Beunruhigende Stille
Schlachtenlärm hallt nicht in ihr. Eher geht es gespenstisch zu in dem Buch, das bereits 1980 erschienen ist und jetzt übersetzt wurde, weil die nördliche Provinz Spaniens Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ist. Adrià Guinart läuft durch eine Welt zerstörter menschlicher Beziehungen. Angst oder auch nur Beunruhigung verspürt er jedoch nicht. Der 17-jährige sucht ja die Freiheit, und der Krieg erlaubt ihm, die Mutter und ihre ihn einengende Liebe zu verlassen. Ältere Nachbarjungen nehmen ihn mit zur Armee, wo Adrià allerdings nur Teller waschen darf und jeder ihm rät, nach Hause zu gehen. Also verlässt er die
Kompanie, zieht umher und trifft allerlei Leute, die ihm ihr Leben erzählen. Der Krieg hat sie einsam werden lassen, weshalb sie alle dasselbe wollen: „bloß reden“ und „wie alle bloß zwei Ohren finden, die zuhörten.“Aber was sie reden! Und was für Gestalten es sind! Ein scheiternder Selbstmörder ist darunter, der von einer unglücklichen Liebe erzählt. Eine schöne, junge Frau namens Eva, die nackt im Fluss steht, mit der Heugabel die Leichen aus dem Schilf schiebt. Eine kleine Waise, die sich Adrià als Vater erwählt, woraufhin ihn die Bauern des Dorfes als Kindesentführer jagen. Zwei junge Männer, die je einen Arm verloren haben, und ihre Verlobten nicht wiedersehen wollen. Ein irrer Reicher, der in einer Burg von einem Verwandten gefangen gehalten wird. Ein Dicker, so faul, dass er die Hosen nie auszieht und den Krieg verschläft. All diese Figuren zeichnet nur ein Charakteristikum aus, mit dem sie in je einem der kurzen Kapitel vor Adrià hin treten und wieder verschwinden. Es sind Entlaufene aus Märchen.
Der Riss in Wirklichkeit und Erzählung
Mercè Rodoredas jugendlicher Erzähler geht ungerührt durch diesen Schicksalsreigen, der wie ein fantastischer Traum wirkt. Dazu tragen auch wie Symbole wiederkehrende Gegenstände, Tiere oder Figuren bei: Adriàs Messer mit fünf Löchern, ein Pferd, Engel, Lastwagen mit Männern. Doch bald treten zum Märchen und zum Traum Elemente des Bildungsromans. Mit ihm zieht Rodoreda der flächigen Welt einen doppelten Boden ein: Im zweiten Teil des Buches liest Adrià die Aufzeichnungen eines eben gestorbenen Mannes, bei dem er etwas länger verweilt hatte. Der Mann hatte sich immer des Nachts im Spiegel voller Angst als ein Anderer gesehen. Er war ein Opfer der Fantasie geworden.
Der kindlich ungebrochene Adrià versteht nicht, was er da liest. Aber nach und nach verbreitert sich der Riss in ihm, fallen ihm Vernunft und Phantasie, Erscheinung und Idee auseinander: Adrià bekommt ein Bewusstsein von sich selbst. Natürlich reibt sich die innere Entwicklung am Stillstand der äußeren Märchenwelt und zwingt Rodoreda zu einem konventionellen Schluss. Davor aber entsteht eine faszinierende symbolistische Welt voll untergründiger Unruhe.
Aufblitzende Symbole
Am Ende wird Adrià verwandelt. Er sieht im dritten Teil des Buches ein offenes Massengrab, dessen Tote er beerdigt, und er bringt eine alte Frau um. Die Alte hatte ein junges Mädchen gefangen gehalten und als Hure an Soldaten verkauft, bis sie von den Freiern erschlagen worden war. Adrià glaubt, in der Toten Eva wieder zu erkennen. Er verliert seine erste Liebe, und damit bricht der Krieg in aller Brutalität in seine Welt ein. Ein letztes Mal blitzt sein Messer mit den fünf Löchern auf. Dann kann er nach Hause gehen. Aber „wo war zu Hause?“Mehr als 40 Jahre nach dem Bürgerkrieg näherte sich Mercè Rodoreda noch einmal dem Trauma der spanischen Geschichte. Als der Krieg begann, arbeitete die 1908 in Barcelona geborene Schriftstellerin, deren erste Bücher in den 1930er Jahren erschienen waren, für die katalanische Regionalregierung. Sie ging ins Exil nach Frankreich und die Schweiz und schwieg beinahe 20 Jahre. Erst 1958 publizierte sie einen Erzählungsband, und 1962 folgte der Roman über den Bürgerkrieg, der sie weltberühmt machte: „Auf der Plaça del Diamant“. 1970 kehrte Rodoreda nach Katalanien zurück, wo sie 1983 starb. „Weil Krieg ist“ ist das letzte zu ihren Lebzeiten erschienene Buch.
Eine Rezension von Jörg Plath






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