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360° - GEO Reportage

Die Reportagereihe zeigt die aufregende Arbeit und den spannenden Alltag außergewöhnlicher Menschen.

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360° - GEO Reportage

Die Reportagereihe zeigt die aufregende Arbeit und den spannenden Alltag außergewöhnlicher Menschen.

360° - GEO Reportage

30/01/02

Making of

"Cunahá - Tod durch die Wurzel"
Dr. Roland Garve

Der lange Marsch zu den Suruahá - Indios war anstrengend. Gut eine Woche fuhren wir mit dem Kanu den Rio Purus hinunter. Dann folgte ein zweitägiger Fußmarsch, auf dem uns Heerscharen von Mücken begleiteten, bis wir schließlich erschöpft unser Ziel im Herzen Amazoniens erreichten - die Maloca der Suruahá. Jetzt räkle ich mich müde in meiner Hängematte und genieße das dämmrige Licht, das seitlich in die Maloca hineinscheint. Plötzlich ein Rascheln. Ich erschrecke mich fürchterlich, denn ein am ganzen Körper rotbemalter Suruahá zielt mit kraftvoll gespanntem Bogen seinen Pfeil auf meinen Kopf und schreit: "Jara, Jara! Tohu degeri?" Ich weiß nicht, was er will, aber ich bin mir sicher, der sehnige Körper und die zu allem entschlossene Mimik verheißen nichts Gutes. Automatisch rutsche ich tiefer in die Hängematte, ducke mich und stelle dabei mit Schrecken fest, dass ein weiteres Stammesmitglied mit gespanntem Bogen direkt hinter mir steht. Angsterfüllt rufe ich nach Mario, meinem Begleiter. "Hanaxu!", vernehme ich Marios vertraute Stimme. Gott sei Dank, Mario ist vom Wasser holen zurück! Er erklärt mir, dass die Suruahá wissen wollten, ob ich Grippe habe. Zu tragisch waren ihre letzten Erfahrungen mit Weißen. Sofort lassen die beiden Indios von mir ab, senken Pfeil und Bogen und lächeln. Einer von beiden greift in seinen Tragekorb auf dem Rücken und angelt eine rote Riesenbanane heraus, lutscht kurz daran und drückt sie mir in die Hand. Ich überwinde meinen Ekel, nehme das Friedensangebot an und lächele ebenfalls.

Mario ist eine große Hilfe für mich. Acht Jahre lang hat der brasilianische Psychologe mit den Suruahá zusammengelebt, ist anerkanntes Mitglied ihres Stammes. Mario erklärt, dass ich sein Freund bin und wie versprochen ihre Zähne reparieren werde. Das ich Marios Freund bin, lässt die Indios schnell Vertrauen zu mir fassen. Einige der Männer zeigen mir sofort ihre kaputten Zähne und lachen dabei. Es hat sich also rumgesprochen, dass der Dentista da ist. Auch daran, dass ich zwischendurch immer wieder mit meiner Kamera durch die Hütte laufe, haben sich die Suruahá bald gewöhnt.

Ihr wechselhaftes Gemüt ist für mich jedoch schwer einzuschätzen. Eben ist Gamkin, einer der Indio-Männer, noch ein sehr liebenswerter Zeitgenosse, der mir Früchte schenkt, weil ich ihn endlich von seinen Zahnschmerzen befreit habe. Von einer Sekunde auf die andere aber schlägt die Stimmung plötzlich um und er schießt mir einen Pfeil auf meine Schuhspitze. Glücklicherweise prallt der Pfeil wegen der Stahleinlage ab. Dann wird wieder gelacht. Eigenartige Art von Humor, zumal man nie weiß, ob der Pfeil vergiftet war oder nicht.

Plötzlich Geschrei und große Aufregung: rotbemalte Frauen, die eben noch mit ihren Baumwollspindeln Hängematten flochten und aus Ton Schalen formten, beginnen laut zu kreischen. Männer lassen ihre halbfertig geschnitzten Pfeile fallen - alle laufen in der riesigen Hütte zusammen, schreien, gestikulieren wild und zeigen immer wieder auf Mawaxus Hängematte. Noch vor wenigen Minuten hat er gereizt verkündet, dass er sich mit dem Gift Cunahá umbringen werde, jetzt sofort, und niemand werde ihn davon abhalten. Und das nur, weil dem frischgebackenen Familienvater ein Huhn weggelaufen ist. Nun hängt er wirklich leblos quer über seiner Hängematte. Alle rennen los. Auch ich will sofort hin. Aber Mario hält mich zurück "Misch Dich da nicht ein! Lass ihn! Das ist seine Sache, nicht Deine. Es könnte böse für Dich enden!" Mario weiß, wovon er spricht. Vor einiger Zeit wollte er selbst in eine ähnliche Situation eingreifen, einen Selbstmord verhindern. Der Todeswillige brach ihm mit einem Knüppelhieb eine Rippe, bevor er sich ins Cunahá-Jenseits verabschiedete. Ein paar Männer schütteln Mawaxus und bringen ihn dazu, sich zu übergeben. Dieses Mal wird er überleben.

Ich bleibe zwei Wochen bei den Suruahá. Aber irgendwann macht mein Akku-Bohrer schlapp und die Medikamente gehen zur Neige. Ich soll zur Regenzeit wiederkommen und dann weiterarbeiten, bedeuten mir die Indios. Dann wären die Affen schön fett und leichter zu jagen. Sogar für mich.

Erstellt: 10-06-04
Letzte Änderung: 30-01-02