Martina Gedeck (M.G.): Nun, ich wusste natürlich, dass es sie gibt und fand das von Beginn an ein sehr interessantes Angebot. Also es hat mich von Anfang an interessiert. Ich hab mich dann mit ihrem Werk befasst und ihre Bücher gelesen. Und da war mir das dann eigentlich sehr schnell klar. Ich musste natürlich noch das Drehbuch abwarten, also erst mal kucken, was draus gemacht wird, das ist nicht ganz einfach gewesen, weil wir sozusagen die Tagebücher verfilmen sollten und die Tagebücher sind zwei dicke Bände, und wie man so was dann in 90 Minuten bringt, das ist schließlich nicht ganz einfach.T. N.: Ich meine natürlich auch, wie Sie den persönlichen Zugang zu dieser Frauenfigur gefunden haben, ob Sie an den Tagebüchern etwas entdeckt haben, wo Sie wussten, das ist eine gute Rolle für mich.
M.G.: Also ich war sehr begeistert von den Tagebüchern. Und zwar sofort, eigentlich auf Seite eins hat mich das gefesselt, auch wenn ich diese Rolle nicht gespielt hätte, hab ich die Tagebücher quasi verschlungen.
T. N.: Ist es für die schauspielerische Arbeit eigentlich ein großer Unterschied, dass es sich bei dieser Rolle – ich glaube, es ist für Sie zum ersten Mal so – um eine Frauenfigur handelt, die real gelebt hat, also eine historische Figur, die als Schriftstellerin und als Charakter nicht frei erfunden ist? Haben Sie für sich ein Bild von dieser realen Brigitte Reimann mit sich herumgetragen?
M.G.: Ich habe natürlich auch eine gewisse Skepsis gehabt, ein bisschen Berührungsangst. Erst mal ist es eigentlich etwas, was gar nicht statthaft ist, finde ich, also das Leben von jemandem, den viele ja noch kannten, einfach so nachzuspielen. Auf der andern Seite fand ich gut, dass man mehr über sie erfährt, dass man darauf aufmerksam macht, was für eine wunderbare Frau das war, und vor allem, wie wunderbar sie auch geschrieben hat. Deswegen fand ich das in diesem Fall auch gut, sonst bin ich da eher skeptisch, Frauen nachzuspielen, die real gelebt haben. Ein Bild direkt von ihr habe ich nicht gehabt. Ich hab mich mit einigen Menschen, die sie gut kannten, unterhalten, und die haben mir viel von ihr erzählt, und ich hab mir dann gedacht, das ist alles sowieso nur eine Annäherung. Auch die Tagebücher sind nur eine Annäherung, man kann ja so ein Leben nicht wirklich kennen. Ich habe dann halt einfach drauf losgespielt. Und ich hab mir die Fotos natürlich auch angeschaut von ihr. Da sieht man ja auch sehr viel, man sieht ihre Lebendigkeit und ihre Kraft. Und auch manchmal ihre Ernsthaftigkeit.
T. N.: Gab es auch einzelne Punkte an dieser Frau, die Sie gestört haben, die sie trotzdem mitspielen mussten?
M. G.: Nein.
T. N.: Wo Sie einen inneren Widerstand gefühlt hätten, wo Sie sich gesagt haben, das geht jetzt zu weit, das ist zu naiv, oder zu impulsiv? Solche Punkte meine ich.
M.G.: Nein, nein, nein. Nein, weil ich meine, ich bin ja in dem Moment total verbunden mit dieser Frau, das heißt, ich bin diese Frau in dem Moment. Ich kann jetzt nicht anfangen, sozusagen von außen über sie zu urteilen. Wenn ich spiele, oder wenn ich so eine Figur erarbeite, ist das gar nicht möglich, man kann sich da nicht auf diese Art distanzieren. Ich mochte das eigentlich alles sehr.T. N.: Lebenshunger und Selbstzerstörung, künstlerische Kreativität - ich spreche jetzt von der Schriftstellerin Reimann – und ein damit verbundenes unglückliches Bewusstsein, das liegt ja oft nahe beieinander, fast schon klischeehaft m,anchmal. Bei Brigitte Reimann aber waren diese Verbindungen offensichtlich besonders stark und deutlich, so dass sie wohl auch ein großes inneres Unglücklichsein mit sich herumgetragen hat. In einer Szene im Film ruft sie aber spontan ganz laut: „Das Leben ist schön!“. Haben Sie das in dem Moment so gespielt, dass es eine authentische Empfindung, also das sie in diesem Moment auch wirklich daran geglaubt hat, oder hat sie sich auch sich in diesem Moment nur eingeredet, dass das Leben schön ist ?
