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Akteure-Manga in Deutschland - 21/06/06

Marcus Tieschky

Mitorganisator der Manga- und Anime-Veranstaltung Connichi


Die deutschen Manga-Fans können sich glücklich schätzen, einen so passionierten und engagierten Manga-Akteur wie ihn zu haben: Marcus Tieschky sorgt dafür, dass das Connichi-Event reiblungslos über die Bühne geht. In welchen anderen Bereichen der Manga- und Anime-Welt er sonst noch aktiv ist, hat Mang’Arte herausgefunden.

Mang'Arte: Ende September ist die große, jährlich stattfindende Manga- und Anime-Convention Connichi in Kassel zu Ende gegangen. Was waren die diesjährigen Highlights und warum sollte man sich diese Veranstaltung keinesfalls entgehen lassen?
Die Connichi ist eine nicht-kommerzielle Veranstaltung, die ehrenamtlich von Fans für Fans organisiert und neben Egmont Manga & Anime (EMA) auch von zahlreichen anderen Firmen und Unternehmen unterstützt wird. Ihre Schwerpunkte liegen nicht nur auf Manga und Anime, sondern auch auf Japan und japanischer Kultur – so gab es 2005 u. a. einen Japanisch-Schnupperkurs, einen Kimono-Workshop und die Möglichkeit, das bekannte japanische Brettspiel Go unter Anleitung von zwei nationalen und internationalen Meistern zu lernen.
Zu den Highlights der Connichi zählen jedes Jahr Ehrengäste aus Deutschland, Japan und Südkorea sowie japanische Pop-Bands und der Publikumsliebling Toru Tanabe, der als ausgebildeter Opernsänger bekannte japanische Lieder in deutscher Übersetzung vorträgt. Die größte optische Wirkung stellen aber wohl die Besucher selbst dar: Fast die Hälfte aller Connichi-Besucher sind Cosplayer, d. h. sie verkleiden sich mit selbst angefertigten, meistens äußerst aufwändig gestalteten Kostümen als ihre Lieblings-Manga-Figuren und posieren damit bei Cosplay-Wettbewerben und spontanen Foto-Sessions.

Mang'Arte: Mit welchen anderen Events kann der Manga-Fan die Zeit bis zur Connichi 2006 am besten überbrücken
Nahezu in allen Regionen Deutschlands finden mittlerweile monatliche Manga- und Anime-Treffen statt, die meistens von den Fans selbst organisiert und teilweise vom Animexx e.V. unterstützt und gefördert werden. Wichtige überregionale Fantreffen sind aber z. B. auch die Leipziger Buchmesse im März und der vom Verein Anime no Tomodachi ins Leben gerufene Anime-Marathon, der jeweils im Frühjahr an wechselnden Orten in Deutschland organisiert wird. Für Japanliebhaber interessant sind auch die in zahlreichen deutschen Städten organisierten Japantage, deren bekanntester und größter im Sommer in Düsseldorf stattfindet.

Mang'Arte: Sie sind an der Durchführung des Comic-Campus-Zeichenwettbewerbs beteiligt, der begabten deutschen Manga-Zeichnern die Möglichkeit bietet, beim Verlag EMA fest unter Vertrag zu kommen. Was macht einen guten Manga-Zeichner aus und nach welchen Kriterien entscheidet die Jury?
Der Comic Campus, der von Animexx, EMA und STABILO gemeinsam getragen wird, bietet deutschsprachigen Nachwuchszeichnern eine Einstiegsmöglichkeit in den professionellen Comic-Bereich. Wichtig für die Bewertung der Einsendungen ist neben der Beachtung der allgemeinen Regeln (Seitenzahl, Leserichtung, jugendfreie Themen usw.) aber natürlich vor allem das Zeichentalent und die Fähigkeit, den Leser innerhalb weniger Seiten für eine gut ausgedachte Geschichte zu begeistern. Eine konkrete „Kriterienliste“ für die endgültige Auswahl der Jury gibt es nicht, da spielen auch persönlicher Geschmack und viel Erfahrung eine Rolle. Am Ende kann es aber leider nur eine begrenzte Anzahl von Preisträgern geben – schade angesichts der großen Zahl an hochwertigen Einsendungen, von denen eigentlich jede eine Ehrung verdient hätte.

