Wir überfliegen eisbedeckte, in Wolken gehüllte Andengipfel. Plötzlich verändert sich die Landschaft unter uns. Auf die Berge folgen Plateaus in 4000 Metern Höhe, unterbrochen von einer Art riesigem Krater, auf dessen Grund die Stadt La Paz liegt. In dieser Höhe ist die Luft dünn, und es kostet große Anstrengung, Gepäck zu tragen, Treppen zu steigen oder einfach nur zu gehen.Erster Drehtag: Wir sind auf der Plaza de San Francisco in La Paz. Der alte Platz ist Treffpunkt für Wunderheiler, Bettler und Sonderlinge aller Art; auch gegen die Regierung wird hier demonstriert. Mitten in diesem bunten Treiben stellt Juan Carlos Antezama einen Käfig auf, in den er sich einsperren lassen will, um gegen die schlechte Behandlung von Wildtieren in seinem Land zu protestieren. Begleitet wird er von Mitgliedern der Tierschutzvereinigung INTI WARA YASSI und vor allem von zahlreichen Kindern, die für die Sache der Tiere gewonnen wurden. Sich einen ganzen Tag lang in einen winzigen Käfig einzusperren, mag ebenso mutig wie kindisch erscheinen. Doch die Kindheit ist die Zeit der Unschuld, und in der Tat sieht Juan Carlos trotz langer Jahre der politischen Verfolgung und des Exils auch heute noch die Welt mit den Augen eines Kindes. Und das ist vielleicht sein größter Trumpf. Er kann sich in Tiere ebenso einfühlen wie in seine Mitmenschen und handelt kompromisslos. Seine charismatische Ausstrahlung beruht auf dieser Unschuld, mit der er Skeptiker entwaffnet und das Misstrauen von Tieren und Kindern überwindet.
Bevor wir in den Dschungel aufbrechen, filmen wir die Arbeit der Tierschützer in La Paz. Mitten im Zentrum dieser Stadt leben zahlreiche Wildtiere. Die Aktivisten befreien die durch die Gefangenschaft abgestumpften Wesen, spüren Wilderer und Tierhändler auf und kümmern sich um Tiere, mit denen ihre Besitzer nicht mehr fertig werden. Am Abend vor unserer Abreise erfahren wir, dass in einem kleinen Dorf an der peruanischen Grenze ein Zirkus eine Löwin und ihr Junges mitten im Dorf ausgesetzt hat. Juan Carlos und seine Leute würden die Tiere gern holen, aber sie haben nicht die Mittel dafür. Die Löwen müssten transportiert und tierärztlich behandelt werden; es müssten Genehmigungen eingeholt und Futter gekauft werden. Und wo sollten die Tiere untergebracht werden?Eines Morgens – wir filmen Juan Carlos gerade am Ufer eines Flusses in La Paz, in dem er als Kind oft badete, der aber heute völlig verschmutzt ist – begegnen wir Miguel, einem Straßenjungen, der mit anderen Kindern unter einer Brücke geschlafen hat. Wir bitten ihn, das Lager der Kinder filmen zu dürfen, doch als wir näher kommen, schlägt uns unerträglicher Abfallgestank entgegen. Vor allem aber warnt uns Miguel: „Wenn Sie weiter gehen, könnte Ihnen die Kamera gestohlen werden.“Wir filmen diese Begegnung. Juan Carlos schlägt dem Jungen vor, uns zu den Tieren in den Dschungel zu begleiten. Wenn er wolle, könne er dort bleiben. Wir vereinbaren ein Treffen für den nächsten Tag, wissen aber nicht, ob Miguel kommen wird. Am nächsten Morgen um 4 Uhr ist er da, abreisebereit.
