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Kino-News

Schön anzuschauende, aber oberflächliche Verfilmung des Colette-Romans, mit großen Schauspielern, die in schönen Kostümen amüsante Dialoge sprechen.

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Filmfestival von Locarno - 20/08/09

Manga Impact

Das Filmfest in Locarno entdeckt den Anime

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Auf der Bühne der Piazza Grande des Filmfestivals von Locarno, auf der sonst Regisseure, Schauspieler und Produzenten ihren Film vor bis zu 7.500 Zuschauern präsentieren, steht ein lebensgroßes Pikachu und gibt fiepsende Geräusche von sich, wie man sie von den Pokémons kennt. Was ist passiert? Hat sich das Pikachu im Festival geirrt? Neben ihm steht ein echtes, japanisches Girl, das ebenfalls aussieht und redet, als sei es einem Anime entsprungen, und sich schließlich als Shoko Nakagawa outet. Sie ist die Sängerin des Titelsongs des neuesten Pokémon-Kinoabenteuers, das den unglaublich langen Titel "Pokémon Diamond & Pearl the Movie: Arceus To the Conquering of Space-Time" trägt. Aber egal, ein Pokémon-Film muss keinen eingängigen Titel haben, damit die Kasse stimmt. Millionen von Fans weltweit kümmert ein Titel wenig, sie wollen einfach nur die neuen Abenteuer ihrer Helden, der Taschenmonster Pokémon sehen.

Die Schweizer Besucher sind derlei nicht gewohnt. Festivaldirektor Frédéric Maire führt zwei Trailer zum Film vor. Knallbunt sind sie, mit der typischen amerikanischen Trailer-Synchronisationsstimme, die aus jedem kleinen Gebirgsbach einen reißenden Fluss machen würde. Regisseur Kunihiko Yuyama führt gutgelaunt seine italienischen Sprachkenntnisse vor, die über "Guten Abend" kaum hinausreichen. Er ist mit einer 30-köpfigen Delegation aus seinem Heimatland gekommen, die sich aber freundlicherweise nicht alle auf der Bühne drängeln, sondern abseits warten, wie es sich für höfliche Japaner geziemt. Als Highlight der Präsentation singt Shoko Nakagawa live den Titelsong des neuen Pokémonfilms. Japanische Fans würden ihr nun schmachtend zu Füßen liegen, das Schweizer Publikum sieht belustigt bis verstört aus, denn sie wussten bislang ja noch nicht einmal von der Existenz dieses seltsam künstlich anmutenden Mädchens.

Was das alles soll? Das ehrwürdige Schweizer Filmfest lädt im 62. Jahr seines Bestehens zu einem wahrhaften Abenteuer ein. Es präsentiert als Retrospektive diesmal eine Animeoffensive unter dem Titel "Manga Impact", mit 30 langen Filmen und unzähligen kurzen Werken. Während eine Retrospektive zumeist nur das Werk eines einzelnen Regisseurs präsentiert, hat sich "Manga Impact" richtig viel vorgenommen: Der Zuschauer bekommt hier die Möglichkeit, die Geschichte des japanischen Animes von seinen Anfängen an nachzuvollziehen. Programme aus der Frühzeit des japanischen Trickfilms, thematische Kurzfilmprogramme, Tribute an Regisseure und an eines der wichtigsten japanischen Studios, Diskussionsrunden, eine Masterclass und eine Ausstellung wollen aufklären über ein bislang im Westen sträflich vernachlässigtes Thema. Noch nie hat sich ein europäisches Filmfestival - abgesehen von auf Science Fiction oder Animation spezialisierten Events - an solch ein komplexes Thema gewagt.

