- Synopsis
Mamma Roma hat sich als Hure auf den Straßen Roms abgemüht, um endlich ihren fast erwachsenen Sohn Ettore (Ettore Garofolo), der es einmal besser haben soll als sie, aus der Provinz nachzuholen. Doch ihre Vergangenheit holt sie ein.
- Kritik
Pasolini beginnt den zweiten Film seiner Karriere nach „ Accattone“ (1961) mit einer Hochzeitstafel – während ein junges Paar Vermählung feiert, begießt Mamma Roma ihre „Scheidung“ und damit zurück gewonnene Freiheit - nie wieder muss sie für ihren Zuhälter anschaffen gehen. Deshalb singt sie und lacht, dass ihr, den Gästen und auch dem Publikum fast die Luft wegbleibt. Mamma Roma, die Anna Magnani, damals bereits 54 Jahre alt noch unsterblicher machte als Rossellinis „Rom – offene Stadt“, war eine Paraderolle für die unehelich, bei der Großmutter in armen Verhältnissen aufgewachsene Schauspielerin, die im italienischen Kino bereits vor dem Neorealismus als derbe, herzenswarme, kämpferische Frau aus dem Volke berühmt wurde.
Hier spielt sie eine völlig auf sich selbst gestellte, sich prostituierende „Trümmerfrau“, die einst einen verhängnisvollen Pakt mit einem (jugendlichen) Zuhälter einging, um der Misere ihrer Herkunft zu entkommen und für ihren Sohn, den sie auf dem Land groß werden lässt, während sie in Rom anschaffen geht, die materiellen Grundlagen für ein besseres Leben zu schaffen. Auch nach über 40 Jahren rührt es immer noch ans Herz, wie sehr diese Mamma Roma ihren Sohn liebt, ihm voller Optimismus angesichts seiner in rosigen Farben ausgemalten Zukunft das Tangotanzen beibringt, ihm zur Volljährigkeit ein Moped kauft oder um das Ende seiner Unschuld besorgt ist.
Ihr Ettore ist ein typischer Pasolini-Antiheld, verkörpert von dem Laiendarsteller Ettore Garofolo, der vollkommen mit seiner Rolle als zum Untergang verurteilter jugendlicher Delinquent zu verschmelzen scheint. Pasolini zeigt, wie Ettore sich in der Trabantenstadt am Rande von Rom anzupassen versucht, dort wo sich das neurömische, von der Landflucht in die Kapitale gespülte Kleinbürgertum in komfortablen, sozialen Aufstieg symbolisierenden Wohnsilos eingemietet hat, direkt vor alten Ruinen, die steinernes Zeugnis ablegen von der Jahrtausende alten Geschichte des römischen Volkes. Hier verliebt sich Ettore in die ältere Bruna, ein Mädchen von zweifelhaftem Ansehen.
Mamma Roma sieht es mit Sorge, doch ist sie zu lebensklug, um ihren Sohn mit autoritären Mitteln von der Wiederholung ihres Schicksals abzuhalten. Sie versucht es mit weiblicher Raffinesse und mit Hilfe ihrer guten alten Kontakte ins horizontale Gewerbe. Das Melodram nimmt seinen Lauf, als Läge ein Fluch auf dem Schicksal dieser einfachen, liebeswerten Leute, von deren Leidenschaft und unsentimentaler Leidensfähigkeit Pasolini so mitreißend zu erzählt vermag. Dahinter wird auch das Bedauern des Regisseurs über das durch den gesellschaftlichen Fortschritt bedingte Verschwinden ihrer Kultur sichtbar – für deren unkonformistische Andersartigkeit, die Solidarität und für die Gaunereien der kleinen Leute ist im neuen, kapitalistisch orientierten Italien kein Platz mehr.
Bildqualität/Extras: An der Restaurierung des Pasolini-Klassikers durch den Filmkopierspezialisten Tonino Delli Colli kann es wohl kaum liegen, dass über den Schwarz-Weiß-Bildern ein quecksilbriger Schleier liegt. Diesen würde man, auch wenn er alte Spratzer und andere Verschleißerscheinungen kaschiert, am liebsten wieder herunterreißen, weil er wie eine unsichtbare Kraft für noch mehr Distanz zum Original sorgt und der Zeit, von der der Film handelt. Außerdem – ein paar dürre Informationstafeln zu Pasolinis Biographie sowie zur Karriere der Magnani werden der Bedeutung dieses Filmklassikers einfach nicht gerecht.

Mamma RomaEin Film von Pier Paolo Pasolini
Darsteller: Anna Magnani, Ettore Garofolo
Italien 1962, 102’ Minuten, s/w
Sprachen: Deutsch, Italienisch
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial- Biographie Pier Paolo Pasolini
- Starinfos Anna Magnani
- Trailer






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