Der Zufall will es, dass zeitgleich im sonst dem Krimi-Gewerbe eher weniger zugewandten C.H. Beck-Verlag der – laut Verlagsankündigung – erste Krimi mit einem palästinensischen Ermittler* erschienen ist: Der Krimi um Omar Jussuf heißt „Der Verräter von Bethlehem“ und stammt von Matt Beynon Rees. Matt Beynon Rees, geboren in South Wales, kennt den Nahen Osten ungleich besser als Robert Littell. Rees war Bürochef der Times in Jerusalem und spricht angeblich sowohl Hebräisch als auch Arabisch. Wer wirklich etwas über das Leben in den palästinensischen Gebieten lernen will, soll unbedingt zu Rees greifen, der zum Thema auch schon Sachbücher geschrieben hat. Jetzt funktioniert sein Wissen auch als Krimi.
Omar Jussuf ist kein Held, sondern alternder Geschichtslehrer in Bethlehem, das heute auf palästinensischem Gebiet, hinter der Mauer, liegt. Er unterrichtet christliche und muslimische Kinder gleichermaßen. Einer seiner Ex-Lieblingsschüler wird verdächtigt, als Kollaborateur an einem Attentat auf einen palästinensischen Widerstandskämpfer beteiligt gewesen zu sein. Eine tödliches Vergehen für einen Palästinenser. ...
So wird aus dem Lehrer Omar Jussuf der erste palästinensische Detektiv, und die fremde Welt der West Bank, das Land, wo jederzeit ein Gespräch über Gott und die Welt von Gewehrsalven unterbrochen werden kann, wird für uns so verständlich und menschlich wie das Paris Maigrets.
Definitiv eine Empfehlung ...meint unser Rezensent – diesmal ohne alle Vorbehalte – zu Matt Beynon Rees.
Weitere Omar Jussuf-Romane sind in Vorbereitung.
Andreas Ammer/Deutschlandfunk
*Jahre vor Omar Jussuf wurde bereits Jon Lands palästinensischer Serienheld Ben Kamal als Ermittler tätig. Erstmals trat er 1997 mit seiner israelischen Kollegin Danielle Barnea in den „Mauern von Jericho“ auf – beim Aufbau der palästinensischen Polizei. TG
Was geschieht in einer Kriegs- und Krisenregion eigentlich mit den ganz normalen Verbrechern, mit dem ganz normalen Verbrechen? Eine Frage, die man sich zu selten stellt, wenn man die Fernsehbilder aus Pakistan, Sudan – oder den Palästinensergebieten sieht: Das kriminelle Verbrechen, also Mord, Raub, Vergewaltigung, wird hier zur alltäglichen Normalität, weil es im Vergleich zu den politischen Verwerfungen das scheinbar kleinere Übel ist, um das man sich dann „später“ kümmert. Dabei ist dies kleinere Übel für die Betroffnen meist das größere, und häufig hängt sowieso beides zusammen.
Das zumindest ist Thema und Botschaft des in Israel lebenden Walisers Matt Beynon Rees, der einen, den vermutlich ersten Kriminalroman geschrieben hat, der in den Palästinensergebieten angesiedelt ist und auch noch einen Palästinenser als Ermittler hat: Omar Jussuf ist Ende 50 und arbeitet in einer UNO-Schule als Lehrer. Früher hat er geraucht und getrunken und sich ruiniert, um die Welt ertragen zu können; heute ist er in jeder Hinsicht trocken, wohl weil der Wahnsinn um ihn herum derart grassiert, dass man dies nur nüchternen Geistes, irgendwie, hinnehmen kann. Speziell, wenn man sich, wie Omar Jussuf, an die Zeit vor nur wenigen Jahren erinnert, als es Bethlehem zwar auch politisch höchst brenzlig war, aber zwischen den Religionen niemals eine so explosive Stimmung herrscht wie derzeit.
Ein PLO-Aktivist wird von Israelis erschossen, und ein christlicher Palästinenser wird schnell von den radikal-islamischen Milizen, die alles beherrschen, als vermeintlicher Kollaborateur ausgemacht, was bedeutet: Gefängnis, Folter, Todesstrafe, Hinrichtung. Allein, der sanfte George Saba war einer der besten Schüler, die Omar Jussuf jemals hatte, und deshalb wird der alte, wegen seines früheren Lebenswandels gebrechliche Lehrer zum Detektiv. Er stößt in ein Wespennest, jeder Schritt ist brandgefährlich, und was er da ermittelt, ist symptomatisch für nicht nur für Bethlehem und Palästina, sondern für viele Krisengebiete: Die, die sich als Befreier und Revolutionäre gerieren, sind oft die wahren Verbrecher, und sie schrecken zur eigenen Bereicherung vor keiner Untat zurück …
Matt Beynon Rees verpackt diese Erkenntnis in „Omar jussufs erstem Fall“ in eine sehr metaphorische, sehr emotionale – und ausgesprochen tieftraurige Geschichte. Ein „Detektiv“ in den Palästinensergebieten zu sein, das bedeutet, an den Rand des Erträglichen zu gehen.