In den vergangenen Jahren widmete Locarno seine Retrospektive Regisseuren wie Aki Kaurismäki, Nanni Moretti und Mike Leigh. Durchaus interessant und sehenswert das, doch diesmal überrascht Frédéric Maire in seinem letzten Dienstjahr und bereitet sich selbst damit einen unvergesslichen Abschied, bevor sein Posten von dem jetzigen "Quinzaine des Realisateurs"-Direktor Olivier Père übernommen wird. Aber nicht nur in der Retrospektive, auch im Internationalen Wettbewerb und anderen Sektionen ist der Anime vertreten.

"Manga Impact" ist ein genauso ehrgeiziges, wie gewagtes Projekt. Gewagt deshalb, weil Animes in der Schweiz wie auch in Deutschland bei weitem nicht den Stellenwert und die Anerkennung haben, wie in ihrem Heimatland. "Otakus", begeisterte Fans, gibt es kaum. Sicher versucht das Festival mit seiner ungewöhnlichen Retrospektive neue Alterszielgruppen anzusprechen, etwa 18-30 jährige. Damit diese Besucher in der an sich recht teuren Schweiz kostengünstig übernachten können, hat man eigens für sie einen Luftschutzkeller in Ascona vorbereitet. Realisiert werden konnte "Manga Impact" nur in Zusammenarbeit mit dem nationalen Filmmuseum in Turin, in dem ab dem 16. September eine umfassende Sammlung zu sehen sein wird, die die Welt der Animes repräsentiert: japanische Originalposter und deren italienische Versionen, Filmreihen, Zeichnungen der Charaktere von Serien und Filmen, Storyboards und "Cels" - Acetatfolien mit den Konterfeis der Charaktere, die abgefilmt werden.

Während die Pokémons weltweit bekannt sind und sowohl Kindern als auch deren Eltern ein Begriff sein dürften, gibt es auf dem diesjährigen Filmfest sehr viele japanische Werke zu entdecken, die noch nie das Licht einer europäischen Leinwand entdecken durften.

Noburo Ofuji gehört zu den Pionieren des japanischen Anime. Von ihm stammt der erste japanische Anime mit Ton, "The Whale" aus dem Jahre 1927. Der früheste Kurzfilm aus dem Programm, das ihm zu Ehren zu sehen ist, ist von 1924. Von den 20er Jahren bis zu seinem Tod 1961 hat er mehr als fünfzig kurze und längere Filme realisiert und mit sehr unterschiedlichen Techniken gearbeitet. Drei weitere Programme aus der Frühzeit der Animation diverser Regisseure widmen sich den Themenblöcken "Wartime and Postwar Animation", "Nature and Magic" und "Comic".

Osamu Tezuka gilt als "Vater des Anime". Ein Programm mit zehn unterschiedlichen Filmen "Tezuka Shorts" bietet einen Einblick in sein Schaffen. Besonders faszinierend ist dabei der mittellange Film "Story of a Certain Street Corner", in dem Plakate an der Wand zu Leben erwachen und ihre ganz eigene Geschichte - im Kampf gegen ein imaginäres totalitäres Regime - entwickeln.

Weitere Kurzfilmprogramme bündeln Filme thematisch und richten so die Aufmerksamkeit auf ganz bestimmte Themenblöcke. "Art Impact" etwa versammelt Werke bekannter Künstler und Newcomer, die experimentell veranlagt sind, "Deep Impact" versucht sich den Wurzeln der japanischen Kultur zu nähern, "Dream Impact" vereint kurze Filme von mehreren jungen Animatoren, die sich mit Traumwelten auseinandersetzen und "Pop Impact" bringt einige der momentan angesagtesten Animatoren zusammen, etwa Makoto Shinkai. Dieser arbeitete monatelang im Alleingang zu Hause an seinem Computer an dem fast halbstündigen Film "Voices from a Distant Star". Seine Freundin durfte die weibliche Figur einsprechen. Inspirierend ist auch die Episode mit "Mochi", einem sprechenden Reiskuchen, der zwei Hunde mit Popstarallüren interviewen will. Herzerweichend ist der 11-minütige Film "Tragedy of Soft Ice Cream", in dem Tausende von Softeishörnchen brutal und vorhersehbar niedergemetzelt werden.

