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02/09/08

"MediaArtHistories" - 4 Fragen an Oliver Grau

Jens Hauser


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ARTE: Medienkunstgeschichte, ein Rückblick auf 20 Jahre Transmediale und die im gleichen Dunstkreis veranstalteten großen Konferenzen Refresh (2005) und Re-Place (2007) - ist die Eigen-Retrospektive Zeichen von Reife oder von Krise dieser Kunstrichtungen, die sich eher Richtung Futur orientiert hatten?

Oliver Grau: Refresh wurde als erste internationale Konferenz zur Geschichte der Medienkunst gemeinsam mit dem Journal Leonardo am Banff Center in Kanada organisiert, um endlich die über verschiedenen Disziplinen verstreute Beschäftigung mit Medienkunst zu bündeln und ihre Akzeptanz zu verbessern. Denn immer noch gilt: Medienkunst wird weder angemessen in unsere Sammlungen einbezogen, noch systematisch archiviert. Sie ist auch kaum im Studium der Kunstgeschichte oder anderer Disziplinen verankert. Dass im Zuge dieser Bewegung Festivals wie Ars Electronica und Transmediale gleichfalls auf ihre Geschichte zurückblicken, ist unverzichtbar. Dies hilft, ein weniger aufgeregtes, sondern vielmehr am Vergleich orientiertes Denken zu fördern, das uns zeigt, was wirklich das Neue der technischen Gegenwartskünste ist und uns vom Gerede mancher Untergangspropheten oder Paradiesutopiker befreit, die noch vor 10 Jahren den Ton angegeben haben. Der stete Wandel der Speichermedien bedeutet ja bedauerlicherweise, dass Kunst, die vor 7-8 Jahren ausgestellt wurde heute in der Regel verloren ist. Eine Gesellschaft die auf Archive setzt und ein kulturelles Gedächtnis speichert, darf die Werke, die unsere Zeit ästhetisch fassen, jedoch nicht vergehen lassen. Ein solches Pionierprojekt ist die Datenbank für Virtuelle Kunst www.virtualart.at, in der mehrere tausend Installationen nach neuer Systematik umfassend erschlossen sind. An diesem Vorbild orientiert, möchte nun auch das neue Boltzmanninstitut in Linz ein Schaufenster der Medienkunst einrichten. Oft ist die Dokumentation die einzige verbliebene Spur der Kultur unserer jüngsten Geschichte. Wir benötigen daher weitsichtige MuseumsleiterInnen und eine Kulturpolitik, die im Zusammenspiel mit der UNESCO, die das Problem bereits erkannt hat, geeignete Maßnahmen ergreift.


ARTE: Bislang herrschte der Eindruck vor, Medien-Kunst sondere sich aus Überzeugung vom tradierten Kunst- und kommerziellen Galeriebetriebssystem ab, mit eigenen Festivals und Netzwerken... nun also ein Versöhnungsangebot?

Oliver Grau: Der Eindruck ist nur teilweise richtig: Neue Kunst auf Festivals zu erleben, ist eine wunderbare Erfahrung, die vermeintliche Absonderung vom Galeriesystem beruht jedoch viel eher auf der bislang nicht vollzogenen Erneuerung des Galeriebetriebs, der oftmals noch so wie vor 50 Jahren funktioniert und zumeist noch nicht unserer Zeit oder den Medienkünsten angemessene Strukturen entwickelt hat. Es gibt zwar innovative Ausnahmen wie Eyebeam in New York oder DAM in Berlin, aber sie können über diese generelle Situation nicht hinweghelfen.


ARTE: Das Buch strotzt vor weit zurückreichenden Referenzen an die klassische Kunstgeschichte: Ist das als Zeichen zu verstehen, dass Medien-Kunst "ewige" Phantasmen, auch technisch, überhaupt erst möglich macht?

