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Samstag, 7. Oktober 2006 um 23.30 Uhr - 19/10/06

Metropolis

Das europäische Kulturmagazin auf ARTE


Anlässlich der Frankfurter Buchmesse widmet sich „Metropolis“ dem diesjährigen Gastland Indien. „Metropolis“ geht 52 Minuten auf Entdeckungsreise durch die Literaturen und Künste des fernen Kontintents.

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Der „Comicist“ Sarnath Banerjee
ARTE Kultur- 07.10.2006
Video
(Real Video 2'02")

Er ist eigentlich kein Komiker, und irgendwie ist er es doch. Er ist ein Comiczeichner, und doch ist er es irgendwie auch nicht. Er selbst nennt sich Comicist. Ein Comicist und ein moderner Nomade. Er fotografiert nicht, er zeichnet die Welt um sich herum, und das mit atemberaubender Geschwindigkeit. Aufgewachsen ist er in Kalkutta, aber seine Welt ist im Augenblick ein Schloss. Schloss Solitude in Stuttgart. Dort hat der „Comicist“, der Inder Saranth Banerjee ein Künstlerstipendium. Dort arbeitet er nicht etwas an einem Comic, sondern an einer Oper. Also doch ein Komiker? Nein ein Unikum, ein smarter, höchste unangepasster und äußerst angesagter indischer Künstler.
Sarnath Banerjees erster illustrierter Roman, hat bereits in Indien Furore gemacht. Man sprach sogar davon, dass seine „Graphic Novel“ ein neues goldene Zeitalter des Comics in Indien einleitet. „Corridor“ ist bereits in Deutschland und Frankreich erschienen. Er nimmt den Leser mit auf eine Reise durch die brüchigen, im Westen wenig bekannten postkolonialen Korridore der Großstädte Delhi und Kalkutta. „Corridor“ schlängelt sich durch das verworrene Leben einer Gruppe Städter. Sarnath Banerjees zweiter grafischer Roman erscheint jetzt in Indien.
„Metropolis“ trifft Sarnath Banerjee und spürt seinem Blick in die Korridore seiner Heimatstadt Delhi nach.


Indien schreibt im Plural
„Wenn es einen Ort gibt, wo alle Träume seit den ersten Tagen, da der Mensch zu träumen begann, eine Heimat gefunden haben, dann ist es Indien“, schrieb Romain Rolland. Indien ist das Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Das war es vor 20 Jahren schon einmal, doch von Indiens Literatur wissen europäische Leser bis heute nur wenig. Von der Literatur Indiens zu sprechen, ist – angesichts von 24 offiziellen Literatursprachen – eigentlich unzulässig. Die indische Verlagsbranche mit einem potenziellen Markt von 600 Millionen Lesern boomt, doch der Sprung ins Ausland gelingt bis heute fast nur den Büchern, die in der Sprache der Kolonisatoren, auf Englisch, verfasst werden. Die wiederum verstehen gerade mal fünf Prozent der Inder. Deutsche Übersetzungen von Autoren, die auf Hindi, Bengali, Tamil, Assamesisch oder Urdu schreiben, sind nach wie vor selten. Die sprachliche Ordnung signalisiert die Vielfalt und Fülle der Regionen und Kulturen Indiens, das nicht mit einem Land, sondern eher mit einem Kontinent wie Europa zu vergleichen ist. Daher ist „Literatur“ in Indien nur im Plural zu verstehen.
„Metropolis“ entführt seine Zuschauer in das ferne Land der Träume und stellt ihnen einige der großen, aber hierzulande weitgehend unbekannten, Literaten und Literatinnen Indiens vor. Wir treffen unter anderem den auf Marathi schreibenden Lyriker Dilip Chitre, die mit höchsten Literaturpreisen ausgezeichnete große Frau der Assamesischen Literatur, Indira Goswami, sowie den auf Englisch schreibenden Rana Dasgupta, einer der unkonventionellsten jungen Autoren Indiens, und auf Urvashi Butalia, die Gründerin des ersten Frauenbuch-Verlages Indiens.


