Szenen des Films ist sprichwörtlich: Leo kommt aus ihren viel zu engen Stiefeln nicht mehr heraus. Die Stiefel, das sind die unglückliche Liebe zu Paco, die ungeliebte zweite Hälfte Amanda Gris’ und schließlich die geliebte-gehaßte Flasche. Von allen dreien gilt es, sich zu befreien. Schlüssel der Befreiung ist Angel, sympathischer Alkoholiker und Feuilletonredakteur von El País, bei dem Leo auf der Suche nach einem „Job“ vorstellig wird. Angel gibt ihr passenderweise eine Kritik von Amanda Gris’ neuestem Roman zu schreiben - für Leo der gekommene Anlaß zum literarischen Selbstmord, indem sie den Roman, ja, das Gesamtwerk ihrer zweiten Hälfte nach Strich und Faden verreißt. Angel, der die Identität von Leo = Amanda längst erahnt hat, schreibt auf derselben Zeitungsseite eine Positivkritik und erweist sich nicht nur als heimlicher und glühender Anhänger des Kitschromans, sondern als ebenso begabter Autor desselben. So zieht er gleich zwei Amanda Gris-Romane aus der Schublade, die er inkognito beim Verlag einreicht und damit nebenbei auch die drohende Klage gegen Leo abwendet. Derweilen hat Leo, nach einem mißglückten Selbstmordversuch, einen weiteren Zusammenbruch erlitten: im Dorf in der Mancha, in das ihre Mutter zurückgekehrt ist, nach dem mißglückten Versuch, bei einer anderen Tochter in Madrid zu leben (herrlich: die ständigen Streitereien zwischen der Mutter alias Chus Lampreave und Rosa alias Rossy de Palma!). Die Mutter weiß ihr etwas von der eigenen, wiedergewonnenen Stärke zurückzugeben. So neu- oder wiedergeboren kehrt Leo nach Madrid zurück, um sich dort ihrer Beziehung zu Angel zu stellen...
In „Zoom“ verglich Pierre Lachat MEIN BLÜHENDES GEHEIMNIS mit den, wie er schrieb, „frivol-überkandidelten Atame, Tacones lejanos und Kika“ und urteilte: „La flor de mi secreto baut nun kräftig zurück und sucht Anschluß bei der schlicht-raffinierten Doppelbödigkeit der früheren Arbeiten. Das Augenmerk gilt wieder mehr den Figuren und ihren widersprüchlichen Lebenslagen und weniger den Motiven und Effekten und der Dekoration. Die Erzählweise Almodóvars, im Ton ewig gespalten zwischen melodramatisch und komödiantisch, zwischen gewichtig und grotesk, beruht auf dem simplen Kniff, daß jede Figur schizophren zu sein und schizophren zu bleiben hat. Sie schleppt ihre abgewandte Seite, ihr Geheimnis mit sich herum.“ („Zoom“ 2/96) Es ist die (unbewußte) Rückkehr zu den Ursprüngen, die der Heldin neuen Lebenswillen gibt. Und der allererste Ursprung des Menschen ist die Mutter. Er hege schon seit langem den Wunsch, einen Film über seine Mutter zu machen, schreibt Almodóvar über MEIN BLÜHENDES GEHEIMNIS. Das Dorf der Mutter in der kastilischen Hochebene sei nur 30 km vom Heimatdorf Almodóvars entfernt. Ein Teil der Dialoge, die er Chus Lampreave in den Mund gelegt habe, seien wortwörtliche Aussprüche seiner Mutter. Und schließlich spiegele auch das Thema des Films, die Einsamkeit, einen Zustand wider, den die Existenz seiner Mutter kennzeichne. Was alles beweist, dass Almodóvars Werk im besten Sinne ein „Gesamtwerk“ ist - und MEIN BLÜHENDES GEHEIMNIS im Nachhinein schon einen Blick nach vorn wirft, auf den thematisch verwandten, noch strahlenderen letzten Film des Regisseurs, ALLES ÜBER MEINE MUTTER.






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