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10/11/09

Mein 9. November 1989

ARTE Info-Redakteure erinnern sich an "ihren" 9. November 1989. Lesen Sie auch die Erinnerungen unserer User.

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"Am 9. November in diesem bewegten Jahr war ich abends in Göttingen bei Freunden zum Essen eingeladen. Zufällig war dort auch eine alleinerziehende Mutte mit ihren beiden vielleicht so um die zehn Jahre alten Söhnen zu Gast. Sie hatte Jahre zuvor die Ausbürgerung aus der DDR beantragt – und nachdem sie die damit verbundenen Prozeduren überstanden hatte, durfte sie schließlich auch ausreisen. Auch davon war am Tisch die Rede – natürlich lag das auf der Hand in jenen Tagen. Und selbstverständlich verfolgte sie mit äußerstem Interesse –und nicht ohne Besorgnis im Blick auf ihre dort verbliebenen Verwandten die Vorgänge im Herbst in ihrer ehemaligen Heimat. Schließlich war ja keineswegs klar, wie der Staatsapparat reagieren würde.
Alles hatte sie für möglich gehalten.
Auch ein Blutbad…
An jenem Abend lief im Wohnzimmer nebenan der Fernseher.
Und als die dort schauenden Kinder plötzlich riefen : »Die klettern da über die Mauer… », da schauten wir fassungslos diese unvergesslichen Bilder an… Irgendwie ging es mir wie den anderen : eine Art Kloß im Hals, die Tränen schon in den Augen… wir umarmten einander, stammelten und weinten.
Viel zu bewegend war das alles. Irgendwer holte den Sekt aus dem Kühlschrank, und irgendwer sagte was wie : « …das ist ja total irre, das ist jetzt Geschichte ganz in der Gegenwart – wir erleben das, wir erleben das JETZT… » Alle nickten, stierten in den Fernseher. Wir umarmten uns. Und plötzlich war klar, jetzt wird vieles ganz anders werden und sein können ;;; Unvergesslich.
Jürgen Biehle
Nachrichtensprecher ARTE Info

"Von Berlin nach Berlin … 9. November 1989. An jenem Donnerstag habe ich meinen damaligen Chefredakteur förmlich zugetextet – der Ausdruck ist nicht übertrieben. Mit meinem ganzen jugendlichen Selbstbewusstsein. Schließlich war ich mit meinen 26 Jahren schon Reporterin, wenn auch neu im Geschäft. Meine Leidenschaft galt Deutschland und der deutschen Geschichte. Außerdem liebte ich die geteilte Stadt Berlin – und einen Westberliner Studenten.
Wie es dazu kam, dass sich der Chefredakteur eines zwar bekannten, jedoch regionalen Tageblatts entschloss, mich zusammen mit einem Fotografen zur Berichterstattung über den Mauerfall zu entsenden, ist mir noch heute schleierhaft. In einem kleinen Peugeot, der der Zeitung gehörte, fuhren wir los. Von Dijon nach Berlin, durch das Gebiet der DDR. Dann die Ankunft in Westberlin. Danach erinnere ich mich nur noch an Bilder, Geräusche und Eindrücke. Noch nie habe ich so viel geweint. Ich redete, schrieb. Immer und überall. Der Fotograf schoss seine Bilder. Mir war bitterkalt. Ich war glücklich.
Jacqueline, Hermann, Djamila, Werner, Michael – der Grenzpolizist, der Paris sehen wollte – ich weiß nicht, was aus ihnen geworden ist. Übrigens habe ich mich das in den letzten zwanzig Jahren nie gefragt. Erst jetzt, beim Schreiben, fällt es mir auf. Erst jetzt, wo ich begreife, dass sich mein Sohn, der in Berlin heranwächst, kaum noch die beiden deutschen Staaten von damals vorstellen kann. Daher ist das Erinnern so wichtig, zu dem wir Journalisten beitragen, auch wenn unser Beitrag oft nur ein winziger Mosaikstein der Geschichte ist."
Catherine-Marie Degrace
Journalistin ARTE Info, Leiterin des Berliner Büros

