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China: Gesellschaft

In einer vierteiligen Dokumentation zeichnen Philip Short et Adrian Maben das Porträt eines Mannes, der China von mittelalterlichen Strukturen befreit hat, (...)

China: Gesellschaft

02/09/09

Mao, Monster oder Genie?

Interview mit Philip Short, Autor


Anlässlich der Erstausstrahlung des Dokumentarfilms Mao, eine chinesische Geschichte (2006) hat die Redaktion zwei Interviews geführt, die nichts von ihrer Aktualität verloren haben und Ihnen hier zur Verfügung stehen.

© On Line Productions / ARTE France


Philip Short, Sie haben zusammen mit dem Regisseur Adrian Maben eine fast 600-seitige Mao Zedong-Biografie geschrieben. Auf dieser Grundlage schrieben Sie dann das Buch zu dem Film„Mao, eine chinesische Geschichte“. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie dieses Thema in Angriff nahmen?

Ph. Short: Bereits in jungen Jahren war ich von China fasziniert. Dieses Land interessiert mich seit meinem Studium in Cambridge. In den 70er Jahren ging ich als BBC-Korrespondent nach Peking und eröffnete dort das BBC-Büro. Dann schrieb ich ein Buch, in dem ich das China nach Mao mit der Sowjetunion nach Stalin verglich. Auf den Gedanken zur Mao-Biografie kam ich durch die beiläufige Frage meines Verlegers: „Warum machst du eigentlich nicht etwas über Mao?“.

Dieses Thema ist eines der spannendsten, die man sich überhaupt vorstellen kann, denn Maos Leben ist eng mit hundert Jahren chinesischer Geschichte voller Unruhe und Aufruhr verbunden. Und er war der Drahtzieher, der Hauptverantwortliche für die gewaltigen Veränderungen, die das mittelalterliche Kaiserreich China seiner Geburtszeit in einen modernen Nationalstaat verwandelten. All das innerhalb von ein oder zwei Generationen!

Die Geschichte verlief wie im Zeitraffer. Und Mao selbst stellte für mich natürlich auch eine Herausforderung dar, denn Biografen beschäftigen sich ja am liebsten mit vielschichtigen Persönlichkeiten. Er war nicht nur Politiker, sondern auch Visionär, Philosoph, Dichter (manchmal wirklich ein großer) und Militärstratege, kurz: ein politischer Führer, der diabolisch-geschickt zu manövrieren verstand. Er vereinte enorm viele Eigenschaften in einer Person. Was könnte sich ein Biograf Besseres wünschen?


Haben Ihnen die Chinesen - bei der Arbeit am Buch wie am Film - überall Zugang gestattet?

Ph. Short: Was das Buch betrifft, genoss ich fast völlige Freiheit. Es arbeitet sich auch leichter ohne Team und ohne Kamera. In manchen Orten empfing man meine Frau und mich mit den Worten: „Sie sind die ersten Ausländer, die wir seit 65 Jahren in diesem Dorf sehen! Damals, 1934-35, besuchte uns hier der Komintern-Berater Otto Braun. Seitdem ist niemand mehr aus dem Westen hergekommen!“ Was den Film anbelangt, ist es ziemlich erstaunlich, dass wir Leute aus Maos nächster Umgebung vor die Kamera bekommen haben: aus seiner Familie, aus dem engsten Kreis um ihn, das heißt die Leibwächter und all die anderen. Das hätten die Chinesen selbst niemals getan, nicht einmal für sich selbst.

Haben die Chinesen denn nie einen Film über Mao gedreht?

Ph. Short: Nein, das ist ein sehr sensibles und schwieriges Thema für sie.

Warum ist es heute noch schwierig, sage ich mal ganz naiv, über Mao zu sprechen und den Chinesen verständlich zu machen, dass man sich für Mao interessiert, insbesondere als Ausländer?

Ph. Short: Für uns als Ausländer ist es leichter, über Mao zu sprechen, für die Chinesen ist es schwierig. Aber warum ist es für sie so schwer, fragte ich mich. Er ist ja immerhin schon dreißig Jahre tot! Man kann sogar sagen, dass es jetzt schwieriger ist als vor fünf oder zehn Jahren. Das gegenwärtige chinesische Regime stützt sich auf zwei oder drei Säulen. Es gibt einen Gesellschaftsvertrag, in dem das Regime dem chinesischen Volk sagt: „Macht, was ihr wollt, ihr könnt euch vergnügen, ihr könnt privat so leben, wie ihr wollt, gesellschaftlich seid ihr freier denn je“, und das stimmt unbedingt. Wenn junge Leute Geld haben, können sie Autos oder eine Eigentumswohnung kaufen. Eine solche Freiheit wäre vor nicht allzu langer Zeit unvorstellbar gewesen.

