Schriftgröße: + -
Home > Film erleben > Kino-News > > Memoria del Saqueo

Kino-News

Schön anzuschauende, aber oberflächliche Verfilmung des Colette-Romans, mit großen Schauspielern, die in schönen Kostümen amüsante Dialoge sprechen.

Kino-News

Kinostart 14. Oktober 2004 - 20/10/04

Memoria del Saqueo

Chronik einer Plünderung


Ein Film von Fernando Solanas

Synopsis: Fernando Solanas Porträt der 20 Jahre lang eskalierenden sozialökonomischen und politischen Krise Argentiniens , die 2001 zum Zusammenbruch des Landes geführt hat. Wie trugen neoliberale Politik und Globalisierung im Zusammenspiel mit korrupten einheimischen Politikern dazu bei, dass eines der an Bodenschätzen und Agrarflächen reichsten Länder der Welt zum Armenhaus verkam, in dem jedes Jahr mindestens 35 000 Menschen an Unterernährung sterben?

Kritik: Buenos Aires, Dezember 2001 – die ‚Revolution der Kochtöpfe’ erreicht ihren Höhepunkt. Hunderttausende Rentner, Studenten, Schüler, Hausfrauen, Bauern und Angestellte, betrogen um ihre Spareinlagen, die die internationalen und nationalen Banken wegen ihrer Zahlungsunfähigkeit einfroren haben, schlagen mit Löffeln auf ihr Kochgeschirr und die stählernen Tore der Bankhäuser ein, um die Regierung von Präsident Fernando de la Rua zum Rücktritt zu zwingen. Mit Erfolg – trotz Repressionsmaßnahmen der Polizei und 34 Toten macht die korrupte Regierung Platz für einen Nachfolger. Das argentinische Volk hat vorerst gesiegt, doch um welchen Preis?

Über zwei Jahrzehnte lang dauert die „Plünderung“ des an Industriegütern, Erdöl- und Ergasvorkommen und Agrarprodukten ehemals reichsten Landes Südamerikas, wie Solanas sie zuspitzend, aber auch dem neutralsten Beobachter einleuchtend beschreibt, schon an. 90 Prozent der Bevölkerung sind verarmt, den restlichen 10 Prozent der Oberschicht gehört alles – sicher verwahrt vor den Steuerbehörden in ausländischen Steueroasen. Das Geld gehortet haben korrupte Politiker, die sie bestechenden nationalen und internationalen Wirtschaftsbosse und ihre Klientel verratende Gewerkschaftler, die in einem weltweit beispiellosen Privatisierungsfeldzug Gewinn bringende nationale Industrien stillgelegt oder verkauft, Ressourcen zu Schleuderpreisen an ausländische Konzerne verhökert, dem ungebremsten Warenimport stattgegeben und die sozialen Versorgungssysteme ausgehöhlt haben.

Solanas minutiös recherchierter, aber auch stark polarisierender Filmessay, zusammenmontiert aus 30 Minuten Archivmaterial und 90 Minuten eigens gedrehten Bildern ( - darunter überproportional viele Steadycam-Fahrten durch Nationalbanken und Parlamentshallen), greift zurück in die Anfänge der Militärdiktatur. Zunächst chronologisch, dann zunehmend mehr an thematischen Kapitelüberschriften orientiert, untersucht Solanas die Ursprünge der argentinischen Misere und die daraus resultierende, eskalierende Kettenreaktion. Soziologen, oppositionelle Politiker und das einfache Volk in Gestalt verzweifelter Mütter, die ihre Kinder nicht mehr ernähren können, Ärzten, die nicht wissen, was sie einer minderjährigen Patientin, die auf der Müllkippe lebt, als Ernäherungstipp mit auf den Weg geben sollen, kommen zu Wort.

Manchmal lässt sich Solanas – auf der Berlinale 2003 mit einem Ehrenbären für sein Lebenswerk ausgezeichnet - von seinem gerechten Zorn zu polemischen Bildern hinreißen, die sein Anliegen nicht unbedingt befördern. Vielleicht am stärksten ist er, wenn er die (Archiv-)Bilder für sich selbst sprechen lässt – etwa die Szene, in der Keith Richards und Ron Wood von den Rolling Stones den kleinen, selbst zufriedenen Carlos Menem in ihre Mitte nehmen – hier begreift man, wie ohnmächtig das argentinische Volk solch zynisch-gedankenlosen Verbrüderungsgesten des internationalen Jet-Sets gegenübersteht.

Die Chronik einer Plünderung – sie wird in Argentinien trotz einer neuen Regierung wohl fortgeschrieben werden müssen.

Martin Rosefeldt

---------------
Memoria del Saqueo - Chronik einer Plünderung
Regie & Buch: Fernando Solanas
Argentinien, 2004, 118’
Pegasos Filmverleih

Erstellt: 20-10-04
Letzte Änderung: 20-10-04