Schriftgröße: + -
Home > Workingman's death > Making of

25/04/08

Making of

Ausschnitte aus einem Interview mit Michael Glawogger (Ausführliche Fassung auf der Website zum Film workingman's death)

"Ich wollte den Arbeiter zum Helden machen, ohne dass ich etwas von ihm will. Das war ein Zugang. Beim Abwägen, was ich drehen will, da spielten diese Überlegungen auch mit, hier geht es darum eine Optik zu finden, mit der ich agieren kann, die mir die Darstellung erleichtert: Im dampfenden Schwefel, im ständigen Sterben, in riesigen Schiffen, die mit Feuer verbrannt werden, in Bergwerken, an diesen Stellen habe ich eine Möglichkeit gesehen, die sinnliche Arbeit wirklich zu zeigen und spürbar zu machen. Wenn der Arbeiter draufhaut und die Kohle herunterbricht, dann soll es einen schon mitreißen im Kino. Wie ist das, wenn das Messer ins Fleisch fährt, oder wenn ich mir den Kadaver umhänge. Und dann wird das auch noch mit Autoreifen verbrannt, das hat mir sofort gefallen, da musste ich gleich an Hieronymus Bosch denken, an sehr sinnliche Darstellungen. Auch der farbliche Zusammenhang: hier das rote Feuer, dort das gelbe Feuer. Mein Kameramann hat immer gesagt: "Wir machen Farbteile. Die schwarzweiße Ukraine, wo es trotz Farbfilms kaum Farbe gibt; das gelbgrüne Indonesien; das rotschwarze Nigeria; das braunblaue Pakistan; das orangefarbene China. Und die bunte Jetztzeit, wo alle Farben erlaubt sind. So etwas passiert bei mir immer zur Hälfte aus einer Überlegung, wo ich hin will, und zur anderen Hälfte fallen die Dinge dann ins Konzept. Meine Produktionsleiter hassen mich immer, wenn ich zum Beispiel nach dem dritten Dreh sage: " Tansania machen wir jetzt doch nicht." Eben weil ich etwas sehe, was in diesem Dominospiel, in dieser Zusammensetzung von Dingen stärker ist."

"Beim Vulkan (Schwefelabbau in Indonesien, A. d. Red.) stieß ich auf etwas Ähnliches wie in der Ukraine. Hier waren Vergangenheit und Gegenwart praktisch an einem Ort vereint. Darum fängt die Episode auch an wie ein mystischer "Geo"-Beitrag: Der Ziege wird die Kehle durchgeschnitten, sie tragen sie hinunter, vergraben den Kopf, glauben an Geister, halsen sich das auf - und dann setzten sie sich nieder und reden über die Nutten, zu denen sie gehen! Und im nächsten Schritt kommen die Touristen, fotografieren sie und kaufen Statuen, die sie extra dafür angefertigt haben. Und wenn man unten bei der Wiegestation ankommt, redet die nächste Generation über Bon Jovi. Als ich diese Eckpunkte hatte, begann mich das Kulitum wieder zu interessieren, obwohl ich im Kopf hatte, dass der Träger heute nicht mehr als Arbeiter wahrgenommen wird. ... Nur noch beim Möbelpacken, beim Tragen von der Wohnung hinunter, hat man das Abschaffen nicht verhindern können! Aber dort, da habe ich auch oft gefragt: "Warum tragen die noch einen Korb mit 70-100 Kg Schwefel am Tag sieben Kilometer durch die Gegend?" Und dann wurde ich fassungslos angesehen und bekam die simple Antwort: "Weil's billiger ist!" Es ist immer ganz einfach in der Kosten-Nutzen- Rechnung."


"Nigeria ist mir fast "passiert", erscheint mir jetzt aber als die Stelle, an der der Film auf den Punkt kommt. Dort ist die Begrifflichkeit vom Tod am vielschichtigsten, dort sind die fröhlichsten Arbeiter, die ihre Arbeit am meisten genießen - auch weil sie Status haben, was man anfangs gar nicht glauben würde - und es geht am meisten in die Richtung, wo die "Sinnlichkeit der Arbeit" sichtbar wird. Es gehört außerdem zu den schwersten Arbeiten, die ich je gesehen habe. Wenn die Arbeiter sich eine Viertelkuh umhängen und damit bis zu den Autos rennen, und das 20-, 30mal am Tag - man geht eigentlich schon bei der ersten ein. Das hat dadurch auch einen Kreisel bekommen: In der Früh gehen sie raus mit den Ziegen, den Ziegen werden die Köpfe abgeschnitten, sie werden geröstet, zum Waschen und zum Häuten getragen, vorbei an den Kühen, die zum Schlachtfeld getrieben werden, die Kühe werden geschlachtet, gehäutet, zerteilt, die Köpfe werden wieder zum Rösten gebracht, die gerösteten Köpfe zum Auto, die Ziegen zu den Autos. Ein Kreisel der Arbeit, der wie ein Lebenskreislauf funktioniert, wo der Tod fast bis zu abstrakten Formen auf der Leinwand abgebildet ist. Ich liebe diesen Teil des Films am meisten, weil er mich richtig angreift, anspringt, das kann ich intellektuell gar nicht groß erklären. Diese Bewegung überträgt sich auch in den packenden Kamerafahrten, immer wieder hinter den Männern her, die die Köpfe tragen . . . Es ist auch der Teil, wo ich am meisten an der Kürze leide."

"Pakistan war immer als ein Teil über das Verhältnis zwischen hier und der anderen Welt geplant. Wir, Europa, Amerika, laden dort die Schiffe ab, und weil es dort kein Erz gibt, werden sie als Rohstoff verwendet, das schwebte mir schon lange im Kopf herum. Die Episode war am schwierigsten zu realisieren, weil Greenpeace einen unglaublichen Druck auf die drei großen Orte ausübt - Alang in Indien, Chittagong in Bangladesh und Gaddani in Pakistan. Ich habe bei allen dreien recherchiert und angefragt, bei allen dreien eine Ablehnung erhalten, am Ende hatte ich wenigstens zwei Drehgenehmigungen. [...] In Gaddani gab es eine magische Übereinstimmung: Der Ort ist eigentlich am Sterben, ein riesiger Strand, wo 100 Werften zum Zerlegen waren - sieben sind noch in Betrieb! Und dann wurde zufällig der zweitgrößte existierende Tanker zerlegt, der größte, der je händisch zerlegt wurde, das haben wir zumindest ab der Hälfte erwischt. Wie man im Film sieht, ist das dann so ein halber Zigarrenstummel. Ich hab ihn noch in ganzer Pracht gesehen, und dann bis er völlig weg war, bei der ersten Hälfte des Schiffes habe ich noch an der Drehgenehmigung geknabbert, darum sind ein paar sehr eindrucksvolle Sachen nicht im Film... Wenn die Gastarbeiter aus Bangladesh den inneren Rumpf vom Öl auskratzen, das zählt zu den unglaublichsten Anblicken, die ich je gesehen habe. [...] Wie lange hat es gedauert, das Riesenschiff zu zerlegen? September bis etwa Juli, das Ende ist immer ein wenig schwer abzuschätzen, je weiter sie in das Wasser reinkommen, desto schwieriger wird es. Wenn unten geschweißt wird am Schiff, muss das immer bei Flut sein, damit das Schiff etwas nach oben wandert, wenn es ganz unten aufsitzt, kann man nicht mehr daran schweißen."

Abdruck mit freundlicher Genehmigung

Erstellt: 24-04-08
Letzte Änderung: 25-04-08