360º - Geo Reportage: Samstag 29. Dezember, um 22.30 Uhr - 05/12/07
Making of
Auf Schlangenfang in Kambodscha
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Eine große, graue Fläche, soweit das Auge reicht. Das warme Wasser des Tonle Sap Sees schwappt mit großen Wellen in unser Boot, klascht in unser Gesicht. Hektisch bedecken wir das Equipment mit Plastikplanen. Bricht man nicht vor sechs Uhr morgens von der Hafenstadt Chong Khneas auf, kommt man mit ziemlicher Sicherheit in einen Sturm. In einer einstündigen Fahrt wollen wir die Nordspitze des Sees überqueren, um das schwimmende Dorf Prek Toal zu erreichen. Das Motorboot des Fahrers Bo kämpft gegen die Wellen. Nach gut 20 Minuten ist uns schlecht, und er gibt auf - wir müssen einen Zwischenstopp einlegen. Mit koreanischen Touristen verbringen wir die nächsten Stunden auf einer im See gelegenen Plattform. Dort werden Tee und Souvenirs verkauft. Krokodile, als Touristenattraktion in einen engen Käfig gepfercht, warten auf die nächste Fütterung. Das Siam Krokodil, um den See zu Tausenden gezüchtet, ist in freier Wildbahn fast ausgestorben. Es gab Versuche sie wieder anzusiedeln, doch meistens wurden sie von den heimischen Fischern als fette Beute wieder an Land gezogen.
Am Rande des Sees kommen die ersten schwimmenden Häuser in Sicht. Wir erreichen Prek Toal. Hier leben die meisten Schlangenfängerfamilien. Prek Toal wirkt aufgeräumt, geschäftig, friedlich. Bei genauerem Hinsehen sieht man erschreckend viele Männer mit fehlenden Gliedmaßen. Der Krieg hat seine Spuren hinterlassen. Noch 1993 fanden am Tonle Sap Massaker der Khmer Rouge Guerilla an vietnamesischen Fischern statt.
Am Nachmittag stehe ich alleine in der Hütte der Schlangenfängerfamilie Voth.
Sie sind noch nicht vom Fischen zurück. Von draußen dringen die Geräusche der Nachbarschaft: Motorenlärm, Wasserplatschen, lautes Rufen der Kinder. Ich sehe mich um. Das Bett mit der gelb-rot gemusterten Strohmatte, die rotbraunen Fischernetze darunter, der kleine, schiefe Altar mit den Räucherstäbchen an der Wand, das Foto von Van Voth und seiner verstorbenen Frau, eine blaue verbeulte Blechdose. Darin wird alles Wertvolle versperrt. Das Wertvollste im Haus, so erfahre ich später, sind das Geschirr und das Besteck. Die privaten Habseligkeiten berühren mich - schlagartig wird mir wieder bewusst, dass wir Eindringlinge sind, die tatsächlich hoffen, in 16 Drehtagen das Leben der Schlangenfänger einfangen zu können.
Zur Begrüßung setzen wir uns in einen Kreis. Kameramann Oliver, Tonfrau Zora, die kambodschanische Kollegin Noung, Vater Van, Sohn Kosal und Tochter Soun.
Sogleich zeigt sich auch ein Problem der nächsten Drehtage. Halten wir uns alle in der Hütte auf, drücken wir diese durch unser Gewicht stark nach unten. Durch die Bodenritzen dringt Wasser und mit dem Wasser kommt auch ab und zu ein kleiner, bräunlicher Skorpion hervorgekrochen. Ich soll aufpassen, warnt Vater Van Voth - wird man von diesem Tier gestochen, bekommt man hohes Fieber.
Eigentlich wussten wir, was auf uns zukommt, doch vor Ort ist dann doch alles anders.
Nie einen festen Untergrund unter den Füssen haben, macht aus dem Selbstverständlichsten ein kompliziertes Unternehmen. Allein in ein kleines Holzboot zu steigen, erfordert einiges an Übung. Von diesen schwankenden kleinen Nussschalen aus auch noch schöne, ruhige Bilder zu drehen, erfordert Können und die Fähigkeit, wie Kameramann Oliver scheinbar Ewigkeiten die Luft anzuhalten. Für jeden Perspektivenwechsel waren wir auf den Bootsfahrer angewiesen. Die Anweisungen für ihn mussten jedoch erst einmal übersetzt werden. Der „Stille-Post-Effekt“ war vorprogrammiert, und wollten wir nach rechts, sind wir garantiert erst links gelandet.
Als wir die Schlangenfänger auf ihrer dreitägigen Fahrt ins Schwemmland begleiten, steht unser Filmteam vor einer neuen Herausforderung: wie geht man vom Boot aus auf die Toilette? Sich mal eben über die Reling hängen geht nicht, da bringt man in Sekundenschnelle das Boot zum Kentern. Wie machen das die Schlangenfänger? Einfach laufen lassen? Ich weiß es nicht. Ich für meinen Teil konnte das nicht und habe so bei diesen Dreharbeiten meine ganz persönliche Grenzerfahrung machen dürfen: 17 Stunden nicht auf die Toilette zu gehen.
Eine weitere Hürde, mit der niemand gerechnet hat: Als wir den Schlangenfänger Van Voth, seine Tochter Soun und Nichte Sar beim Setzen der Netze fotografieren wollten, wurde er wütend. Warum, wurde mir erst klar, als ich erfuhr, dass eine Ablichtung von drei Personen auf einem Foto Unglück bringt. Ob nicht nur Fotos, sondern auch Filmaufnahmen von drei Personen die Geister verärgern - das war Van Voth zum Glück nicht bekannt. Darum durften wir weiterfilmen.
Nach einer Woche in Prek Toal setzen wir die Dreharbeiten auf dem Markt in Chong Khneas fort. Fische, Schlangen und Ratten werden verladen, dazwischen Menschen auf Mofas und in der Hitze vor sich hin stinkende Müllberge. Wie in anderen schwimmenden Dörfern gibt es auch hier keine sanitären Anlagen. Die Bewohner verrichten ihr Geschäft im See - mit dem gleichen Wasser waschen sie ihre Wäsche, sich selbst und kochen sie ihren Reis. Durchfall ist die häufigste Todesursache bei Kleinkindern.
Keine Dreherlaubnis bekamen wir letztendlich bei einer Gruppe von fünf Frauen. Die Schwestern sind bekannt für ihren auf Schlangenhautverarbeitung spezialisierten Familienbetrieb. Im Hof von Frau Gnis Haus lehnen an der Wand Bambusstecken auf die Schlangenhaut zum Trocknen aufgezogen wurde. Zuerst werden die Schlangen mit einer Fahrradpumpe aufgeblasen. Dann werden ihre Leiber massiert, so wird die Haut gedehnt. Anschließend werden sie ausgenommen und ihre Haut abgezogen. Zwei Wochen vor unserer Ankunft war ein Schweizer Tierschützer auf dem Markt unterwegs. Er hat erzählt, dass man in der Schweiz für den Handel mit geschützten Wildtieren schwer bestraft wird. Das hat den Frauen Angst eingejagt. Keine von ihnen wollte uns vor der Kamera das Handwerk zeigen.
Erstellt: 26-11-07
Letzte Änderung: 05-12-07