Mang'Arte: Doch damit nicht genug: Sie kümmern sich zudem um das Einladen und die Betreuung japanischer Besucher aus dem Manga- und Anime-Bereich. Welche kulturellen Unterschiede fallen Ihnen dabei besonders auf und worauf müssen Sie bei solchen Empfängen besonders achten?
Wenn bei einem Manga-Zeichner nicht der zuständige Verlagsredakteur mit eingeladen wird oder bei einem Anime-Regisseur von vornherein andere Mitglieder des Produktionsteams ausgeschlossen werden, wird man unweigerlich eine Absage bekommen, denn in Japan ist man das Arbeiten in der Gruppe gewohnt. Starallüren wie z. B. bei US-Stars kommen dagegen kaum vor, Abmachungen werden grundsätzlich eingehalten.
Natürlich muss man auf persönliche Vorlieben Rücksicht nehmen und den Gästen Möglichkeiten für eigene Impressionen geben, die aber völlig unterschiedlich ausfallen können. So hat z. B. im Anschluss an die Connichi 2005 die Manga-Zeichnerin Sanami Matoh noch eine Besichtigungstour durch Heidelberg gemacht, während die Mitglieder des Anime-Studios GAINAX das Münchner Oktoberfest besucht haben.

Mang'Arte: Wie sehen die japanischen Gäste das derzeitige deutsche Manga- und Anime-Geschehen? Kann man von einer deutschen Eigenart sprechen, was Mangas und Animes angeht?
Beim Besuch der Connichi zeigen sich die japanischen Gäste durchweg überrascht vom Ausmaß und der Energie der deutschen Fanszene. In der japanischen Manga- und Anime-Industrie spricht sich erst allmählich herum, dass im deutschsprachigen Raum ein ernst zu nehmender Markt mit rasantem Wachstum entsteht – da ist wohl noch viel „Aufklärungsarbeit“ durch die deutschen Fans notwendig. Besonders begeistert sind die japanischen Gäste vom herzlichen Empfang durch die Fans und von der Freundlichkeit und der friedlichen Atmosphäre auf der Connichi.
Falls es wirklich eine „typisch deutsche“ Eigenart bei Mangas und Animes geben sollte, dann ist es vielleicht der Wunsch, so nahe wie nur irgendwie möglich am japanischen Original zu bleiben.

Mang'Arte: Noch bis letztes Jahr waren Sie Vizepräsident des Animexx e.V., einem der größten und beliebtesten Internet-Portale für Manga- und Anime-Interessierte. Was hat Animexx zu bieten?
Der Animexx e.V. ist als gemeinnütziger Verein die größte deutschsprachige Organisation zum Thema Manga und Anime und versteht sich als Interessensvertretung aller Fans. Neben der Connichi organisiert und unterstützt er bundesweit monatliche Anime-Fantreffen, z. B. in München, Stuttgart, Frankfurt/Main, Kassel, Hannover, Köln und im Saarland. Die Vereinshomepage www.animexx.de ist eine der größten und bekanntesten Internet-Fanseiten für Manga und Anime in Deutschland und bietet u. a. aktuelle News aus der deutschen und internationalen Szene, ein umfangreiches Fanart-Online-Archiv (von Fans gezeichnete Manga-Bilder), ein Diskussionsforum, das regelmäßig aktualisierte Anime-TV-Programm, eine der größten deutschen Manga-Datenbanken, Online-RPGs („Role Playing Games“), einen Chat, einen Eventkalender und vieles mehr.

