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Leselust in Frankreich - 08/03/05

Marie Ndiaye: Rosie Carpe

Rezension von Christine Lecerf


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Marie N’Diaye, die verstörende Fremdheit

Betonklötze; von Fenstern durchbrochen, ein schlammiger Weg, muhende Ochsen unter dem Lärm der abhebenden Flugzeuge, scharenweise Touristen in Plastiklatschen und gedankenlosen Bermudashorts. Zum ersten Mal verlässt ein Roman von Marie N’Diaye Frankreich und wagt sich hinaus, allerdings nicht gleich in die fremde Fremde, wir sind in Guadeloupe. Zum ersten Mal auch gebiert die Schriftstellerin eine farbige Romanfigur. Lagrand heißt er. Er ist groß und schön, er hat eine seidige, glänzende Haut, er ist hierher zum Flughafen von Pointe à Pitre gekommen, um Rosie Carpe abzuholen, die Schwester seines Freundes Lazare.
Diese Fremde ist eine junge, blasse Frau, sie trägt schwer an dem Kind in ihrem Bauch. «Es ist etwas geschehen, das mich wohl betraf, doch außerhalb meiner Anwesenheit, und danach war ich schwanger, ich weiß nicht wie, noch von wem, noch so ganz genau wann. (Quelque chose est arrivé qui me concernait certainement mais hors de ma présence, et après j'étais enceinte, et je ne sais pas comment ni par qui ni quand exactement.)» Früher führte Rosie Carpe ein banales Leben in einem tristen Häuschen in einer mittelgroßen Stadt. Dort nannte sie sich noch Rose-Marie. In Paris, wo sie mit ihrem Bruder Lazare zusammengezogen ist, um eine Ausbildung in Handelstechnik zu machen, wird aus Rose-Marie Rosie, dieses dem eignen Leben gegenüber gleichgültige, dem Schicksal unterworfene Wesen. Je weiter Rosie abgleitet, desto fremder wird sie sich, und mit der sich immer weiter verdichtenden Erzählung wird auch ihre Fremdheit immer größer. Sie arbeitet als Zimmermädchen in einem Vorstadthotel, bringt ein erstes Kind zur Welt, Titi, mager mit gehetzten Augen, die es durch die leeren, grauen Straßen der Vorstadt gleiten lässt. Und dann wird Rosie wie im Märchen noch einmal schwanger; diesmal von einem Unbekannten, an den sie sich nicht einmal erinnert. Die Reise nach Guadeloupe beschleunigt Rosies Metamorphose, sie entledigt sich nach und nach all dessen, was sie hat: des Kindes, das sie begleitet, des Kindes, das sie im Leib trägt, schließlich ihrer selbst. In der brennenden Hitze der Insel ist Rosie nur noch ein Gespenst ihrer selbst, das Bild eines Ziegenkopfes in einem alten, blind gewordenen Spiegel: «Alles kann zum Gespenst werden, das Wort steht gleichzeitig für etwas und für nichts, für jemanden und für dessen Abwesenheit, für die Angst vor der Wiederkehr und die Hoffnung auf ein Wiedersehen. Kindheit und Erwachsenenalter vermischen sich hier im gleichen Erwarten: darauf, dass etwas passiert", sagte die Autorin in einem Interview.
Marie N’Diaye ist in der französischen Literatur eine sehr eigenwillige Gestalt. Rosie Carpe, das Buch, für das sie 2001 den Prix Femina bekam, ist ihr siebter Roman. Marie N’Diaye, die frühreife, sehr stilbewusste Schriftstellerin wurde 1967 in Pithiviers geboren. Aufgewachsen ist sie in der tiefen Provinz, wo sie auch weiterhin mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Jean-Yves Cendrey und ihren drei Kindern lebt, weitab von der Pariser Literaturszene. «Ich wurde in ein Milieu, in eine Familie geboren, die sehr gewöhnlich, ja einfach waren, die Eltern meiner Mutter waren Bauern. Was ich von der Welt weiß und vom Leben in Frankreich ist dort entstanden, in einer tristen, farblosen Provinz », sagte sie einmal. Schon mit 17 wurde sie entdeckt; Marie N’Diaye hat diesen sehr neutralen, präzisen Stil, wie er typisch ist für die Veröffentlichungen des Verlages Editions de Minuit, der das Erbe des Nouveau Roman fortführt. Und doch herrscht eine beunruhigende Fremdheit in diesem scheinbar so trüben, banalen Universum. Ein Hauch von Irrealität, wie ein «leichter, watteweicher Hass» legt sich sachte über diese polierte, beflissene Sprache. Denn Marie N’Diaye ist eine Farbige. Ihren senegalesischen Vater hat sie erst mit 11 kennengelernt.
Ihre doppelte Herkunft hat Marie N’Diaye aber keineswegs zu einem Mischling gemacht, der sich auf die Suche nach seinem Ursprung begibt, immer auf halbem Wege zwischen zwei Kulturen. Marie N’Diaye hat nichts gemein mit der Schwarzen Literatur, der littérature de la négritude eines Léopold Sedar Senghor. Und sie erfindet auch keine Sprache wie der Kreole Raphaël Confiant. «Ich habe keine doppelte Kultur, schade eigentlich, aber gleichzeitig musste ich auch nicht unter dem Zerrissensein leiden, das oft damit einhergeht». Ihre nüchterne Schreibe ist für Marie N’Diaye vielmehr ein Werkzeug, um tiefer einzudringen in ihre besondere Situation als Schriftstellerin und als Farbige: «Ich fühle die Fremdheit, Schriftsteller zu sein in einer Gesellschaft, wo die meisten das nicht sind. Das sondert mich ab. Ich spüre sie auch als Farbige, aber nicht schmerzlich, vielmehr objektiv.»
Rosie Carpe ist ganz und gar ein Produkt dieser ganz banalen Fremdheit, dieses Fremdseins, dieser plötzlich wegbrechenden Stabilität, die jeder, ob weiß, schwarz oder braun, jederzeit mitten im Vertrauten spüren kann, und bei einem Schriftsteller schlägt sie sich vor allem in Sätzen nieder, in denen ein Umbruch erfolgt: «Jede Parzelle ihres Fleisches öffnete sich und entfaltete sich aus dem kochenden, heißen Kern ihres Bauches in ein grenzenloses Aufblühen, eine ungezügelte Blüte – ihr Fleisch war riesig, rot, außer ihr. (Chaque parcelle de sa chair s’ouvrait et se déployait depuis le noyau bouillonnant, chaud, de son ventre, en une éclosion sans limites, une floraison effrénée- sa chair était immense, rouge, hors d’elle)" ».

Christine Lecerf




Rosie Carpe
Marie Ndiaye
Suhrkamp, März 2005
ISBN: 3518416855

Erstellt: 02-03-05
Letzte Änderung: 08-03-05


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