"Den 9. November 1989 erlebte ich in Pouzioux auf einem Bauernhof in der westfranzösischen Region Vendée. Ich hatte in Deutschland den Kriegsdienst verweigert und leistete meinen 24-monatigen Zivildienst in einer Wiedereingliederungsstruktur für straffällige Jugendliche auf dem Lande. Mit meinem dürftigen Französisch verstand ich die Kommentare nicht, die seit Wochen die Bilder von Demonstrationen in den Abendnachrichten begleiteten. Nur durch die deutsche Wochenzeitung, die ich abonniert hatte, verfolgte ich, was in diesen Tagen vorging. Über einen Weltempfänger hörte ich auch die Nachrichten der Deutschen Welle. Aber alles war sehr fern, sehr unwirklich für mich.
Erst als ich kurz nach der Maueröffnung mit meiner Schwester telefonierte, wurde mir plastisch deutlich was passiert war. Sie lebte seit 1986 in West-Berlin und erzählte mit enthusiastischer und überschlagender Stimme, wie sie drei Tage und Nächte nicht geschlafen, mit Sekt am Grenzübergang angestoßen hatte. Erst mehrere Monate später kam ich selber nach Berlin, da war der 9. November schon Geschichte, so schnell galoppierten damals die Ereignisse. "
Alexander Wolkers
Journalist ARTE Info

"Zu der Zeit studierte ich in Paris, meine Bleibe war ein Zimmer in einem Studentenwohnheim. Mit mehreren deutschen Freunden verfolgten wir die Ereignisse im Fernsehen. Am nächsten Tag klopfte es an der Tür. Französische Mitstudenten, die wir nur vom Sehen kannten, sagten ehrlich begeistert: Wir wollen euch gratulieren. Für sie war selbstverständlich, dass wir Deutsche als Nation nun glücklich waren. Sie konnten nicht ahnen, dass wir Deutsche ein gespaltenes Verhältnis zu unserer Nation haben, und schließlich hatten wir Deutsche, die wir in Paris waren, und generell die Westdeutschen, nichts zum Fall der Mauer beigetragen. Aber all das sagten wir den französischen Freunden nicht. Nur danke, ja, wir freuen uns. Und das war ja auch ehrlich gemeint."
Alexandra Jaenicke
Journalistin Arte Info



"Am 9. November 1989 war ich definitiv am falschen Ort. Nämlich in Hamburg. Dorthin war ich zwei Jahre vor dem Mauerfall gezogen - vorher hatte ich in Westberlin gelebt. Als Kind hatten meine Eltern mich ab und zu nach Ostberlin mitgenommen, um entfernte Verwandte zu besuchen. Bei einem dieser Ausflüge stand ich vor dem Brandenburger Tor und dachte: Wie merkwürdig ist es, die Pferde der Quadriga einmal von der richtigen Seite zu sehen, nicht nur ihre Hinterteile - und wie ungerecht, dass die Ostberliner nicht auf unsere Westberliner Seite hinüber dürfen. Zutiefst ungerecht. Doch vielleicht, wenn ich einmal achtzig bin - also in etwa siebzig Jahren - vielleicht ist die Mauer bis dahin doch gefallen. Nur schade, dass mein Vater das dann nicht mehr erleben wird.
Am 9. November 1989 bin ich also nicht in Berlin, geschweige denn am Brandenburger Tor. Sondern sitze auf einem Sofa in Hamburg, sehe im Fernsehen, wie die Menschen in ihren Trabis begrüsst werden und weine. Glücklicherweise musste ich auf diesen Moment nicht bis zu meinem 80. Geburtstag warten - ich bin 17, als die Mauer fällt. Und begehe einen Fehler, den ich für den Rest meines Lebens bereuen werde: Ich fahre in den folgenden Tagen nicht nach Berlin. Warum? Darüber grübele ich ab und zu immer noch nach."
Anja Waltereit
Journalistin Arte Info