Mang'Arte: Animexx ist immer topaktuell informiert, was Neuerscheinungen, Conventions, Tendenzen und Tipps angeht. Wie gelingt das Animexx?

Der Verein unterhält persönliche Kontakte zu vielen Firmen im Anime- und Manga-Bereich, ist das ganze Jahr über als Aussteller auf zahlreichen kleinen und großen Veranstaltungen anwesend und setzt sich aus aktiven Fans aus verschiedensten Sparten zusammen, von denen jeder seine Erfahrung und seine Verbindungen einbringt. Mittlerweile entdecken aber auch immer mehr Firmen, Verlage und Unternehmen von sich aus den Animexx als Kommunikationsplattform und suchen aktiv den Kontakt mit dem Verein.


Mang'Arte: Im Moment gehören dem Animexx-Onlineclub mehr als doppelt so viele weibliche wie männliche Mitglieder an (ca. 54000 zu 22000). Woran liegt dieses Geschlechter-Gefälle Ihrer Meinung nach?
Diese Entwicklung hat alle Beteiligten zunächst ziemlich überrascht. In der ersten Zeit nach der Gründung des Animexx e.V. im Januar 2000 waren die meisten Vereinsmitglieder männlich, der starke Anstieg weiblicher Fans setzte erst später ein. Parallel dazu ist zu beobachten, dass mittlerweile der größere Anteil der Manga-Leser im deutschsprachigen Raum weiblich ist. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass es vor Beginn des Manga-Booms kaum Comics für Mädchen und Frauen gab: In der US-amerikanischen und frankobelgischen Comic-Kultur spielen Frauen als Zielpublikum kaum eine Rolle. Anders in Japan, wo es von vornherein speziell auf eine weibliche Leserschaft zugeschnittene Mangas gibt. Es ist also nicht unbedingt so, dass die Zahl männlicher Manga-Leser abnehmen würde – die weiblichen Fans haben nur endlich ein passendes Comic-Medium für sich entdeckt und stürzen sich regelrecht darauf.

Mang'Arte: Sie widmen sich seit geraumer Zeit Mangas und Animes und sind auf diesem Gebiet sehr aktiv. Woher kommt diese Passion und was fasziniert Sie persönlich so sehr daran?
Eine „Mitschuld“ an meinem Engagement dürfte die Tatsache haben, dass ich einen großen Teil meiner Jugend im europäischen Ausland verbracht habe und dort wesentlich intensiver in Kontakt mit Mangas und Animes gekommen bin, als es zu jener Zeit im deutschsprachigen Raum möglich gewesen wäre. Die Rückkehr war für mich dann ein regelrechter Kulturschock – Deutschland ist in Sachen Comics meiner Meinung nach auch heute noch ein Entwicklungsland, das den meisten anderen europäischen Ländern um Jahre hinterherhinkt. Während Comics woanders als eigenständige Kunstform anerkannt sind, werden sie im deutschsprachigen Raum immer noch irgendwo zwischen „Kinderkram“ und „Schmuddelheftchen“ eingeordnet. Ich würde mich freuen, wenn ich ein wenig dazu beitragen könnte, solche Vorbehalte abzubauen und insbesondere im Manga-Bereich eine größere Akzeptanz zu bewirken.
Meine persönliche Faszination für Mangas und Animes liegt vor allem in der Art begründet, wie die Geschichten erzählt werden. Nicht immer sind die Guten strahlende Helden, und nicht immer verlieren die Bösen. Oft geht es um Menschen (oder Außerirdische oder Fantasywesen...), die vor eine Aufgabe gestellt werden und sie mit ihren eigenen Mitteln lösen müssen.
Interview wurde von Patricia Czarkowski geführt. November 2005.

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Mang'Arte
Das Online-Magazin für das „andere“ Manga

www.arte-tv.com/mangarte

#14 - November 05
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Erstellt: 21-11-05
Letzte Änderung: 21-06-06