Kritik: Es ist nicht etwa so, dass aus Ramón, dessen eingeknickte, zusammengefaltete Hände an die eines verkrüppelten Fötus erinnern, in der langen Zeit seiner Paralyse ein zu Tode betrübter, vereinsamter, schweigsamer Misanthroph geworden wäre. Im Gegenteil – der einstige, früh um die Welt gereiste Matrose, hat sich im Angesicht seines Schicksals und seines Vorhabens, seinem Leben ein selbst bestimmtes Ende zu setzen, einen Humor und eine Lebensenergie bewahrt, die Freunde und Angehörige an seinem Bett so manches Mal in Gelächter ausbrechen, Wutanfälle bekommen lassen oder die pure Schamesröte ins Gesicht treiben. Ramon flirtet mit den Frauen, die berührt von seinem Schicksal an sein Bett eilen, er sieht mit seinem Neffen Fußball, raucht, wenn ihm denn endlich jemand die Zigarette an seinen Mund hält und schreibt mittels einer speziellen Schreibkonstruktion mit seinem Mund Gedichte.
Die Geschichte des galizischen Seemanns, der sich vergeblich mit dem spanischen Staat um legalisierte Sterbehilfe stritt, beruht auf der wahren Geschichte von Ramón Sampedro, der sein Leben mit der Lähmung in dem autobiographischen Roman „Letters from Hell“ niederschrieb. Es ist ein Glücksfall, dass sich Alejandro Amenábar, einer der bekanntesten jüngeren spanischen Regisseure („The Others“, „Abre Los Ojos“) des Projekts angenommen und die Rolle des Ramon dem begnadeten Schauspieler Javier Bardem anvertraut hat. Obwohl ein physisch extrem robuster Mime und zwanzig Jahre jünger als der wahre Sampedro, nimmt man Bardem in jeder Sekunde sein Handikap und sein Alter ab. Mit großer Feinfühligkeit vollzieht sein Spiel die Gratwanderung zwischen Trauer, Abschied und Lebenslust.
Mare Dentro ist der Titel eines Gedichts, dass Sampedro geschrieben hat. „Das Meer in sich drinnen“ tragen, bedeutet für ihm, dem Ozean sowohl alles zu verdanken, als von ihm auch wieder genommen bekommen zu haben. Zugleich ist das Meer, dass hinter seinem Fenster irgendwo hinter den grünen Hügeln liegt, eine Zufluchtsstätte – seine Freiheit und Unendlichkeit bieten ihm großen Trost. Mag sein Protagonist auch gelähmt sein , Alemenábar lässt ihn ein ums andere Mal der Enge seines Lebens und der Unmöglichkeit, in der Realität eine nur zwei Meter von ihm entfernte Hand zu berühren, entfliehen. Vielleicht der schönste Moment des Films ist der, wo man mit Ramon auf einmal dessen Hand sich bewegen sieht, den Körper sich strecken, aufstehen und hinunter zum Meer laufen, wo er die Frau, die er begehrt, in seine Arme schließt und küsst. Natürlich ist alles nur ein Traum, aber ein wunderschöner, der einen begreifen läßt, was es bedeutet, das Meer und den Schmerz und das Glück tief in sich drinnen zu tragen und das Recht, den Zeitpunkt des Todes selbst zu bestimmen, die größte Freiheit und zugleich Verantwortung bedeutet, die uns Menschen gegeben ist.
Martin Rosefeldt






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