Die Sektion "Manga Impact: TV Series" stellt den interessierten Zuschauern diverse japanische Anime-TV-Serien vor, die es teilweise im deutschsprachigen Raum schon in (meist private) TV-Sender geschafft haben, etwa "Dragon Ball", "GTO", "Last Exile" oder "Burst Angel". Einen weiteren Fokus legt das Filmfestival auf die Arbeit eines der wichtigen Studios in Japan, Gainax. Gainax wurde von einer Gruppe von Studenten gegründet, die leidenschaftliche Anime-Liebhaber waren. Die Gainax-Filme besitzen oft eine Metaebene, in der sie andere Anime-Klassiker ehren oder sich über sie, deren Welt und deren Fans lustig machen. Beispielhaft dafür laufen neun Beiträge aus dem Hause Gainax, u.a. deren bekanntestes Produkt, "Neon Genesis Evangelion", eine sehr emotional erzählte Robotersaga, für die es in Japan ein eigenes Genre namens "Mecha" gibt. In "Otaku No Video" trifft ein Junge auf eine Gruppe von Otakus, also Hardcore-Fans von Anime, Manga und Science-Fiction. Erst steht er ihnen und ihren Ideen sehr skeptisch gegenüber, später wird er gar zu ihrem Anführer.

Das Festival widmet eine Hommage Isao Takahata, der einer der wichtigsten Vertreter des animierten japanischen Films ist. Dessen Werke sind auch deutschen Kindern und Eltern ein Begriff, auch wenn sie seinen Namen vielleicht noch nie gehört haben. In den 70er Jahren eroberten die ersten japanischen Anime-Serien auch deutsche Fernseher. Wer immer dachte, die Serie "Heidi" kommt aus der Schweiz, aufgrund ihres durch und durch eidgenössischen Stoffes, der hat sich schwer getäuscht. Der weise lächelnde Japaner Isao Takahata ist der Vater der Alm-Öhi-Story. Er ist ein aufmerksamer Beobachter und Kundschafter von Menschen und Orten, und seine Recherchereisen in die Schweiz und nach Deutschland sind legendär. Ebenfalls von ihm stammt "Die letzten Glühwürmchen", einer der besten und traurigsten Anime-Filme über den Zweiten Weltkrieg, der auch in Locarno zu sehen war. Im unterhaltsamen Waschbärendrama "Pom Poko" lernen die Bären die Kunst der Verwandlung wieder, um sich ihren Lebensraum von den Menschen zurückzuerobern. Regie führte Isao Takahata, die Geschichte stammt von keinem anderen als Hayao Miyazaki selbst, mit dem Takahata das legendäre Studio Ghibli gründete. Aus diesem stammen die beiden vielleicht erfolgreichsten Animes aller Zeiten, "Chihiros Reise ins Zauberland" und "Spirited Away".

Ein weiterer wichtiger Schöpfer der japanischen Anime-Kultur ist Yoshiyuki Tomino, der ebenfalls den Weg nach Locarno nicht scheute. Er begann ab 1964 bei dem bereits erwähnten Osamu Tezuka bei Mushi-Production zu arbeiten und machte sich mit "Astro Boy" einen Namen. Seine berühmteste Schöpfung ist die Gundam-Serie, die seit über dreißig Jahren existiert und die immer noch extrem erfolgreich ist. Tomino ist auf seine ganz eigene Weise sehr um Realismus bemüht, wie er in der Masterclass erklärte, die er für das Publikum in Locarno hielt: "Was ich kreiere, ist Fiktion, aber ich war immer um Realismus bemüht. Das ist auch der Grund, warum einige Teile der Serie unabhängig von mir existieren." Auch in Japan gibt es klare Grenzen, was im Fernsehen gezeigt und wie viel Gewalt etwa Kindern zugemutet werden kann. So gibt es schon mal eine Szene in seinem Werk, in dem einem der Kopf abgeschlagen wird. Aber Tomino ist es wichtig, dass er auch so etwas zeigen kann, denn wenn es Krieg gibt, sterben eben Charaktere. Tomino: "Ich will nicht lügen, sondern die Wahrheit erzählen." Außerdem ist es für ihn "eine Lüge, wenn ein Charakter wieder zum Leben erwacht." Deshalb sterben in Gundam und anderen Tamino-Werken auch Helden. Das ist ungewöhnlich für die Welt der Animes und hat Tomino bei seinen Fans den Spitznamen "Tomino kill 'em all" eingebracht. Doch Gewalt mag er eigentlich nicht besonders, denn im Herzen ist er ein Pazifist.

