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Cannes 2007 - Un certain regard - 11/09/08

Mang Shan

Ein Film von Li Yang


„Blind Moutain“ handelt von einem chinesischen Tabu – dem Handel mit jungen, entführten Frauen, die zumeist an heiratswillige und finanzstarke Bauern in entlegenen Bergregionen verkauft werden.

(Blind Mountain)
Darsteller:  Huang Lu, Yang Youan, Zhang Yuling
BRD/Hongkong, China, 2007, 97’

Synopsis: Auf der Suche nach Arbeit gerät die junge Studentin  BAI XUEMEI (Huang Lu) in eine Falle. In einem entlegenen Bergdorf in der südwestlichchinesischen Provinz Sichuan muss sie feststellen, dass sie an einen kinderlosen Bauern verkauft wurde. Als sie sich wehrt, wird sie geschlagen und vergewaltigt. Ohne Hoffnung, aus dem Dorf zu entkommen, wird sie in der patriarchalischen und gleichgültigen Dorfgesellschaft zur Sexsklavin und Gebärmaschine degradiert.
 
Kritik: Regisseur Li Yang dürfte sich mit der Auswahl des Sujets für seinen neuen Film erneut keine Freunde unter Chinas Kulturoffiziellen gemacht haben – ging es in „Blind Shaft“ um die menschenverachtenden Zustände in den Bergwerken im Norden des Landes, klagt Li Yang diesmal den vor allem im Südwesten des Landes Jahr für Jahr skrupelloser praktizierten Menschenhandel  an. Die Opfer – meist mittellose junge Frauen – werden mit dem Versprechen auf gute Verdienstmöglichkeiten in die Falle gelockt und dann wie Vieh verkauft – ohne Chance, ihren neuen „Besitzern“ zu entkommen. Denn die Hilfsbereitschaft der oft korrupten Behörden und Polizei ist  gering. Nach Jahren der Gefangenschaft in der Fremde schwindet zumeist der Widerstand gegen ihr Schicksal, aus Scham gegenüber der Familie oder weil die junge Frauen, inzwischen Mütter geworden, ihre Kinder nicht zurücklassen wollen.
 
Blind seien die immer materialistischeren Chinesen mit ihrer viel zu schnell wachsenden Wirtschaft und dem damit einhergehenden Werte- und Traditionsverlust heutzutage für das Schicksal ihrer Mitmenschen geworden, klagt Regisseur Li Yang an. Gier, Selbstbezogenheit und Brutalität seien die bestimmenden Verhaltensfaktoren des modernen Chinas, in dem Geld der einzige Verhaltensmaßstab geworden ist. Kritische Worte, die jedoch nicht propagandistisch oder staatsfeindlich gemeint sind, wie ihm von offizieller Seite vorgeworfen wurde. Li Yang hat für seinen Spielfilm lange und gründlich in der Provinz Sichuan recherchiert und dort mit Bauern und Entführungsopfern ebenso gesprochen wie mit Polizisten und Behördenvertretern. Sein Blick ist eher der eines Dokumentarfilmers, der versucht die heutige Realität der chinesischen Bauern zu rekonstruieren. Kameramann  Jong Lin, der früher für Ang Lee gearbeitet hat („Eat Man Drink Woman“), fängt dazu stille, majestätische Bilder von überwältigender Schönheit ein. Die steilen, verschneiten Berge, die den Talkessel, in dem Bai Xuemei gefangen ist, wie Gefängnismauern umgeben, lassen auch erahnen, wie hart und unbarmherzig das Leben für die darin lebenden Menschen, die Verlierer des chinesischen Wirtschaftsbooms, sein muss. Und wie fehlender Strom, mangelnde Bildung, gepaart mit ausufernder Korruption und Gier, die Menschen dort zu engstirnigen, seelischen Krüppeln gemacht haben, die ihrerseits nach Opfern Ausschau halten, die ihren Aufstieg befördern können.
 
Wie Bai Xuemei - großartig gespielt von der Pekinger Schauspielschulabgängerin Huang Lu in ihrer ersten Spielfilmrolle – gegen diese Gleichgültigkeit und Brutalität anrennt, unter größten körperlichen und seelischen Qualen, ohne dabei die Hoffnung zu verlieren, geht ans Herz. Auch, weil Li Yang zugleich nicht den Fehler begeht, die Bauern pauschal zu verurteilen, sondern die komplexen sozialen und politischen Ursachen ihrer Misere mitdenkt. Im Land der Ein-Kinder-Familien, in denen nur die Söhne wertvoll sind, weil sie den Familienstammbaum fortsetzen, in dem Geldverdienen zur einzigen Maxime des Handelns erkoren wurde, ist es nicht verwunderlich, dass auch die Menschen der Berge blind füreinander geworden sind.

Martin Rosefeldt

Erstellt: 21-05-07
Letzte Änderung: 11-09-08