Medienkunst, die sich gern als die wirkliche wahre Gegenwartskunst begreift und sich abheben will von der etablierten Gegenwartskunst, die Museen als Objektfriedhöfe mit Kunst-Werken beliefere, wie man bisweilen stichelt, ist in der "offiziellen" Kunstgeschichte meist unterbelichtet und in der Sonderkategorie "Kunst & Technologie" abgelegt. Führende Theoretiker, deren schlüpfriges Terrain die Interdisziplinarität ist, haben dieses Dilemma erkannt. Und Ziel des Buches ist, wie Oliver Grau schreibt, "dass diese Forschung Medienkunst aus ihrer Randpositition in der Kunstgeschichte herausholt." Die 2005 organisierte Konferenz Refresh, auf der das Buch MediaArtHistories aufbaut, sowie die Nachfolgeveranstaltung Re:Place, die im November 2007 vom scheidenden Transmediale-Leiter Andreas Broeckmann gemeinsam mit Gunalan Nadarajan koordiniert wird, sind Symptome eines gesteigerten Selbstbewusstseins, nun eine alternative Medienkunst-Geschichte und Medien-Archäologie schreiben zu können. Für Schlüsselthemen wie Algorithmen, Artificial Life, Kybernetik über Hypertexte, Nanotechnologie und Kinetische Kunst bis hin zu Fraktalen Subjekten und Expanded Cinema werden in MediaArtHistories unerwartete Verknüpfungen geleistet. Da untersucht Gunalan Nadarajan die Faszination für die auch in der Kunst relevanten Automaten – aber ausgehend von den Studien des arabischen Theoretikers Ibn al-Razzaz al-Jazari, der im Jahre 1206 bereits sein Buch über automatisierte Systeme vorlegte, und dort beispielsweise einen mit Wasser angetriebenen Flötenspieler-Mechanismus entwarf. Und Erkki Huhtamo gräbt nach Vorläufern des derzeitigen Booms haptischer Interfaces in der Medienkunst, die die entmaterialisierte Übertragung von Informationen wieder an Körperlchkeit zurückbinden sollen: Fündig wird er dabei unter anderem beim wenig bekannten futuristischen "Manifest des Taktilismus" von F.T. Marinetti.
Ziel des von Oliver Grau herausgegebenen Buches ist es, die künstliche Grenze zwischen tradierten Kunstformen und den Medienkünsten zu überwinden, und Medienkunst nicht technisch sondern kulturanthropologisch zu erklären
Das Buch
MediaArtHistoriesOliver Grau (Hrsg.)
Cambridge. MIT Press 2007
Mit Beiträgen von Rudolf Arnheim, Andreas Broeckmann, Ron Burnett, Edmond Couchot, Sean Cubitt, Dieter Daniels, Felice Frankel, Oliver Grau, Erkki Huhtamo, Douglas Kahn, Ryszard W. Kluszczynski, Machiko Kusahara, Timothy Lenoir, Lev Manovich, W.J.T. Mitchell, Gunalan Nadarajan, Christiane Paul, Louise Poissant, Edward A. Shanken, Barbara Maria Stafford, and Peter Weibel.
Reviews>> Christoph KLUETSCH: MediaArtHistories, in: Kunsttexte.de, 2/2007.
>> Matko MESTROVIC: Kako razumjeti medijsku umjetnost (how to understand media arts), in: Zarez IX/208, 14. lipnja 2007, S. 8-9.
>> Paul THOMAS: the converging of art history and media art, in: realtime 78, April-May 2007.
>> Stefan HEIDENREICH: Medien und/oder Kunst, in: ICONIC TURN, 28.4.2007.
>> Juliette POLLET: Christiane Paul:The Myth of Immateriality, in: DOCAM, 2007.
>> Bruce STERLING: Dead Media Beat: MediaArtHistories, in: WIRED Blog Network, 27. 3. 2007.
Links>> Refresh-Konferenz 2005
>> Re:Place- Konferenz 2007
>> Histories of Media Art, Science and Technology






per E-Mail verschicken
Facebook
Twitter
RSS