Ulrich Noller/Deutsche Welle
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Eigentlich ist Omar Jussuf Lehrer. Er unterrichtet Geschichte in einem palästinensischen Flüchtlingslager bei Bethlehem, steht kurz vor der Rente und ist berüchtigt für seine unkonventionellen politischen Überzeugungen. Unter anderem erklärt er seinen Schülern gerne, dass die „arabischen Helden“ des Aufstands von 1936 vor allem Verbrecherbanden gewesen seien, die mehr Palästinenser getötet hätten als jüdische Siedler – und rät ihnen, nicht die israelische Besatzungsmacht mit Steinen zu bewerfen, sondern lieber ihre Eltern und die eigene Regierung unter Beschuss zu nehmen.
Matt Beynon Rees’ Kriminalroman „Der Verräter von Bethlehem“ beginnt inmitten der komplizierten Frontlinien der zweiten Intifada. Gerade erst musste Omar Jussuf sich gegenüber dem Schulinspekteur der Autonomiebehörde für seine „mangelnde Unterstützung“ des palästinensischen Befreiungskampfes verantworten, als er erfährt, dass einer seiner ehemaligen Schüler verhaftet worden ist. George Saba, ein junger Mann aus einer christlichen Familie, soll einen palästinensischen Widerstandskämpfer an die Israelis verraten haben und wartet jetzt auf seine Hinrichtung. Omar Jussuf glaubt an seine Unschuld und macht sich auf die Sache nach dem wahren Verräter: Ein Lehrer spielt Detektiv.
(…)
Das Schema ist bekannt. Der „Der Verräter von Bethlehem“ ist zunächst ein klassischer Middle-East-Whodunnit in der Nachfolge Agatha Christies – nur spielt die Handlung nicht an Bord eines ägyptischen Kreuzfahrtschiffes oder im Orientexpress, sondern im hermetisch abgeriegelten Westjordanland. Und hier explodiert die Gewalt. Familien, Clans und militante Gruppen bekriegen sich, religiöse Führer und Politiker ringen um die Macht, während israelische Aufklärungshubschrauber über den Flüchtlingslagern kreisen und Scharfschützen auf der Lauer liegen. „Das Leben ist Terror“, hört Omar Jussuf immer wieder, wenn er durch das Minenfeld des palästinensischen Alltags stolpert: „Das Leben ist ein einziger großer Einbruch in unsere Verteidigungslinien.“
Matt Beynon Rees weiß, wovon er spricht. Er ist Mitte der neunziger Jahre als Reporter nach Jerusalem gegangen und hat den Ausbruch der zweiten Intifada im Jahr 2000 als Bürochef des „Time“-Magazins erlebt. Mit „Cain’s Field“ hat er ein Sachbuch über „Religion, Brudermord und Angst im Nahen Osten“ geschrieben, bevor er aus seinen Erfahrungen einen Detektivroman gemacht hat. Er bleibt dabei allerdings nahe an der Wirklichkeit, einer Wirklichkeit, die aus Folter, Selbstmordattentaten und Lynchjustiz besteht und mit ihrem body count den Rahmen jedes herkömmlichen Krimis sprengt. „Alle in diesem Buch beschriebenen Verbrechen haben sich wirklich in Bethlehem zugetragen“, schreibt Rees in einer Vorbemerkung zu seinem ernüchternden Roman. „Diejenigen, die dabei ums Leben kamen, sind in jedem Falle tot.“
Rees verbindet mehr mit der Region als seine Arbeit als Reporter. It’s a family affair: Gleich zwei seiner Großonkel haben im legendären „Imperial Camel Corps“ gedient und während des Ersten Weltkriegs in Palästina zunächst gegen das Osmanische Reich gekämpft und dann im Rahmen des Völkerbundmandats als Angehörige der Besatzungsarmee die wachsenden Spannungen zwischen arabischer Bevölkerung und jüdischen Einwanderern miterlebt. In dieser Zeit nach dem Zusammenbruch der imperialistischen Ordnungssysteme liegen bekanntlich die Ursprünge des Palästinakonflikts. Darüber zu schreiben, wäre wohl die größte Herausforderung für einen britischen Schriftsteller, der sich im Nahen Osten auskennt. Vielleicht macht Matt Beynon Rees das sogar eines Tages. Auf jeden Fall hat er bereits angekündigt, sechs weitere Omar-Jussuf-Romane zu schreiben.
Kolja Mensing/Tagesspiegel
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Ein betrübliches Beispiel für didaktisch wertvollen Schulfunk ist „Der Verräter von Bethlehem“. Ein Buch, das mit dem intellektuell bedenklich verwahrlosten Slogan "Der Dashiell Hammett von Palästina" beworben wird - Matt Beynon Rees ist keineswegs Palästinenser, sondern Waliser - und schon gar kein Dashiell Hammett, der nun seinerseits keine literarische Figur wie der Held des Romans, Omar Jussuf war, welcher außerdem ganz und gar nicht der "erste palästinensische Ermittler der Literatur" ist. So macht man schon mal auf dem Cover ganz schlechte Stimmung für ein Buch, das auch dann nicht besser wird, wenn man zwar eine kleinteilig genaue Schilderung des Alltags in Bethlehem geliefert bekommt, aber die Figuren grundsätzlich nicht miteinander, sondern mit dem Publikum reden. Nicht um zu dialogisieren, sondern um ihm die politische, soziale und psychologische Lage eifrig zu erklären. Das ist nicht fiction, das ist Schulbuch - und wenn's noch so gut gemeint ist.
Thomas Wörtche/Plärrer







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