Und wie viele von einer Milliarde dreihundert Millionen Chinesen haben diese Freiheit?

Ph. Short: Ich sage nicht, dass sich alle ein Auto leisten können, aber das kommt, und es wird eine Katastrophe. Aber selbst die Bauern in den ärmsten Gegenden sind heute viel freier als vor dreißig Jahren, zu Maos Zeiten. In den 60er und 70er Jahren verhungerten in manchen Gegenden Chinas noch Menschen, heute jedoch verhungert zum ersten Mal in der chinesischen Geschichte niemand mehr. Noch größere Freiheiten als in den Dörfern genießen die Chinesen natürlich in den Städten. Der Gesellschaftsvertrag beinhaltet also mehr gesellschaftliche Freiheiten für das Volk, wohlgemerkt gesellschaftliche, nicht politische. Im Gegenzug sagt die Regierung: „Zu politischen Fragen haltet den Mund, da ändern wir nichts. Lasst uns gewähren, und macht keinen Unsinn!

“Die zweite Säule des Regimes sind Wachstum und Wohlstand: Endlich können die meisten Leute etwas besitzen, auf dem Lande auf sehr niedrigem Niveau, in den Küstenstädten auf weit höherem.

Die dritte Säule ist Mao. Er verkörpert die Revolutionslegende, die eine wesentliche Legitimität verschafft. Denn die Einheitspartei kann ihr Machtmonopol nur mit dem Erbe der von Mao angeführten siegreichen Revolution rechtfertigen. Mao wird nicht angetastet, er ist der Garant des gegenwärtigen Regimes, sogar noch dreißig Jahre nach seinem Tod.

Was bedeutet Mao den Chinesen? Ist er ein Dynastiegründer, ein Kaiser unter anderen?

Ph. Short: Zuerst einmal ist er eine unumgängliche Bezugsperson. Jeder Chinese sieht Mao mit anderen Augen, niemandem ist diese historische Figur gleichgültig. Mao spielt in der jüngeren Geschichte Chinas eine so immense Rolle, dass er jeden angeht. Alle Familien, alle Chinesen deuten Mao auf ihre ganz eigene Weise.

Mao hat wirklich zwei Dinge vollbracht, die im Gedächtnis der Chinesen verankert bleiben: Zum einen hat er den Bürgerkrieg gewonnen und Rot-China ausgerufen. Dieses China bot den ausländischen Großmächten nach 150 Jahren der Erniedrigung die Stirn. Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, als die Chinesen im Zuge der von England und Frankreich geführten Opiumkriege schwer gedemütigt wurden, erlebte das Land einen ungeheuren Niedergang. Nach der heute in China vorherrschenden Meinung gab Mao dem Land also seinen Stolz zurück.

Zum anderen rief Mao dann etwas später die Kulturrevolution aus, die im kollektiven Bewusstsein als Katastrophe, als Desaster wahrgenommen wird. Aber meiner Meinung nach hat sie den Weg für den derzeitigen Aufschwung Chinas bereitet.

Enthält das Bildmaterial, das Sie in China oder anderswo fanden, Außergewöhnliches?

Ph. Short: Es waren Filme darunter, die wir nirgendwo anders gesehen hatten. Man sieht beispielsweise Maos vierte Gattin Jiang Qing, die das Oberhaupt der Viererbande war, die gefürchtete „Rote Kaiserin“. Man sieht sie als Schauspielerin in den 30er Jahren, denn sie war in ihrer Jugend Schauspielerin. Obwohl sie versucht hat, alle Kopien ihrer Filme vernichten zu lassen, tauchten einige in einer Sammlung wieder auf. Wir haben auch unveröffentlichte Filme von den Gewalttätigkeiten während der Kulturrevolution gefunden. Darin werden die Angriffe von Roten Garden auf Mitglieder des Politbüros, den Bürgermeister von Peking und anderes gezeigt. Der Film enthält auch noch nie gezeigte Bilder von den Zerstörungen buddhistischer Statuen und von Kirchen sowie Aufnahmen von Hausdurchsuchungen, bei denen man nach politisch belastendem Material fahndete. All das ergibt einen Überblick über diese Periode, die man bisher nur durch Bilder, Interviews und Zeitzeugen kannte.



Das Interview führte Pierre-André Boutang.

Erstellt: 09-07-08
Letzte Änderung: 02-09-09