M.G.: Sie hat wirklich daran geglaubt.
T. N.: In diesem Moment.
M.G.: In diesem Moment. So hab ich’s gespielt. Sie war natürlich auch trotzig, es war auch eine Art von Retourkutsche an den Jörn, natürlich, sie wollte ihm einfach eins vor den Latz knallen, darum. So eine Mischung aus beidem.
T. N.: Ihn hat sie ja als Pessimisten beschimpft.
M.G.: Genau, ihn hat sie als Pessimisten beschimpft, weil er eigentlich immer alles schwarz gesehen hat, aber sie fand das Leben auch schön, also zumindest in dieser ersten Zeit in Hoyerswerda. Ich habe immer den Eindruck gehabt, dass sie sehr begeistert war, am Anfang. Und ich glaube auch, dass sie – also so macht es mir den Anschein, wenn ich die Tagebücher lese – dass sie sehr glücklich war mit ihrem Daniel, dass sie das sehr genossen hat, sie war glücklich über die gemeinsame Wohnung, zum Beispiel.
T. N.: Aber sie war auch hin und her gerissen zwischen dem Glauben an die sozialistischen Ideen einerseits – sie war ja keineswegs eine Dissidentin – und ihrem persönlichen, individualistischen Lebensstil, der sich mit dem strengen SED-Regime nicht vereinbaren ließen. Ist das auch ein Teil ihrer Verzweiflung gewesen, dass sich diese Utopie doch nicht leben ließ ?
M.G.: Ich denke das war ein steter Kampf. Das ist für mich sehr schwierig zu beurteilen, weil ich da wirklich zu wenig weiß. Aber es war immer wieder auch ein Kampf, und sie hat sich auch teilweise dann doch auch durchsetzen können, zumindest was ihre Werke angeht. Da hat sie ja bei „Franziska Linkerhand“ am Ende auch gesagt, dass sie jetzt wirklich keine Kompromisse mehr machen möchte. Leider ist der Roman nicht mehr vollendet worden, ich weiß nicht, was dann passiert wäre.T. N.: Wenn Sie noch Gelegenheit gehabt hätten, Brigitte Reimann persönlich kennen zu lernen, können Sie sich vorstellen, dass Sie sie gut gekannt hätten, dass sie vielleicht mit ihr sogar eine freundschaftliche Beziehung entwickelt hätten?
M.G.: Ja, ich hätte sie gerne kennen gelernt, und ich hätte auch, wenn ich in ihrem Alter gewesen wäre, auf jeden Fall versucht, mich mit ihr zu befreunden. Ich finde, es ist eine ganz faszinierende Frau, und ich hab sie einfach auch sehr geliebt, jetzt bei dieser Arbeit, beim Spielen und bei der Beschäftigung mit ihr und ihren Büchern. Auch bei der Arbeit am Drehbuch, denn das ist eine ganz schwierige Situation, daraus dann einen Film zu machen. Und dann hat es mir einfach Spaß gemacht, ich finde sie wahnsinnig kraftvoll und lebendig, das Leben ist eigentlich immer um sie herum und in ihr drin und strömt aus ihr raus. Es ist eine ganz positive, dem Leben zugewandte Frau, die das Leben in vollen Zügen gelebt hat, und die sehr viel Mut hatte, das zu tun, und die sich nicht versteckt hat.
T. N.: Eine so eigenwillige, unangepasste Frau, eine solche Figur hätte man der DDR der 50er und 60er Jahre eigentlich gar nicht zugetraut.
M.G.: Ich kenne die DDR der 50er und 60er Jahre ja gar nicht, ich weiß eigentlich nicht, wie es da wirklich war. Ich kenne auch das Westdeutschland der 50er und 60er Jahre nicht mehr. Wann immer ich mit Menschen spreche, die in der Zeit gelebt haben, erzählen sie im Grunde dasselbe, was ich auch erzähle, wenn ich von meiner Kindheit und Jugend spreche. Also, ich glaube, dass diese Zeit auch sehr stark aufgeatmet hat, das kann ich mir jedenfalls vorstellen. Denn der Krieg war ja nun vorbei und es ging irgendwie endlich weg vom Faschismus, es wurde versucht eine Gesellschaft aufzubauen, die mit diesen Dingen aufräumt und das Ganze besser hinkriegt und da war man auch sehr euphorisch. Gerade die jungen Leute, die waren ja froh, dass das jetzt in eine andere Bahn ging, und ich glaube, dass die allgemeinen Vorurteile und Bilder, die man so hat, wie die DDR in dieser Zeit gewesen sein soll, auch nicht stimmen. Da war im Gegenteil auch eine Aufbruchstimmung und eine ganz lebendige Zeit. Trotzdem gab es da natürlich auch die andere Seite, die Enge und die Menschen, die es nicht mochten, wie sie sich verhalten hat. Das kommt ja im Film auch vor, z. B. in der Frage „kann man in Hoyerswerda küssen?“ - also wie man sich zu benehmen hat usw., da ist sie sicher angeeckt, aber das ist mit der Jugend ja so (lacht).
