- Marnies Kleptomanie und Frigidität
Kleptomanie ist eine Störung der Impulskontrolle. Personen mit Impulskontrollstörungen haben Schwierigkeiten, einem Impuls, einem Trieb oder eine Versuchung zu widerstehen, obwohl die betreffende Handlung ihnen selbst oder Menschen in ihrer Umgebung schadet. Vor der Handlung verspüren diese Personen freudige Erregtheit; die Ausführung der Handlung löst ein Gefühl der Befriedigung oder Entspannung auslöst. Von solchen Störungen sind vor allem Frauen betroffen.
Unter Kleptomanie versteht man den zwanghaften Drang, Dinge zu stehlen, die weder zum persönlichen Gebrauch noch zur Bereicherung dienen. Im Allgemeinen werden die gestohlenen Gegenstände anschließend verschenkt oder weggeworfen.
Vor dem Diebstahl verspürt die betroffene Person eine wachsende Spannung. Durch den Akt des Stehlens wird diese Spannung abgebaut und weicht sogar einem Gefühl der Lust und der Befriedigung. Nach seiner Tat fühlt sich der Kleptomane dagegen oft schuldig oder erneut beängstigt.
Manche Kleptomanen ergreifen Vorsichtsmaßnahmen, um nicht gefasst zu werden. Oft sind dies Menschen, bei denen der Akt des Stehlens ähnliche Erregung auslöst, wie sie bei Menschen mit bestimmten sexuellen Perversionen zu beobachten ist. Andere Kleptomanen neigen hingegen dazu, sich erwischen zu lassen. In diesem Fall entspricht das Herbeiführen der Bestrafung wohl eher dem Wunsch, für die Tat zu büßen.
Für Marnie ist die Kleptomanie ein indirektes Mittel, um sich an den Männern zu rächen. Sie hat zwei einleuchtende Gründe, den Männern ihr Geld zu stehlen: Ihre Mutter ließ sich von Männern kaufen, und die Männer haben Marnie ihre Unschuld gestohlen. Da Marnie gezwungen war, im Nebenraum zu schlafen, wenn ihre Mutter ihre Freier empfing, wurde sie indirekt Zeugin der Liebesakte; außerdem hat sie ein Verbrechen begangen, um ihre Mutter gegen einen der Freier zu verteidigen, der versucht hatte, das kleine Mädchen zu küssen.
Die Kleptomanie ermöglicht es Marnie auch, ihre Sexualität auszuleben und dadurch ihre Frigidität zu kompensieren. Beim Stehlen empfindet sie die Lust und Befriedigung, die sexuelle Beziehungen ihr nicht verschaffen können.
- Marnies Phobien
Eine Phobie ist eine Störung, bei der bestimmte, objektiv ungefährliche Objekte, Situationen oder Tätigkeiten starke Angst hervorrufen. Als Ursache für Phobien gilt eine unbewusste Verschiebung. Eine Verschiebung ist ein Schutzmechanismus, bei dem die intensiven Gefühle, die eine bestimmte Vorstellung auslöst, auf andere, schwächere und für das Über-Ich leichter akzeptable Vorstellungen übertragen werden.
So überträgt Marnie ihre Emotionen, die mit der Erinnerung an den Angriff des Matrosen und dessen blutige Ermordung in einer Gewitternacht verknüpft sind, auf die Farbe Rot und auf Gewitter.
Die Figur der Marnie vereint die Eigenschaften einer schizoiden mit denen einer antisozialen Persönlichkeit. Ihre Persönlichkeitsstörungen äußern sich in Frigidität, Kleptomanie und Phobien sowie in ihrem Hang zu Täuschungsmanövern und Identitätswechseln.
Merkmale einer schizoiden Persönlichkeit- Unfähigkeit, Freude zu erleben
- emotionale Kühle, Distanziertheit oder abgeflachter Affekt
- Unfähigkeit, warme und zärtliche Gefühle auszudrücken
- geringes Interesse an sexuellen Beziehungen
- Bevorzugung von Aktivitäten, die alleine durchzuführen sind
- übermäßige Inanspruchnahme durch Fantasien und Introvertiertheit
- mangelndes Interesse an freundschaftlichen Beziehungen und Fehlen enger Freunde
- ausgeprägte Gleichgültigkeit gegenüber Normen und sozialen Konventionen.
Merkmale einer antisozialen Persönlichkeit- Hang zum Täuschen anderer zum persönlichen Vorteil oder zum Vergnügen, der durch wiederholtes Lügen, den Gebrauch von Decknamen oder betrügerische Handlungen zum Ausdruck kommt
- Unfähigkeit, sich in Bezug auf gesetzmäßiges Verhalten gesellschaftlichen Normen anzupassen, was sich in wiederholten strafbaren Handlungen äußert
- Reizbarkeit oder Aggressivität
- anhaltende Verantwortungslosigkeit, die sich in der wiederholten Unfähigkeit zeigt, eine dauerhafte Tätigkeit auszuüben oder finanziellen Verpflichtungen nachzukommen.
- fehlende Reue, die sich in Gleichgültigkeit oder Rechtfertigung äußert, wenn die Person andere Menschen gekränkt, misshandelt oder bestohlen hat.
- Mark Rutlands Fetischismus
Mit der Figur des Mark Rutland behandelt Hitchcock erneut das Thema „Fetischismus“, mit dem er sich bereits in „Vertigo“ befasst hatte: „Mir gefiel vor allem der Gedanke, eine fetischistische Liebesbeziehung zu zeigen. Ein Mann will mit einer Diebin schlafen, weil sie eine Diebin ist, wie andere Männer mit einer Chinesin oder einer Schwarzen schlafen wollen." (Hitchcock). Das Perverse an der fetischistischen Liebe ist, dass der Fetisch eine unabdingbare und oft die einzige Voraussetzung für sexuelle Lust ist. An einer Liebesbeziehung ist der Betroffene nicht interessiert. Mark Rutland ist ein „Sammler“ mit einer Leidenschaft für Zoologie. Er sieht in Marnie ein scheues, wildes Tier, das er zähmen und dessen Geheimnis er ergründen muss. Diese Vorstellung wird zu einer regelrechten fixen Idee, die ihn sogar dazu treibt, seine junge Frau zu vergewaltigen. Mark Rutlands Fetischismus bildet die Entsprechung zu Marnies Kleptomanie. Der Fetisch wird oft durch eine aggressive Handlung (Diebstahl) beschafft, denn der Begriff der Gefahr ist an sich von Bedeutung, und der Akt des Stehlens kommt einer Kastration der Bestohlenen gleich. Auch Marnie will die Männer symbolisch kastrieren, indem sie ihnen ihr Vermögen stiehlt. Der Fetisch dient als imaginärer Ersatz für den fehlenden Penis der Mutter und soll diesen Mangel der Frau verbergen und kompensieren. Fetischismus ist auch ein Schutzverhalten gegen Homosexualität. Somit wäre Marnies Frigidität das Gegenstück zu einer verdrängten Homosexualität Mark Rutlands.Tatjana Marwinski






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