Spätestens seit Mitte der 80er Jahre war es unvermeidlich, in irgendeinem Kontext Marc Ribots exzentrischem Gitarrenspiel zu begegnen. Der New Yorker, der zunächst bei den Lounge Lizards gespielt hatte, half dem Sänger Tom Waits, seine Platten in jener Zeit noch einen Tick schräger zu gestalten. Seither zählt der klassisch ausgebildete Ribot zu jenen äußerst gefragten Musikern, die man auf Pop-Alben von Elvis Costello, Marianne Faithfull, David Sylvian, Laurie Anderson und vielen anderen ebenso trifft, wie auf den Produktionen der New Yorker Downtown Jazzszene um John Zorn. 1990 veröffentlichte Marc Ribot sein erstes Album unter eigenem Namen: "Rootless Cosmopolitans". Es war ein Triumph der Ironie und der intellektuellen Scharfsicht. Mit Eigenkompositionen und dekonstruiertem Fremdmaterial präsentierte er sich als Philosoph des Nihilismus im Gitarrenladen. Mittlerweile sind zahlreiche Alben erschienen, Ribot wurde zum beständigsten Mitspieler von John Zorn in dessen vielen Projekten: von den Soundtracks bis zur Formation "Electric Masada". Obwohl das im Jahr 2001 erschienene Solo-Album "Saints" bis auf das Stück "Empty" nur Fremdkompositionen enthält, zeigt es doch am besten Ribots ästhetische Zielrichtung. Seine Cover-Versionen waren immer schräg, zuweilen sarkastisch, manchmal bis zur Unkenntlichkeit entstellt.
Als "linkisch" könnte man sein Spiel bezeichnen - und eigentlich ist Ribot auch Linkshänder. Nur spielt er die Gitarre wie alle, die physiologisch oder motorisch eher rechtslastig veranlagt sind. Die Abläufe von der linken zur rechten Gehirnhälfte passieren bei ihm nun eine besondere Weiche: die Instanz der distanzierenden Reflexion. Kein eingespielter Automatismus führt bei Ribots Spiel also die Finger. Das heißt: man weiß nie, welcher Ton auf den nächsten folgen wird. Man weiß nur, daß zumindest Ribot genau weiß, was er da macht. Es ist, als definiere Ribot das harmonische Bezugssystem in jeder Sekunde neu.
Als listiger Dekonstruktivist eignet ihm eine tiefe Skepsis gegenüber jeder einfachen Melodie, jedem geradlinigen Weg und jeder Art von Oberflächenschönheit. Wenn er den Beatles-Klassiker "While My Guitar Gently Weeps" zerstückelt, dann spürt man, daß Marc Ribot der Schalk im Nacken lieber ist als das Herz auf der Zunge. Besser die Musik doppelt und dreifach ironisieren, als so zu tun, als habe man garantiert "echtes und authentisches" Gefühl anzubieten. Sein überlegt anarchisches Verhältnis zu den sechs Saiten eröffnet ihm die Strategie, den musikalischen Diskurs zu unterbrechen, zu durchlöchern, ohne ihn dabei unsinnig zu machen. Er hält noch an der Erzählbarkeit des Songs, der Komposition fest - nur wird diese Erzählung demontiert und dennoch bleibt das Stück als Geschichte lesbar. Die Fremdkompositionen auf "Saints" klingen allesamt, als habe Ribot die Originale zunächst skelettiert, die Knochen neu arrangiert - und das Fleisch entsorgt. Ganz gleich, ob es sich um den Standard "Somewhere" handelt, den Gospelklassiker "Go Down Moses" oder die Kompositionen von Albert Ayler, von denen er gleich drei neu interpretiert - oder vielleicht sollte man besser sagen: neu erfindet. Selbst wenn Ribot einen alten Blues-Standard spielt, dann gibt er nicht vor, den Blues zu haben - es klingt zum Teil wie ein langes Zitat aus historischer Ferne, und zum Teil wie eine Reflexion über das Phänomen des Blues. Ständig scheint er über die Sinnlosigkeit alter Formen nachzudenken - und sucht er ihre aktuelle Gültigkeit, indem er sie mit Mitteln kombiniert, die aus dem Free-Jazz und den Klangexperimenten stammen.
Über die anhaltende Selbstreflexion wird seine Musik zum Antipoden des Pathos: Marc Ribot pflegt nicht den Glauben an irgendeine Wahrheit, seit sich ihre Transportmittel abgenutzt haben wie die klassischen Formeln des Jazz oder die standardisierten Ritualen der Rockmusik. Folglich klingen die Töne, die Ribot in den Raum stellt, als seien sie ihrer selbst entfremdet. Sie irren durch das Gefüge der Musik, ausgesetzte Kinder einer sarkastischen Phantasie, die eine neue, unverbrauchte Sprache für die Melancholie suchen. Tatsächlich findet man sie schließlich unter der zerrissenen Oberfläche der Musik, im Raum zwischen den Tönen. Was zunächst wie musikalisches Abbruchunternehmen erscheint, enthüllt sich nach und nach als eine kluge Aufbruchsunternehmung: ins Offene.
Text: Harry Lachner
Marc Ribot"Saints"
Atlantic 7567-83461
Erschienen 2001






per E-Mail verschicken
Facebook
Twitter
RSS