Oliver Grau: Ja, in ihren Essays eröffnen Peter Weibel, Erkki Huhtamo, Barbara Stafford oder Lev Manovich eben solche wertvolle Perspektiven. Wir haben es durchaus mit anthopologischen Konstanten zu tun. Denken wir an die Ideengeschichte der Automaten, die bis zur aktuellen Diskussion um Genetische Kunst und A-Life reicht. Oder an das Konzept von Telepräsenz, das nicht zuletzt auf älteren religiösen Konzepten fußt. Ganz zu schweigen von der never ending story des Illusionismus – von Laterna Magica und den Panoramen bis zu Virtuellen Trainingsplätzen von Americas Army oder Second Life – die im Laborraum Medienkunst mündet. Darüber können weder die Auf und Abs noch die Widersprüche hinwegtäuschen, die ja mit jeder Medienrevolution verbunden sind. Bekanntere Wurzeln der Medienkunst sind Marcel Duchamp's Kunsterfindungen oder die Kinetic und Op Art der 1960er Jahre, andere Histories werden deswegen jedoch nicht unterbewertet. Wenngleich Medienkunst in den letzten Jahren eine Vielzahl von neuen bildgebenden Verfahren, Ästhetiken und Kommunikationsformen entwickelt hat, so zeigt sich, dass sie ohne Kenntnis der Kunst- und Bildgeschichte nicht im Ansatz zu verstehen ist. Ihre Integration in unsere Kulturgeschichte aus Bild, Wort und Ton hat eben erst begonnen.


ARTE: "Unfinish!" heißt das Motto der diesjährigen Transmediale – ist Medienkunstgeschichte deshalb schwierig, weil sich Prozesse weniger gut erschließen lassen als Objekte?

Oliver Grau: Die Forschung über Videokunst ist mittlerweile recht gut etabliert und auch im Bereich prozessualer Formen, wie Interaktiver Kunst oder performativer Bühnenarbeit, hat es große Fortschritte gegeben. Wenn wir aber an Werke von Jeffrey Shaw oder Seiko Mikami denken – da handelt es sich oftmals um hochkomplexe Bildwerke, die ja eben erst durch die neue Technik möglich werden – steht die Debatte und die Forschung allerdings vor neuen Herausforderungen. Der offene Werkbegriff bedingt eine integrale Rolle des Benutzers, der vielleicht zum virtuosen Spieler aufsteigen kann, so dass wir schrittweise zu einer Kunst gelangen, die heute sicher anders „gespielt“ wird, als noch vor 5 Jahren. Es macht gerade deshalb Sinn, Aufzeichnungen im Sinne einer Oral History anzufertigen, um zu zeigen, wie diese Arbeiten im Verlauf der Zeit erlebt werden. Es wäre jedoch ein trügerischer Umkehrschluss zu glauben, dass es bei Objektkunst zu abschließender Bewertung kommen kann: Die Fragen, die wir an Bilder und Kunstwerke stellen, ändern sich – und damit auch die Antworten, die wir finden.
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Das Buch
MediaArtHistories
Oliver Grau (Hrsg.)
Cambridge. MIT Press 2007
Mit Beiträgen von Rudolf Arnheim, Andreas Broeckmann, Ron Burnett, Edmond Couchot, Sean Cubitt, Dieter Daniels, Felice Frankel, Oliver Grau, Erkki Huhtamo, Douglas Kahn, Ryszard W. Kluszczynski, Machiko Kusahara, Timothy Lenoir, Lev Manovich, W.J.T. Mitchell, Gunalan Nadarajan, Christiane Paul, Louise Poissant, Edward A. Shanken, Barbara Maria Stafford, and Peter Weibel.

Links
>> Refresh-Konferenz 2005
>> Re:Place- Konferenz 2007
>> Histories of Media Art, Science and Technology
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Kultur Digital
Februar 2007
Text von Jens Hauser
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Erstellt: 15-02-07
Letzte Änderung: 02-09-08


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