Wie haben sich japanische Animes in den letzten 40 Jahren verändert? Anfangs waren die Filme schon für eine sehr junge Zielgruppe gedacht, aber rasch sollten auch Erwachsene angesprochen werden. Tomino versuchte, ältere Altersgruppen mit einzubinden, entwickelte neue Charaktere, die auch Erwachsene ansprechen sollten. Von Anfang an gab es in Japan einen Markt, der sich auf Merchandising und Marketing von Animes konzentrierte, etwa Puppen der Charaktere verkaufte. Die Puppen von Tominos Filmen verkauften sich nicht allzu gut, nur für den bösen Charakter gab es eine rege Nachfrage. Tomino sollte also im Auftrag des Studios neue böse Charaktere erfinden, um insgesamt bessere Merchandising-Verkaufszahlen zu erzielen. Die Otakos, die er daraufhin entwickelte, hasst er noch heute. Tomino: "Ich hasse sie, weil sie viel besser und smarter sind als wir Menschen."

Ebenfalls aus Japan angereist ist Ichiro Itano, der als Animator der Gundam-Serie begann und sich rasch durch seine spezielle Art der Animation einen Namen machte. Sein spezielles Talent liegt darin, der Action und ihrer Kinetik einen ganz besonderen Ausdruck zu verleihen. Der Zuschauer meint geradezu, im Zentrum der Explosion zu stehen, er fühlt sich hineingezogen in den Sog der Bewegung. Fans nennen diese Szenen "Itano-Circus". Während seines Besuchs in der Schweiz hielt Itano einen mehrstündigen Workshop ab, bei dem er Studenten in seine digitale Kunst einführte. Eigens für das Filmfest in Locarno schnitt er seine beiden TV-Serien "Gantz" und "Blassreiter" zu einer Kinoversion zusammen. Nach der Vorführung hatten die Zuschauer ausgiebig Gelegenheit, dem Meister Fragen zu stellen. Die besten Fragen wurden mit Geschenken belohnt, die Itano extra mitgebracht hatte: Figuren aus seinen Serien, die zum Teil in Japan bereits vergriffen sind, also einen ganz speziellen ideellen Wert besitzen. "Gantz" besitzt zwar Szenen, die schockieren können, aber sein Held ist ein total cooler Junge mit "street credibility", der sich mutig für seine Mitmenschen einsetzt. Itano: "Viele junge Menschen sind heute mental ziemlich krank - nicht nur in Japan. Hier wollte ich einen jungen Menschen, einen Helden, der bereit ist, für andere zu kämpfen und zu sterben. Das kann eine Art Vorbildfunktion haben."

"Blassreiter" spielt in einem imaginären Deutschland, das von biochemischen Monstern verwüstet wird. Wieso Deutschland? "Ich war vier Jahre vorher in Deutschland wegen eines Anime-Events und habe dabei viele Fotos gemacht - die wollte ich nun irgendwie verwerten." Der englische Übersetzer merkt an, dass in Itanos nächstem Werk dann wohl Locarno explodieren oder von fiesen Kreaturen bevölkert sein wird.

Nana A.T. Rebhan



Erstellt: 17-08-09
Letzte Änderung: 20-08-09