Die Stunde der Frauen
1944. In Berlin fallen die Bomben. Die junge Gräfin Lena von Mahlenberg macht sich nach jahrelangem Zerwürfnis mit ihrem Vater auf den Weg nach Hause. „Zu Hause“, das ist das elterliche Gut Schloss Mahlenberg in Ostpreußen. Sie ahnt nicht, was dort auf sie zukommt. Der unerbittliche Vater, die Herausforderungen auf dem Gut, der Einmarsch der Roten Armee in Ostpreußen und schließlich: die Flucht.
ARTE: Gräfin Lena von Mahlenberg muss gemeinsam mit den Gutsbewohnern aus Ostpreußen fliehen. Als der Vater ihr aufträgt, den Flüchtlingstreck anzuführen, sagt er: „Es ist die Stunde der Frauen.“ Warum?
Maria Furtwängler: Wir sprechen hier von einer Zeit in Deutschland, in der Frauen eine Kraft bewiesen haben, eine Energie und eine Fähigkeit zur Führung, die unglaublich ist. Sie waren nicht zu Heldinnen geboren und es war generell eine Zeit, in der Frauen nicht sonderlich viel zu sagen hatten. Doch es blieb ihnen gar nichts anderes übrig! Dadurch, dass ihre Männer im Krieg waren, mussten sie nun die Entscheidungen treffen. Sie mussten ihre Kinder und ihre alten Eltern irgendwie durchbringen. Ich hatte mit diesem Film die Chance, den Frauen dieser Zeit ein Gesicht zu geben und das hat mich bei der Arbeit immer wieder beflügelt. Es waren ja die Frauen, die Deutschland nach Kriegsende aufgebaut haben. Umso erstaunlicher finde ich übrigens, dass sich gerade diese Frauen, nachdem sie Kraft, Fähigkeit und Führungsqualität bewiesen hatten, wieder brav hinter den Herd vertrollt haben. Bisher konnte mir das noch niemand erklären. Was war mit ihrer emanzipatorischen Seite geschehen?
ARTE: Wurde da eventuell ein Grundstein der Emanzipation gelegt?
Maria Furtwängler: Möglicherweise. Sie haben sich wieder in das alte Rollenschema eingefügt, ihren Töchtern aber eingeimpft: „Ihr seid zu mehr fähig“.
ARTE: Lena ist eine Frau von preußischer Strenge, die ihre Gefühle nicht zulässt. Kennen Sie die Aufzeichnungen von Marion Gräfin Dönhoff, der ehemaligen ZEIT-Herausgeberin, die auch aus Ostpreußen floh?
Maria Furtwängler: Natürlich. Ich habe sie wahnsinnig gerne gelesen. Beim Lesen der Dönhoff-Bücher, aber auch anderer, habe ich mich für „Die Flucht“ mit dem, was preußische Tugenden ausmacht, auseinandergesetzt. Marion Dönhoff schreibt über ihre Kindheit in Ostpreußen z.B. wie sie und ihre Brüder ein Spiel hatten: Jeder schlägt sich mit seiner Reitgerte auf den Schenkel und wer zuerst anfängt zu heulen, hat verloren. Auf dieses Spiel muss man erst mal kommen!
ARTE: Ein hartes Beispiel ...
Maria Furtwängler: Absolut. Aber es sagt etwas darüber aus, wie wenig unmittelbare Befindlichkeiten gezählt haben, nicht zählen durften. Auch wenn uns diese Tugenden heute fremdartig und emotionslos vorkommen – teilweise hat mir das ganz gut gefallen. Es gibt eben Interessen, die weit über den eigenen und auch über den familiären Interessen stehen. Lena hat moralische Verpflichtungen – mehr, als für sie gut sind. Schon allein die Tatsache, dass sie den Treck anführt, obwohl ihre Tochter gerade verschwunden ist – so etwas würde ich heute wahrscheinlich nicht machen. Ich würde meine Tochter suchen und zu den anderen sagen: Geht schon mal los!
ARTE: Verpflichtet Lenas Stand sie zu diesem Schritt?
Maria Furtwängler: Ja. Diese ostpreußischen Gutsherren bzw. -herrinnen waren damals für die Menschen auf ihrem Gut bedingungslos verantwortlich. Also haben sie sich entschlossen, mit ihren Leuten zu gehen. Und weil die Männer im Krieg waren, kam es eben abertausendfach dazu, dass Frauen die Trecks anführten.
ARTE: Diese Menschen verloren ihre Heimat. Kennen Sie das Gefühl?
Maria Furtwängler: Nein. Aber ich kenne intensive Heimatgefühle. Wohin ich gehöre, bestimmt für mich in erster Linie die Familie, aber direkt danach kommt der Ort. Es gibt Wissenschaftler, die sagen, das Gefühl, die Heimat zu verlieren, gehört zu den schlimmsten überhaupt, weil es den Verlust der eigenen Wurzeln bedeutet. Für den Menschen ist es extrem wichtig die Gewissheit zu haben, irgendwohin zu gehören. Es ist schwer vorstellbar, was die Vertriebenen damals durchgemacht haben, als sie ihrer Heimat beraubt wurden und gesagt bekamen, „Du gehörst jetzt nicht mehr hier hin, wirst auch nie wieder hierher kommen, nie wieder das Recht dazu haben. Also pack jetzt dein Köfferchen“. So etwas zu akzeptieren, ist unendlich schwer.
