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| © ARTE / Medienkontor FFP |
| Beim Tanzritual wird der reinigenden Kraft des Feuers gehuldigt. |
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Für diesen Film mussten wir kämpfen. Mit uns selbst, wenn es darum ging, die Nerven zu behalten vor lauter Ungeduld, denn in Afrika braucht alles mehr Zeit. Vor allem aber mit den Behörden in Daressalam und den vielen Skeptikern, die glaubten, wir könnten mit unserem Film das Ansehen Tansanias beschädigen. Das haben wir einem anderen Film zu verdanken, der drei Jahre zuvor von Hubert Sauper in Tansania gedreht wurde, „Darwin’s Nightmare“. Dieser Film hat in Tansania für viel Aufregung gesorgt und wurde verboten, weil er nach Ansicht der Regierung lügt und die Wirklichkeit verzerrt. Es geht in dem Film um das Geschäft mit dem Victoriabarsch und Waffenschiebereien für den Krieg im Kongo. Wie objektiv der Film ist, soll hier nicht diskutiert werden. Relevant für uns war, dass der Film durch das Verbot erst recht populär wurde. Jeder kannte ihn - die DVD wird überall schwarz gehandelt - oder hatte zumindest von ihm gehört. Selbst die Bauern in der Provinz fragten als erstes, ob wir einen ähnlichen Film machen wollten. Jeder hatte Angst vor Repressalien, Jobverlust, Gefängnis, wie es vielen erging, die an „Darwin’s Nightmare“ mitgewirkt hatten. Selbst einer der beiden Protagonisten, Dr. Simeon Mesaki, wollte während des Drehs zweimal aussteigen, weil er befürchtete, wegen seiner Mitarbeit an unserem Film später drangsaliert zu werden.
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| © ARTE / Medienkontor FFP |
| Die Frauenrechtlerin und Journalistin Gaudensia Mngumi interviewt den Chef der Sungusungus, einer Art Dorfmiliz, die für die Ermordung von Hexen verantwortlich gemacht wird. |
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So kam es, dass wir für die Drehgenehmigungen, angefangen von der allgemeinen, die das Informationsministerium ausstellt, bis zur banalsten, wenn wir in einem Bus oder auf dem Markt drehen wollten, fast die Hälfte der Drehzeit aufwenden mussten. Endlose Gespräche, das Wort „Überzeugungsarbeit“ passt hier genau, im Dschungel der postsozialistischen Bürokratie, in Büros von Krankenhäusern, mit den Dorfchefs, Straßenpolizisten, Militärs, deren Fußballplatz wir versehentlich drehten und, und, und.
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| © ARTE / Medienkontor FFP |
| Simeon Mesaki, Soziologe an der Universität Daressalam, erforscht seit 20 Jahren den Hexenglauben in Tansania. |
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Eine andere Hürde lag in der Natur des Themas. Über Hexenglauben spricht man nicht, schon gar nicht mit Fremden. Das wusste ich vorher und entschied mich deshalb, der einzige Nichteinheimische im Team zu sein. Als Regisseur und Kameramann besetzte ich ohnehin schon die beiden wichtigsten Positionen im Team. Der Tonmann war schnell gefunden, sowie alle anderen Helfer, allen voran David Kyungu, der Stringer und Aufnahmeleiter, der sein Handwerk während 20 Jahren in Deutschland erlernte. Ihm habe ich nicht nur viele Problemlösungen zu verdanken, sondern auch ein freundschaftliches Verhältnis über den Dreh hinaus. Der einzige Weiße im Team zu sein hat vieles erleichtert. Immer wenn es um Hexerei ging, trat ich während der Vorgespräche in den Hintergrund und lies die Anderen reden. Sie bildeten ein starkes Trio, die beiden Protagonisten und David. Fast jeden konnten sie irgendwann überzeugen, vor die Kamera zu treten und über das heikle Thema zu sprechen – oder sogar die geheimen Rituale filmen zu lassen. So entstanden Aufnahmen mit Seltenheitswert, für die sich jetzt sogar die Wissenschaft interessiert, verkörpert durch Dr. Dirk Kohnert vom Institute of African Affairs / Institut für Afrika-Studien (IAA).
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| © ARTE / Medienkontor FFP |
| Dieser Mann (Mi.) erschlug die eigene Mutter, weil er glaubte, sie sei eine Hexe. |
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Schwer erträglich für uns alle war es, die religiös motivierte Gewalt zu erleben. Familien, die durch den Glauben an Hexen zerstört wurden, Menschen, die zu Krüppeln wurden, weil man sie für Hexen hielt. Wobei es nicht der Glaube an Hexen ist, der zur Gewalt führt. In seiner Irrationalität unterscheidet sich der Hexenglaube nicht vom Christentum oder Islam. Es ist die Armut, der Hunger, der die Menschen in ihrem täglichen Existenzkampf radikalisiert. Insofern war es auch ernüchternd zu erleben, wie hilflos die NGOs (Nichtregierungsorganisationen) gegen das Problem ankämpfen. Bewusstsein zu ändern funktioniert nur, wenn die materiellen Voraussetzungen es erlauben. Und die zu ändern, scheitert fast immer an der Politik, auf die selbst große Hilfsorganisationen kaum Einfluss haben.
Unterm Strich bleibt mir diese Drehreise aber in sehr positiver Erinnerung. Und das liegt an der unkomplizierten und herzlichen Art, mit der mir viele Tansanier begegneten. Ihnen habe ich zahlreiche interessante, oft kontroverse Gespräche zu verdanken, über die ewigen Themen wie die Zukunft des Kontinents, Entwicklungshilfe, Religion, teilweise auf hohem Niveau, aber immer engagiert und offen. Gerne würde ich eines Tages mit einer neuen Filmidee nach Tansania zurückkehren.