Unterwegs hält Juan Carlos am Waisenhaus von Cochabamba an, um einen Jungen namens Eric abzuholen, der uns auch begleiten soll. Eric ist ein turbulentes Kind, das oft mit anderen rauft. Einmal hat er im Waisenhaus sogar einen Baum angezündet! Don Vico, einer der Leiter der Anstalt, glaubt, dass der Kontakt zu den Tieren Eric gut tun könnte. Die Waisenkinder, die alle ein ungeheures Bedürfnis nach Liebe und Zärtlichkeit haben, umzingeln uns geradezu. Die meisten von ihnen sind Kinder armer Bauern, die auf der Suche nach Arbeit in die Stadt kommen. Im Allgemeinen finden sie keine, ertränken ihre Sorgen im Alkohol und überlassen ihre Kinder sich selbst. Erics Eltern sperrten ihn in einer Baracke ein und machten sich aus dem Staub. Man erzählt uns, nach drei Tagen habe er angefangen zu schreien und sei von den Nachbarn befreit worden. Als wir im Tierpark Parque Machia ankommen, stelle ich fest, dass der Leiter denselben Nachnamen trägt wie ich: Lugones. Sein Großvater kam ebenso wie meine Vorfahren aus Argentinien. Neben mir als Franko-Argentinier gehören zu unserem Filmteam noch der Deutsch-Brasilianer Florian Pfeifer und der Brasilianer Walter Souza. Im Parque Machia ist alles bemerkenswert: die Menschen, die Tiere und ihre Geschichten. Ich weiß nicht, ob wir Zeit haben werden, alles zu filmen. Mehrere Kinder, die hier arbeiten, sind Waisen, denen es schnell gelingt, eine Beziehung zu den herrenlosen Tieren aufzubauen. Da ist z.B. der zwölfjährige Roosevelt, der von seinem alkoholabhängigen Vater im Stich gelassen wurde und den der Zufall vor die Tore des Parks verschlug. Er trat ein und blieb. Heute ist Roosevelt in der Schule Klassenbester. Ein englischer Tourist, der von der Geschichte des Jungen erfuhr, schickt ihm jeden Monat Geld, damit er weiter zur Schule gehen kann.
Miguel, unser Straßenkind aus La Paz, versucht, mit den Tieren in Kontakt zu treten. Doch der Dschungel ist nicht seine Welt. Miguel wird immer verschlossener. Auch die ausländischen Mädchen, die im Park arbeiten, schüchtern ihn ein. Eines Tages hören wir zufällig, wie er Juan Carlos erklärt, er wolle unbedingt nach La Paz zurück. Der Grund dafür ist einfach: Ihm fehlt der „Klefa“. So nennen die Straßenkinder den Klebstoff, den sie schnüffeln und mit dem sie „abheben“ können, wie Miguel sagt. Plötzlich rennt der Junge auf der Straße fort. Ich fühle mich schuldig, ihn hierher gebracht zu haben, und bin bereit, ihn in den ersten Bus nach La Paz zu setzen. Florian Pfeifer, der Kameramann, macht sich mit unserem Transporter auf die Suche nach Miguel. Florian ist ein echter Weltenbummler, ein Reporter, wie man sie heute nur noch selten findet. Er hat bereits in aller Welt über bewaffnete Konflikte berichtet und ebenso viele Hintergrundreportagen durchgeführt. Florian lebt in Rio und kennt sich mit den Kindern der Favelas aus. Er weiß, wie man mit orientierungslosen Kindern wie Miguel reden muss.Etwas später kommt er mit Miguel wieder und teilt uns mit, dass der Junge Talent als Zauberer habe und allen Mitarbeitern des Parks sein Können zeigen wolle. Abends führt Miguel in der kleinen Cafeteria vor einem internationalen Publikum (den jungen Helfern des Parks) seine Tricks vor. Er hat sie auf der Straße gelernt, doch seine Vorstellung ist eines Profis würdig. Alle klatschen Beifall, und Miguel ist überglücklich.
Während der Dreharbeiten werden wir durch Streiks und Straßensperren immer wieder mit der bolivianischen Wirklichkeit konfrontiert. Staatspräsident Evo Morales will zwar die Vorherrschaft der großen Multis beenden, gegen die Amerikaner vorgehen und ausländische Ölkonzerne in Schach halten. Doch dass die Wälder durch ausländische Interessen buchstäblich verwüstet werden, scheint keinen zu kümmern. Als wir die bolivianische Armee bitten, uns in einem Militärhubschrauber mitzunehmen, damit wir den Dschungel in der Provinz Chapare filmen können – einem Gebiet, das wegen des Kokainschmuggels überwacht wird – antwortete mir Oberst Salazar, wir müssten bei der amerikanischen Botschaft eine Genehmigung einholen.Unser Straßenjunge Miguel kehrte mitten in den Dreharbeiten nach La Paz zu seinen „Blutsbrüdern“, wie er seine Freunde nannte, zurück. Als wenig später vor der Abreise ebenfalls in die bolivianische Hauptstadt zurückkehrten, erfuhren wir, dass er von der Polizei aufgegriffen und in ein Heim gebracht worden war, aus dem er wieder weglief. Der intelligente, zutiefst unglückliche Junge war uns allen ans Herz gewachsen, und wir hatten gehofft, dass er ein neues Leben beginnen würde. Später, während des Filmschnitts in Paris, telefonierte ich einmal mit Juan Carlos. Er erzählte mir, er habe Miguel auf der Straße gesehen. Der Junge habe gebettelt, und als er ihn gesehen habe, sei er weggelaufen. Wo auch immer Miguel jetzt gerade sein mag, dieser Film ist ihm gewidmet.







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