"9. November 1989 - da saß ich in meiner Studentenbude in Passau, schaute mir die Bilder der Grenzöffnung in Berlin im Fernsehen an und war fassungslos vor…ja, vor was eigentlich?
Ich ahnte, da wird gerade meine bis dahin gültige Weltordnung komplett über den Haufen geworfen. Warschauer Pakt gegen NATO, Kommunismus gegen freie Marktwirtschaft, Ostgoten gegen Westgoten – und jetzt? Noch ein Jahr zuvor, 1988, hatte ich als Bundeswehrsoldat mit anderen Wehrpflichtigen die deutsch-deutsche Grenze besucht. Kaum waren wir aus dem Bus gestiegen, machten die DDR-Grenzer von der anderen Seite aus Fotos von uns, holten Zähne fletschende Schäferhunde aus dem Mannschafts-Trabbi und schauten noch böser als ihre Hunde. Als Antwort zeigten wir ihnen aus der sicheren Entfernung wahlweise unsere Reisepässe (als Symbol unserer Freiheit) oder den Mittelfinger (als Zeichen unserer Dummheit).
Da drüben standen Darth Vaders imperiale Truppen und bewachten ein Land mit Autos aus Pappe, leere Auslagen beim Metzger und Deutsche die mir völlig fremd waren. Das echte Deutschland war auf meiner Seite…so empfand ich es damals. Und plötzlich der 9. November 1989 – von einem Tag auf den anderen Schäferhunde weg, Mauer auf und „Deutschland einig Vaterland“ singen? Man musste sich doch erst mal kennen lernen, dass sollte ja offensichtlich eine längere Geschichte mit uns werden.
Selbst Paris, London und Amsterdam waren mir damals näher. Da konnte ich Gefühle, Geschichten und Gesichter mit verbinden – aber Dresden, Leipzig und Ost-Berlin? Da fielen mir nur ein paar Honeckerwitze ein. Familie hatten wir keine im Osten. Es hat noch einige Zeit, Begegnungen und Reisen Richtung Osten gebraucht bis auch diese Mauer der Zurückhaltung in meinem Kopf vollkommen abgetragen war. Heute – 20 Jahre danach - ist die deutsche Einheit eine Selbstverständlichkeit für mich.
P.S.
Lieber ehemaliger Ex-DDR-Grenze-Bewacher, das mit dem Mittelfinger war nicht so gemeint. Entschuldigung!
Patrick Schulze-Heil
Journalist ARTE Info


"An jenem Abend saß ich als Zivildienstleistender des Arbeiter-Samariter-Bundes in Braunschweig am Lenkrad eines Volkswagen-Transporters und fuhr Rollstuhlfahrer von einer feucht fröhlichen Tanz- und Musikveranstaltung nach Hause. Trotz des Lärmpegels meiner angeheiterten Kundschaft hörte ich im Radio einen verblüfften Moderator etwas über „Ausreise nun möglich“ sagen, und ich drehte lauter. Dann kam die MAZ des Abends mit Günther Schabowskis Worten, dass ‚sämtliche Reisebeschränkungen für DDR-Bürger mit sofortiger Wirkung aufgehoben’ seien. Im Innenraum des VW-LT war es still geworden. Einer sagte noch ‚Haste gehört. So’n Schiet!’
Ich fuhr nach meiner Schicht nach Hause, hörte aufgeregt Radio und glotzte TV von OST nach WEST. Gegen 3 Uhr in der Früh’ klingelte das Telefon. Es war mein Ostberliner Freund G., der aus einer Telefonzelle anrief: ‚Ick bin in Kreuzberg. Sitze zusammen mit Wessis am Landwehrkanal, zische Bierchen und rauche Joints. Aber ick jeh’ nachher wieder rüber.’ Zunächst sprachlos, stammelte ich schließlich so was wie: ‚Oh Mann, ich freue mich so.’ Mehr brachte ich vor Rührung wohl nicht heraus, und ich versprach, am kommenden Wochenende nach Ost-Berlin zu kommen. Was ich dann auch tat, im Gegenverkehr von Menschenmassen, die sich in Trabis, Wartburgs und Ladas gen Westen aufmachten … "
Boris Petzold
Journalist Arte Info


Erstellt: 07-11-09
Letzte Änderung: 10-11-09