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11/10/07

Michael Ondaatje: Divisadero

Michael Ondaatje, der 1943 auf Ceylon geborene Schriftsteller holländisch-tamilisch-singhalesischer Abstammung, der vor allem als Verfasser der verfilmten Geschichte vom „Englischen Patienten“ bekannt wurde, hat jetzt seinen fünften Roman als ersten nach sieben Jahren vorgelegt. Ein Buch von einer faszinierenden Kühnheit des Erzählens.

Die Wucht von Emily Brontés „Wuthering Heights“

Nur am Anfang, bis zur Seite 42, findet eine veritable Geschichte statt, allerdings eine von der Wucht der „Wuthering Heights“, Emily Brontés „Sturmhöhe“. Anna und die beiden Waisenkinder Claire und Coop wachsen wie Geschwister zu dritt auf einer abgelegenen Bergfarm im Kalifornien der achtziger Jahre auf. Als Anna sechzehn ist, zerbricht das Paradies. Sie und Coop entbrennen in Liebe. Der Vater entdeckt die Liebenden während eines großen Wirbelsturms. Er erschlägt fast den Jungen. Damit bricht die Familie auseinander – wie der Buchtitel „Divisadero“ - Trennung, Entfernung, Distanz – ankündigt. Anna und Coop verschwinden für immer aus dem gemeinsamen Leben, jeder für sich. Nie wieder werden beide miteinander in Kontakt sein.

„Wiederholte Spiegelungen“

Sie nimmt einen anderen Namen an. Später macht sie sich, inzwischen Literarhistorikerin in Berkeley, nach Europa auf, um im Landhaus des fiktiven französischen Dichters Lucien Segura dessen Leben nach dem Ersten Weltkrieg zu rekonstruieren und zu verfassen. Erfindet sie sein Leben? Jedenfalls ist es eine ganz andere Geschichte und doch wiederum nicht. Denn beide Geschichten hält Ondaatje meisterhaft und die Sache auf die Spitze treibend durch das literarische Verfahren der „Wiederholten Spiegelungen“ zusammen, die einst Goethe nach der Farbenlehre so genannt und verwandt hat. Durch die Wiederkehr von Themen, Motiven, Rhythmen, Zitaten, Konstellationen entsteht eine unterirdische Kontinuität im literarischen Text. Auch durch die mysteriöse Wiederkehr von Gegenständen wie dem blauen Küchentisch, auf dem in der einen Geschichte geliebt wird, in der anderen geschrieben. Solche Parallelitäten verbinden die verschiedenen Zeiten, Orte und Leben. Ein wichtiges Thema, das in beiden Geschichten auftaucht, ist das „Begehren eines Bruders“, die Liebe unter Kindheitsgefährten. Der Dichter Lucien Segura, der ebenfalls seine Familie verließ, wechselte mit diesem Verschwinden aus der Familie auch seine Identität als Schriftsteller. Plötzlich schrieb er – erfolgreich - Romane, in denen er seine ungelebte Liebe zur gleichaltrigen Neige-Fleur ausphantasierte, die inzwischen im Ersten Weltkrieg verstorben war. Alles, was hätte gewesen sein können!

Außenseiter der Gesellschaft

Immer wieder sind die Protagonisten Außenseiter der Gesellschaft. Coop, dem späteren Profispieler, löschen Verbrecher prügelnd sein Gedächtnis. Die Zigeunerfreunde von Segura gehen nachts auf Raubzüge in den Kirchen und berauben auch ihn selbst. Neige-Fleurs Mann Roman bringt in seinen Wutanfällen Menschen um. Auch Zitate und Gedanken kehren refrainartig wieder. So die Frage, ob man es schafft, „als Hauptperson des eigenen Lebens“ hervorzutreten, oder ob „sonst jemand diesen Rang einnehmen“ wird. Oder daß man im späteren Leben nur mit dem lebt, „was wir aus der Kindheit wieder zusammenfügen“. „Und so kommt es, daß ich überall auf Coops Leben stoße“, schreibt Anna. „Wir erleben unablässig unsere Geschichte wieder.“
Und auch das ist „Divisadero“: ein Roman über das, was die Existenz eines Dichters ausmacht. Die Wahrsagerin, die nichts von dem jungen Lucien Segura weiß, erkennt in ihm den Gärtner.
Nicht nur in seinem Geflecht von Bezügen, Verweisen, Spiegelungen, die ihn fast wundersam und spannend zugleich zusammenhalten und so etwas wie eine höhere Wahrheit des Lebens und des Erzählens verleihen, ist „Divisadero“ ein großer Roman, auch vor allem in der Schönheit seiner besonderen poetisch klaren, Erkennisse verheißenden Sprache.

Eine Rezension von Ariane Thomalla

Erstellt: 11-10-07
Letzte Änderung: 11-10-07