Das dalmatinische Inselbuch, das sie nun vorgelegt hat, ist eine träumerische Mixtur aus Seelenporträts und Landschaftsbildern im Wechsel der Jahreszeiten, durchzogen von historischen Wirklichkeitssplittern und dem herb-süßen Charme des „Mediterran“.
„Von den Verteidigungsmauern des Fort Royal sah ich auf die Altstadt von Dubrovnik. Ich fragte mich, wer die zweihundert verschiedenen Kakteenarten aus Amerika und Australien nach Lokrum gebracht hatte, und der Wind kam auf, draußen und in mir selbst, an der Stelle, an der die Sehnsucht im Menscheninneren an einem Hafen, an eigenen Schiffen und Schiffsmasten baut. Immer kam der Wind auf, wenn ich mir solche Fragen stellte und die Ankerplätze der Sehnsucht mich streiften.“
Vom Sehnen und Suchen, Hoffen und Warten, vom Träumen und mitunter auch vom Finden handeln alle elf Inselgeschichten, deren Protagonisten Windsammler und Traumhüter sind, Gedankenprotokollanten und Bildinspektoren. Es sind surreale Parabeln „aus der Welt hinter der Welt der Welt“. Einer Welt, in der die Menschen allein mit der Urgewalt der Elemente sind, allein mit ihrem Schweigen, ihrem übervollen oder allzu leeren Gedächtnis, und doch auf unsichtbare Weise durch Raum und Zeit mit allen Wesen verknüpft: Bilder kommen und gehen, Buchstaben kehren in Briefe ein und schreiben sich unter dem Auge des Empfängers fort, Menschen finden im „Spiegelland der Träume“ zueinander und setzen ihre Begegnungen bei Tage fort.
„Er ist nicht bei Verstand, flüsterte jemand. […] Er ist bei der Luft“
Da gibt es Ava, die Bienenkönigin von der Sonneninsel, in deren Ohren Embryonen wachsen und „die den Hof der Menschenherzen“ fegt, oder Happah, den Hirten von der Insel Brač, „einer Luftspiegelung der Sylphen“ entstiegen. Es gibt Oko, den Windsammler von der Insel Pag, der bei Nacht mit dem Panamahut in der Hand auf Windfang geht und bei Tag den schwarzen Lippizanerhengst sucht, den ihm im Traum der Erzengel Raphael gestohlen hat. Und es gibt Ara, von der Insel Ist, die täglich über die sieben piniengrünen Hügel läuft und die „Werkstatt der Wolken“ sucht.
„Es war Sommer, die Inselgäste kamen in Scharen, ein System ging zugrunde, draußen, in der Welt der Systeme“.
Zeitgeschichte kommt eher am Rande beziehungsweise in perspektivischer Brechung vor. Krieg und Diktatur, Exil und Emigration werden in knappen Sätzen, suggestiven Bildern evoziert. Vom „Verbotstraum“, der um sich greift, ist die Rede, und von nächtlichen Traumversammlungen. Titos Gulag auf der Kahlen Insel wird zwischen den Zeilen der Erzählung „Die Meeresseite der Orange“ evoziert, Ulbrichts Begegnung mit Tito auf den Brijuni-Inseln als köstliche Persiflage in der „Rache des Damhirsches“ imaginiert. Und „Der Bote des Cerebellums“, Ingeborg Bachmann gewidmet, rollt die Geschichte von der touristischen Erschließung des Brijuni-Archipels durch den österreichischen Industriellen Paul Kuppelwieser um 1900 neu auf, als Meditation über die Erforschung des Kleinhirns durch die mysteriöse Yly:„Der Baum des Lebens, verstehst du, sagte sie, und Paul verstand nicht.“
Dem Leser wird es an manchen Stellen wie Paul ergehen. Denn Marica Bodrožić schreibt, wie ihre Figuren, mit „verknüpften Sinnen“. Sie hat einen magisch-synästhetischen Zugriff auf die Welt, verschmilzt Realität und Legende zu einem imaginären Kosmos. Es schadet nicht zu wissen, dass die junge Autorin Slawistik, Kulturanthropologie und Psychoanalyse studiert hat. (Ob es nützt, steht auf einem anderen Blatt …) Auf den ersten Seiten fühlt man sich noch an Kafka erinnert, doch je weiter man liest, um so klarer wird eins – die Welt, die sie entwirft, ist chagallesk:
„Ein Wolf kam am liebsten in der Mittagszeit in meiner Luft vorbei, aber er war still wie eine fallende Schneeflocke, hatte ein weißes Fell und goldene Augen.“
Liegt es vielleicht am Wind, dem auf den Inseln allgegenwärtigen Wind, „der Bora, der Tramontana, dem Schirokko, dem Maestral, dem Libeccio“, dass die Luft so bevölkert ist? Katzen und Dörfer tummeln sich in ihr, Rosen und Pferde, Lichtharfen und „unkümmerliche Geranien“. Die Sprachmagie von Bodrožićs Debütroman (Der Spieler der inneren Stunde, 2005) wurde bereits mit Rilke verglichen, die Bildschöpfungskraft ihrer Gedichte (Ein Kolibri kam unverwandelt, 2007) mit Rose Ausländer, der Lasker-Schüler und Sarah Kirsch. Die Bildgepräge der Inselgeschichten stehen dem in nichts nach, die „Brustlaternen“ und „Sonnenliniennetze“, die „weichgewindete Nacht der Erinnerung“ und die „Hinübergehstunde der Träume“. Man wittert das Kroatische hinter den Sprachbildern und der Syntax, die manchmal an die Grenzen geht („kein Ritter brachte sie eitel“). So wundervoll unbefangen kann wohl nur schreiben, wer sich dem Deutschen von außen nähert, so sicher vor des Lektors Schere auch. Wer mehr über die wunderbar verrätselte Sprachwelt der Autorin wissen möchte, dem sei ihr Essay Sterne erben, Sterne färben. Meine Ankunft in Wörtern (2007) ans Herz gelegt, in dem sie ihr Eintauchen in die deutsche Sprache beschreibt.
„Es tat mir gut, der Wirklichkeit ein Bein zu stellen, und ich war glücklich, unbekannte Wörter zu hören und den Luftsaum zwischen den Buchstaben mit meiner eigenen Zunge zu ergründen.“
Über Chagall hat Paul Eluard einmal gesagt: „Wenn Chagall malt, weiß man nicht, ob er dabei schläft oder wach ist. Irgendwo in seinem Kopf muss er einen Engel haben.“ Im hellwachen Kopf von Marica Bodrožić hausen die Luftgeister der dalmatinischen Inselwelt.
Eine Rezension von Regina Keil-Sagawe
Marica BodrožićMarica Bodrožić, geboren 1973 in Dalmatien, heutiges Kroatien, lebt seit 1983 in Deutschland. Sie studierte Kulturanthropologie, Psychoanalyse und Slawistik in Frankfurt am Main. Ihre ersten literarischen Arbeiten, Prosa, Essays und Lyrik, veröffentlichte sie in Zeitungen und Zeitschriften (FAZ, Manuskripte, Lettre Internationale) und im Hörfunk. Marica Bodrožić lebt als freie Schriftstellerin in Berlin. Zuletzt veröffentlichte sie im Suhrkamp Verlag den Roman "Der Spieler der inneren Stunde".
Begegnen Sie Marica Bodrožić auf der Buchmesse bei uns am ARTE Stand am 14.10. um 14 Uhr im Gespräch mit Jörg Magenau.
Der Himmel, ein WundergemäldeDie dalmatinischen Inseln waren zu Kinderzeiten für die freie Schriftstellerin Marica Bodrožić eine sagenumwobene Gegend. Im Rahmen des "Grenzgänger-Programms" der Robert Bosch Stiftung hat sie sich aufgemacht, um diese Inseln zu erkunden und ihren Reiz zu erleben.
Hörprobe: vier Geschichten aus "Der Windsammler":Kommen Sie mit auf einen interaktiven Spaziergang mit Marica Bodrožić an die dalmatinische Küste: Hörbuch mit vier Erzählungen aus: "Der Windsammler". Klicken Sie bei unserem Büchertisch auf " Der Himmel, ein Wundergemälde".






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