„Alle unsere Götter sind Cyborgs ...“: Das Raqs Media Collective
Das Raqs Media Collective gehört zu den Pionieren indischer Medienkunst und zweifelsohne zu den interessantesten zeitgenössischen Künstlern Indiens. 1991 von Monica Nerula, Jeebesh Bagchi und Shuddhabrata Sengupta gegründet, arbeitet die in Delhi ansässige Gruppe im Bereich von Digitaler Medienkunst, Dokumentarfilm, Photographie, Internet, Sound, Print, Medientheorie und städtischer Kultur. Ihre Arbeiten kreisen um die Auswirkungen des sogenannten Medienzeitalters auf urbane Bedingungen und die Gesellschaft. Eines des Hauptanliegen des Kollektivs ist die Auseinandersetzung mit urbanen Räumen und globalen Netzwerken, aber auch mit alten Mythen und Geschichten. Ihre Projekte wurden schon auf der Documenta 11 in Kassel, in der Biennale in Venedig und in vielen anderen renommierten Ausstellungen und Museen weltweit gezeigt.
Seine neueste Arbeit wird das Raqs Media Collective von 21. September bis 15. Oktober im Frankfurter Museum für Kommunikation präsentieren: „The KD Vyas Correspondence: Vol. 1“, eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der Information und Kommunikation im Indien der vergangenen 200 Jahre.
„Metropolis“ trifft die drei Künstler in Delhi, wo sie sich zum ersten Mal mit einer Einzelausstellung, betitelt „There has been a change of plan“, in ihrer Heimatstadt präsentieren.


Baby Halder: Ein nicht ganz gewöhnliches Leben
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(Real Video 5'51")

Ihr Buch gehört zu Indiens Bestsellern des Jahres 2006. Von der Autorin hatte niemals zuvor irgendjemand gehört. Mehr noch: Erst durch das Buch lernte sie erst richtig zu schreiben.
Ihr Name ist Baby Halder. Als Vierjährige wurde sie gemeinsam mit den Geschwistern von der Mutter beim Vater zurückgelassen, von diesem mit 12 verheiratet, mit knapp 14 wurde sie selbst Mutter. Nach weiteren zwei Kindern geht sie den im sozial konservativen Indien für Frauen nach wie vor waghalsigen Schritt: sie verlässt ihren gewalttätigen Ehemann und macht sich auf den Weg nach Delhi, in ein besseres Leben. Der Schritt gelang.
Ihre auf Bengali niedergeschriebene, jetzt ins Englische übersetzte Lebensgeschichte erntete Lobeshymnen in den Feuilletons der großen Tageszeitungen weltweit.
„Metropolis“ besucht diese ungewöhnliche junge Frau in Delhi im Haus des Lehrers, für den sie nach wie vor als Hausangestellte arbeitet und der sie zum Schreiben ihres Buches ermutigte.


Über sieben Brücken musst du gehen …
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(Real Video 6'44")

Literatur kann ein sehr wichtiges Mittel für „Weltöffnung“ sein. „Grenzüberschreitungen“ wagen, das ist das Anliegen von „Akshar“. Das Wort bedeutet im Sanskrit „Buchstabe“ oder „Alphabet“, zugleich bezeichnet es die kleinste Einheit, die nicht mehr zerstört werden kann. Damit ist Akshar ein schönes Symbol für das Vertrauen in die Sprache und ihre elementare Kraft. Ein deutsch-indisches Projekt „Stadtschreiber“ greift diesen Namen auf, um über Ländergrenzen hinweg einen literarischen Zugang zur Fremde entstehen zu lassen, ein vielfältiges Bild ganz persönlicher Eindrücke. Schließlich bildet zeitgenössische Literatur aus vielen Städten die „Zeitbefindlichkeit“ vieler schöpferischer Menschen ab. Denn gerade die Literatur kennt die Grenzlandschaften, die großen Brüche in den politischen und kulturellen Entwicklungen. Sieben indische und sieben deutsche Autoren reisen für jeweils vier Wochen in das jeweils andere Land und berichten in Tagebuch-Notizen von ihren Impressionen und Erfahrungen. Wird am Ende eine Collage der Befindlichkeiten da stehen? Poetische Grenzgänge auf jeweils sieben Brücken zwischen Indien und Deutschland. „Metropolis“ begleitet zwei deutsche und zwei indische Autoren auf ihrer Entdeckungsreise in der Fremde.

Erstellt: 27-09-06
Letzte Änderung: 19-10-06