Der nächste Punkt war die Ungewissheit. Die Flüchtlinge wussten ja nicht, wo sie ihre Bleibe finden würden. Sie sind einfach in die Ferne gegangen, wurden oft sogar mehrmals vertrieben. Man darf nicht vergessen, dass das ursprünglich Menschen waren, die viel Geld hatten und aus einem unheimlich fruchtbaren Land kamen. Deren Produktion überschritt bei weitem die von Bayern oder Schleswig-Holstein. Und auf einmal wurden sie als „Lumpen“ und „lausiges Pack“ beschimpft. Keiner wollte sie haben. Für die Deutschen hier war die Situation nach dem Krieg ja auch nicht leicht – und dann kamen da noch welche an, die verlaust waren und so ein komisches Deutsch sprachen.
ARTE: Filmische Aufarbeitungen des Holocausts und der Person Hitlers gibt es viele – war es an der Zeit, einen Film über das Schicksal der Vertriebenen zu machen?
Maria Furtwängler: Unbedingt! Dieser Teil der deutschen Geschichte wurde so noch nie erzählt. Dieses Schicksal hat immerhin 14 Millionen Deutsche betroffen. Und es ist auch noch nie in dieser Form die Geschichte der Vergewaltigungen erzählt worden. Ich war gestern in Leipzig in einer Ausstellung vom Haus der Geschichte: „Flucht, Vertreibung, Integration“. Die ist glänzend gemacht. Aber ich war ganz erstaunt, dass die Vergewaltigungen der Frauen am Ende des Krieges nicht darin vorkamen. Komisch, dachte ich, das ist doch millionenfach passiert und geschieht noch immer auf der ganzen Welt: Die Entehrung der Frauen, eine völlig archaische Form, das besiegte Volk zu erniedrigen.
All diese Dinge zu erzählen finde ich wichtig – weil sie tatsächlich passiert sind. Wir haben die Verantwortung, diesen Schicksalen eine Stimme zu geben. Von den meisten deutschen Vertriebenen wird es in den nächsten zehn oder 15 Jahren niemanden mehr geben. Wenn darüber noch einmal geredet werden kann, sollte es jetzt geschehen.
Das Gespräch führte Dorothea Grass für das ARTE Magazin
„Diffiziles Kapitel“
Zum Fernsehfilm „Die Flucht“ ist ein gleichnamiges Buch erschienen. Tatjana Gräfin Dönhoff verfasste auf der Grundlage des Drehbuchs einen umfassenden Geschichtsroman.
Mit dem Thema der Vertriebenen des Zweiten Weltkriegs kennt die Journalistin und Autorin Tatjana Gräfin Dönhoff sich aus. Sie studierte Politik und Geschichte und ist als Enkelin der ostpreußischen Familien Dönhoff und Lehndorff mit der Geschichte und dem Land auch ganz persönlich verbunden.
ARTE: Wie kam es dazu, dass sich ein Film- und Buchprojekt gerade jetzt dem Thema „Flucht und Vertreibung aus Ostpreußen“ widmet?
Tatjana Gräfin Dönhoff: Im Jahre 2005 jährte sich das Kriegsende zum 60. Mal, das Thema Flucht und Vertreibung lag damit in der Luft und die Drehbuchautorin und Produzentin Gabriela Sperl griff es auf. Bisher war dieses politisch diffizile Kapitel der deutschen Geschichte mehr oder weniger tabu. Einerseits, weil die Deutschen als Täter nicht auch Opfer sein durften und andererseits, weil Flucht und Vertreibung aus dem Osten Deutschlands oft ausschließlich von den Vertriebenen-Verbänden diskutiert wurde – mit der Folge, dass das Thema, nicht immer zu Recht, in eine rechtskonservative und revanchistische Ecke gestellt wurde.
ARTE: Wie wurde aus dem Thema ein Roman?
Tatjana Gräfin Dönhoff: Der Roman ist auf der Grundlage des Drehbuchs von Gabriela Sperl entstanden. Zusätzlich habe ich viel recherchiert: Tausende Flüchtlinge haben in den 1950ern ihre Erlebnisse aufgeschrieben, vor allem für das damalige Vertriebenenministerium. Darüber hinaus gibt es Hunderte Biografien und historische Bücher. In meiner Familie und meinem Bekanntenkreis konnte ich Zeitzeugen befragen. Das alles fließt in den Roman ein. Die richtige Auswahl zu treffen, war für mich als Autorin am Ende am schwersten ...
ARTE: Lena, die Hauptperson Ihres Buches, wird von den Männern verehrt. Ferdinand, Heinrich, François – wofür stehen die drei?
Tatjana Gräfin Dönhoff: Die drei verkörpern Lenas Möglichkeiten: Widerstand, Tradition oder Liebe. Ferdinand, der Jugendfreund und vehemente Nazigegner, der Mitläufer Heinrich, der aber auch Sicherheit und Einbindung in die alte Tradition verspricht, und François, der unkonventionelle, aufregende Fremde, der Zukunft und Befreiung von den alten Traditionen bedeutet. Aber erst als die althergebrachte Welt zusammengebrochen ist, wird für Lena die Liebe zu François möglich.
Das Gespräch führte Dorothea Grass für das ARTE Magazin
ARTE PLUS
Tatjana Gräfin Dönhoff (geb.1959), Freie Journalistin und Autorin sowie „die erste Dönhoff, die nicht in Ostpreußen geboren wurde und aufwuchs“.
- BUCHTIPP: „Die Flucht“, Tatjana Gräfin Dönhoff/Gabriela Sperl, Bloomsbury Berlin 2006






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