm eine Kapuze über den Kopf und sperrten ihn in den berüchtigten Keller des Innenministeriums. Erst am dritten Tag wurde er morgens um fünf auf einer Ausfallstraße abgesetzt – ohne seiner teuren Kamera. Eine Geschichte wie so viele andere, die uns ein Dutzend Journalisten erzählten. Kaum einem von ihnen war der Keller des Innenministeriums erspart geblieben. Seit der Ermordung von Präsident Sadat 1981 ist der Ausnahmezustand in Ägypten nie aufgehoben worden. Das gibt der Polizei und den Politikern praktisch freie Hand.

Am Ende gelang uns dennoch, das Leben auf den Dächern authentisch mit der Kamera einzufangen. Wir zwangen unseren Beamten zu so vielen strapaziösen Expeditionen in der Gluthitze des ägyptischen Sommers, dass seine Wachsamkeit bald erlahmte und er sich nur noch wünschte, zu Hause zu bleiben. Unser Glück war es, dass sich Hauptdrehort ganz weit oben befand, fern ab von den lauernden Blicken aller Ordnungshüter.
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14. Oktober 2006, um 21.35 Uhr
360° - Die GEO-Reportage
Auf den Dächern von Kairo
Ein Film von Carmen Butta
Reportage, Deutschland / Frankreich 2006
ARTE, Stereo, Erstausstrahlung
Moderation: Simone von Stosch
Wiederholung am 21. Oktober um 12.50 Uhr

Erstellt: 02-10-06
Letzte Änderung: 02-10-06