T. N.: Vielleicht könnten wir von so einer Aufbruchsstimmung ein bisschen was gebrauchen in unserer Zeit ?
M.G.: Ja, aber das ist natürlich schwer wiederholbar, nicht, nach so einem Krieg.
T. N.: Muss nicht sein.
M.G.: Muss nicht sein (lacht).
T. N.: Martina Gedeck, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview mit Martina Gedeck als Real Video - Kurzbiografie
Martina Gedeck, 1964 in München geboren und in Landshut aufgewachsen, zählt zu den profiliertesten und erfolgreichsten deutschen Film- und Fernsehschauspielerinnen.
Sie kam jedoch erst über Umwege zur Schauspielerei: Zunächst studierte sie Germanistik und Geschichte, danach Schauspiel an der Berliner Hochschule der Künste.
Nach einer kurzen Theaterlaufbahn, die sie unter anderem vom Frankfurter Theater am Turm zum Deutschen Schauspielhaus in Hamburg sowie an die großen Häuser in Berlin und Basel führte, begann Martina Gedeck ihre Filmkarriere mit Dominik Grafs "Die Beute". In der Folge spielte sie in den Fernsehserien "Eurocops" sowie "Adelheid und ihre Mörder" mit. 1995 erhielt sie für die Rolle einer buckligen Außenseiterin in Jo Baiers "Hölleisengretl" erstmals den Bayerischen Fernsehpreis.
In über 50 Kino- und Fernsehfilmen hat Martina Gedeck bisher mitgespielt. Scheinbar mühelos bewegt sie sich dabei zwischen den verschiedensten Filmgenres: Mit Sönke Wortmanns Komödie "Der bewegte Mann" wurde sie 1994 einem breiten Publikum bekannt. Ein Jahr später brillierte sie in Rainer Kaufmanns Komödie "Stadtgespräch", in der sie eine betrogene Ehefrau mimte. In Helmut Dietls Gesellschaftssatire "Rossini" verkörperte sie die italienische Kellnerin Serafina, die still aber entschlossen den überspannten Drehbuchautor Windisch anhimmelt.
Für diese Rolle und die der Lilo in "Das Leben ist eine Baustelle" gab es 1997 den Bundesfilmpreis. Ein Jahr später wurde sie für ihre Leistungen in "Neffe" und "Bella Block" mit dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet.
Im Jahre 2002 bekam sie für ihre Darstellung in dem Fernsehfilm "Romeo" (2001) von Hermine Huntgeburth einen weiteren Adolf-Gimme-Preis.2003 erhielt sie für ihre darstellerische Leistung in "Bella Martha" (2001, Regie: Sandra Nettelbeck) den Preis des Verbandes der deutschen Filmkritiker in der Kategorie beste Darstellerin. Vor „Hunger auf Leben“ spielte sie, ebenfalls unter der Regie von Markus Imboden, in dem Spielfilm "Ins Leben zurück" (2003) und zuletzt in dem Fernsehfilm "Casanova" (2004) von Richard Blank.
- Filmografie (Auswahl)
1988 Die Beute
1989 Tiger, Löwe, Panther
1994 Der bewegte Mann
1995 Hölleisengretl
1995 Stadtgespräch
1996 Der schönste Tag im Leben
1997 Rossini
1997 Der Neffe
1997 Das Leben ist eine Baustelle
1998 Frau Rettich, die Czerni und ich
1998 Der Laden
1999 Alles Bob
1999 Viehjud Levi
1999 Grüne Wüste
1999 Deine besten Jahre
2001 Scheidung auf Amerikanisch
2001 Bella Martha
2002 Verlorenes Land
2002 Andreas Hofer - Die Freiheit des Adlers
2003 Ins Leben zurück
2004 Hunger auf Leben






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