Auszug aus dem Kapitel: - 26/05/07
Meldekraut und wilder Dill
Von Herta Müller und Oskar Pastior
Aus dem Romanprojekt mit dem vorläufigen Titel „Atemschaukel“
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Seit sechzig Jahren will ich mich in der Nacht an die Gegenstände aus dem Lager erinnern. So oft, daß diese Alltagsdinge aus dem Lager in diesen Jahren zu meinen Nachtgegenständen geworden sind. Die schlaflose Nacht ist seit meiner Heimkehr aus dem Lager ein Koffer aus schwarzer Haut. Und diese Haut ist von meinem Hals. Und die Gegenstände aus dem Lager sind meine Nachtkoffersachen. Ich weiß nur seit sechzig Jahren nicht, ob ich nicht schlafen kann, weil ich mich an die Gegenstände erinnern will, oder ob es umgekehrt ist, ob ich mich mit ihnen herumschlage, weil ich sowieso nicht schlafen kann. Egal wie es ist, die Nacht packt ihren schwarzen Hautkoffer in meiner Stirn. Gegen meinen Willen, das muß ich betonen, ich muß mich erinnern gegen meinen Willen. Und auch wenn ich nicht muß, sondern will, würde ich es lieber nicht wollen müssen.
Heute Nacht konnte ich mich nicht erinnern, wie mein Handtuch ausgesehen hat. Weder Frottee- noch Waffelmuster. Es muß ein gewöhnliches Leinwandtuch gewesen sein, mitgebracht von zuhause. Nur, hat das 5 Jahre gehalten? Nein. Wahrscheinlich wurde es irgendwann ersetzt, vielleicht durch ein Fußwickeltuch, aber auch das seh ich nicht. Manchmal überfallen mich die Gegenstände aus dem Lager nicht nacheinander, sondern mehrere gleichzeitig. Darum weiß ich, daß es den Gegenständen, die mich heimsuchen, gar nicht oder nicht nur um meine Erinnerung an sie geht, sondern ums Drangsalieren. Sie kommen zu mehreren gleichzeitig, jagen einander. Kaum denke ich, daß ich wahrscheinlich auch Nadel und Zwirn im Necessaire mitgenommen hatte, da mischt sich das Handtuch ein, von dem ich nicht weiß wie es aussah, und dazu eine Nagelschere, von der ich nicht weiß, ob ich sie hatte. Dazu noch eine Uhr, von der ich nichts mehr weiß, ein Taschenspiegel, den es gab oder nicht. Gegenstände, die vielleicht nichts mit mir zu tun hatten, suchen mich. Sie wollen mich nachts deportieren. Ins Lager heimholen wollen sie mich nachts. Weil sie zu mehreren gleichzeitig kommen, sind sie nicht nur in der Stirn. Sie sind im Brustkorb, ich hab ein Magendrücken, das in den Gaumen steigt. Ich muß hecheln, ich weiß nicht mehr woran wie an wieviel ich gleichzeitig denke. So ein willkürlich aus Verschiedenem zusammengeklebter Gegenstand ist unberechenbar und wächst in meinem ganzen Körper wie und wo er will. So ein Zahnkammnadelspiegelbürstentuch das ist ein Monster, so wie der Hunger ein Monster ist. Und es gäbe die Heimsuchung der Gegenstände nicht, wenn ich den Hunger als Gegenstand, als Hungermonster nicht kennen würde.
Wenn also all die Gegenstände nachts durch mich hindurch steigen, wenn sie mir den ganzen Körper füllen und den Hals hinauf die Luft abdrücken, reiße ich schnell das Fenster auf. Meine Augen sind heiß, draußen steht ein Mond am Himmel wie ein Glas kalte Milch. Sie spült mir die Augen, ich schlucke so oft und so tief Luft, bis die Heimsuchung verscheucht ist. Bis ich wieder mit mir allein bin.
© Herta Müller
Erstellt: 21-03-07
Letzte Änderung: 26-05-07